Prokrastination hochprofessionell

Mittwoch, 16:32 Uhr. Folgendes habe ich mir für heute vorgenommen: Steuererklärung abgeben, 10 Seiten eines E-Books schreiben und trainieren. Klingt jetzt erst einmal nicht viel. Aber schließlich habe ich ja heute auch Urlaub. Das Interessante dabei: Keinen dieser Punkte habe ich heute geschafft. Und dennoch bin ich mit meinem Tag zufrieden. Das wäre wohl nicht immer so gewesen, aber ich habe eine Technik entwickelt, um mit dem Prokrastinieren anders umzugehen — und der entscheidende Faktor dafür ist einfach nur die innere Einstellung.
Prokrastinieren hat gemeinhin einen schlechten Ruf. Dinge aufschieben. Faul herumliegen. Am Abend mit einem Gefühl ins Bett gehen, als wäre der Tag „voll für’n Arsch” gewesen. Aber wollen wir das wirklich? Wollen wir uns echt diesen negativen Gedanken aussetzen, nur weil wir an einem Tag nicht genau das erledigt haben, was wir uns vorgenommen haben? Und wollen wir um 16:32 Uhr schon aufgeben, weil wir all die Dinge eh nicht mehr erledigen können? Nein!
Die Kunst des aktiven Prokrastinierens
Die Kunst ist es – so pervers das klingen mag – das Prokrastinieren als eine Art Superpower anzuerkennen. Eine gewisse Scheiß-drauf-Mentalität ist da natürlich die Grundvoraussetzung. Vielleicht klappt es ja einfach nicht, dass wir an einem Tag exakt das machen, was wir uns vorgenommen haben. Vielleicht hat das gute Gründe, vielleicht auch nicht. So oder so. Wenn wir uns dadurch aktiv schlecht fühlen, reden wir uns nur selbst in einen Negativstrudel, sodass garantiert auch morgen wieder nichts so klappt wie wir es wollen.
Nutzen wir lieber die positiven Dinge am Prokrastinieren – all jene Dinge, die wir plötzlich als wichtiger erachten. Anstatt innerlich darüber zu jammern, was wir nicht alles stattdessen erledigen könnten, nutzen wir lieber unsere stark ausgeprägte Fähigkeit zum Selbstbescheißen. Tricksen wir uns aus und machen wir einfach die Dinge WIRKLICH, die wir stattdessen erledigen könnten.
10 Aktivitäten für einen prokrastinationserfüllten Tag
Genug der Erklärung. Um euch (und natürlich auch mir selbst) zu beweisen, dass diese Taktik auch wirklich klappt, findet ihr hier 10 Aktivitäten, die man an so einem prokrastinationserfüllten Tag erledigen kann. Nutzt diese Vorschläge als Inspiration und nennt mir anschließend in den Kommentaren jene Dinge, die an meinem nächsten Prokrastinationstag wichtiger als meine eigentliche Aufgabe sein könnten.
Auszeit vom Handy
Wirklich unproduktiv wird das Prokrastinieren erst dann, wenn man minütlich die Benachrichtigungen am Handy durchscrollt oder langweilige Spiele am Mobilgerät spielt. Dagegen hilft zum Beispiel die Forest App, die ich erst vor wenigen Tagen für mich entdeckt habe. Grob zusammengefasst funktioniert die so: Man wählt die gewünschte Smartphone-lose Zeit und pflanzt dann in der App einen virtuellen Baum. Entsperrt man daraufhin sein Handy, hat man immer diesen Baum vor Augen – so lange, bis man die voreingestellte Zeit ohne „Phubbing“ (wunderschönes Wort; hab ich erst durch die App gelernt) absolviert hat. Bricht man vorher ab, stirbt der Baum. Was bleibt, ist eine traurige Erinnerung: Beim Blick in den virtuellen Garten der App sieht man immer dieses armselige, tote Stückchen Holz, das man selbst zu verantworten hat. Wer will das schon?

Und nebenbei kann man sich mit der App noch wunderbar selbst bescheißen. Nur für alle Fälle. Ich lasse es euch frei, die Möglichkeiten dafür selbst zu erforschen.
Lesen
Nutzt die leere Zeit und nehmt ein gutes Buch zur Hand. Oder durchkämmt Blogs. Oder Wikipedia. Die Möglichkeiten sind so zahlreich, man kann sie gar nicht beschreiben. Bewegt euch beim Lesen vor allem in Themengebiete, in denen ihr euch vorher nicht ausgekannt habt. Das fesselt einerseits und bringt euch andererseits auch noch auf neue Ideen, die ihr aufschreiben und euch für den nächsten prokrastinationserfüllten Tag vornehmen könnt. Eine Quelle, die mir hierzu besonders gefällt: Medium.
Weiterbilden
Italienisch lernen. Spanisch lernen. Business-Englisch lernen. Schach lernen. Den richtigen Umgang mit Pflanzen lernen. Schach spielen lernen. Alles über die Finanzwelt lernen. Das sind nur einige wenige der Dinge, für die ich persönlich gerne mehr Zeit aufbringen würde. Und ich bin überzeugt davon, dass jeder eine riesige Liste an solchen Dingen im Kopf hat. Noch umfangreicher als die die Liste an Dingen, die es zu lernen wert ist, sind nur die Möglichkeiten, die uns das Internet (meist völlig kostenlos) dafür anbietet. Nutzt den Tag und setzt die Basis. Es ist dann auch völlig egal, ob es nur bei der Basis bleibt. Es macht gute Laune. Und ihr könnt noch lange darüber reden, dass ihr es versucht habt. Versprochen!
Tagträumen
Der einzige Unterschied zwischen dem Tagträumen und dem Faul-auf-der-Couch-rumliegen liegt darin, wie wir die Tätigkeit betrachten. Feiert euch doch mal selbst für gelegentliches Nichtsmachen und lasst euren Gedanken bzw. Träumen freien Lauf. Taucht ab in eure tiefsten Fantasiewelten. Bekämpft Drachen. Gewinnt einen Marathon. Träumt von euch selbst, wie ihr auf der Couch liegt. Irgendwann stoßt ihr auf einen Gedanken, den ihr auch tatsächlich umsetzen wollt.
Haushalt machen
Den Haushalt zu erledigen zählt eindeutig zu meinen Lieblingstätigkeiten an einem prokrastinationserfüllten Tag. Wie es im Kopf aussieht, so sieht es auch in der Wohnung aus, heißt es ja immer. Mit dem Abwasch und dem Frühjahrsputz schlagt ihr gleich zwei Fliegen mit einer Klappe – ihr kriegt euren Wohnraum sauber und fühlt euch auch mental gleich besser. Ein Tipp für echte Pro-krastinierer (das Wortspiel ist schlecht und ich weiß es): Mit einer Menge Übung könnt ihr den Haushalt und das Tagträumen sogar kombinieren. Funktioniert herrlich!
Gute Gespräche suchen
Sucht euch Menschen, mit denen ihr ein gutes Gespräch führen könnt. Die euch weiterhelfen, wenn mal nichts klappt. Die mit euch gemeinsam schlecht drauf sind, wenn ihr das gerade braucht. Die euch neue Dinge beibringen oder alte Dinge erklären. Wichtig ist einfach nur, dass das Gespräch irgendeinen Mehrwert bietet. Wenn schon sonst nichts dabei herausspringt, seid ihr danach zumindest um den Bruchteil eines Prozents klüger als vorher.
Mit alten Freunden schreiben
Alte Freunde sind doch irgendwie das Sinnbild von Prokrastination. Bei den meisten hat man sich einfach so lange nicht um die Freundschaft gekümmert, bis aus einem „guten Freund“ ein alter „Freund“ wurde. Das hat nicht nur negative Seiten. Schließlich kann man das nutzen, um in Gesprächen mit genau diesen Menschen in eine alte, lang vergangene Welt abzutauchen und sich so zu fühlen, als würde man gerade jetzt etwas erleben.
Spazieren gehen
Bringt euren Körper in Bewegung! Es muss ja nicht gleich ein kilometerweiter Lauf oder ein Besuch im Fitness-Studio sein, ein Spaziergang reicht völlig aus. Mehr als das. In Sachen Entspannung kommt so einem gemütlichen Ausflug zu Fuß nichts nach. Wie ihr den Spaziergang gestaltet, bleibt euch überlassen: Setzt die Kopfhörer auf und ignoriert die Menschen um euch rum. Begebt euch in den Wald und verhindert, dass ihr überhaupt Menschen begegnet. Lasst die Kopfhörer weg, sperrt euer Smartphone mit der Forest App und lauscht den Gesprächen der Menschen um euch herum.
Zurücklehnen und entspannen – mit Genuss
Wenn ihr euch gegen all diese Möglichkeiten entscheidet, dann lehnt euch doch einfach gemütlich zurück und chillt auf der Couch bei Netflix und gutem Essen. Das Wichtigste dabei: Fühlt euch nicht schlecht bei der Sache. Genießt es und akzeptiert es als wohlverdiente Auszeit. Nur wenn ihr das Couchen selbst zum Problem macht, wird es auch zu einem.
Blogartikel schreiben
Zu guter Letzt kommen wir zu der Tätigkeit, für die ich mich heute entschieden habe: einen Blogartikel schreiben. Oft hilft es, die tausenden wirren Gedanken auf einem virtuellen Blatt Papier festzuhalten. Was dabei heute herausgekommen ist? Ein Tweet über mich, ein völlig neues Projekt, in dem ich unverblümt alles schreiben kann, was ich will und ein erster 8388 Zeichen langer Artikel, den ich gleich mit Freude veröffentlichen werde.
Eure Meinung ist gefragt
Was denkt ihr zum Thema Prokrastinieren? Wie geht ihr damit um und welche Methoden habt ihr entwickelt, um an einem prokrastinationserfüllten Tag doch noch etwas zu erledigen? Ich freue mich auf euren Input in den Kommentaren!
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