Die Arbeit eines professionellen Übersetzers in der Praxis

Übersetzen ist eine komplexe Tätigkeit. Ein guter Übersetzer muss nicht nur seine Mutter- und die betreffende Fremdsprache beherrschen, sondern auch neue Entwicklungen im Auge behalten und neue Technologien optimal nutzen. Und damit meine ich sicher nicht Google-Übersetzer und andere Programme für maschinelle Übersetzungen, die sogar von Übersetzungsbüros oft gehypt werden. Vielmehr geht es mir um Tools, die einem Übersetzer die Arbeit wirklich erleichtern.

Professionalität verlangt Knowhow und die richtigen Hilfsmittel

Viele gute Übersetzer verlassen sich nicht nur auf ihre umfangreiche Erfahrung und ihr Fachwissen, sondern nutzen außerdem spezielle Übersetzungsprogramme — sogenannte CAT-Tools (CAT für Computer Aided Translation). Agenturen haben häufig selbst entwickelte Tools und verlangen auch den Freiberuflern, diese zu nutzen oder mit veralteten Versionen (Programme von vor 2007 sind leider keine Ausnahme) zu arbeiten.

Ganz klar: wirklich professionell sind beide Lösungen nicht. So unterstützen die neuesten Versionen spezieller Übersetzungsprogramme wie Trados Studio, memoQ oder Déjà Vu beispielsweise eine Vielzahl von Textformaten, ohne dass das Layout dadurch beeinträchtigt wird (Indesign, Quark, pdf, idml, usw.). Bei älteren Versionen und Eigenentwicklungen verliert der Übersetzer oft viel Zeit — und Geduld — durch langes Suchen. Die Folgen: Die Qualität leidet, der Übersetzer ist frustriert und meidet in Zukunft die betreffende Agentur („einmal und nie wieder!“).

Kein Google Übersetzer? Wie funktioniert dann so ein Übersetzungsprogramm?
 
Nun, da gibt es viele Unterschiede. Der wichtigste ist aber: Die Übersetzung kommt vom Übersetzer — und nicht von der Maschine. Die Software „unterstützt” den Übersetzer nur bei seiner Arbeit, soweit das möglich und vom Übersetzer gewünscht ist. Die Entscheidung liegt also letztendlich beim Übersetzer und nicht beim Computer. Doch wie funktioniert das genau und was braucht der Übersetzer dafür?

VORBEREITUNG

1. Sie liefern einen Text, nach Möglichkeit in Word- oder PowerPoint-Format. Auch Excel ist möglich, allerdings sind die Texte oft unübersichtlich, da das Programm eher für Zahlenmaterial gedacht ist.

!! Geben Sie unbedingt auch an, ob Abbildungen, Notizen usw. übersetzt werden sollen oder nicht. Bei gescannten pdf-Dateien wird oft ein Zuschlag für die Konvertierung in Word erhoben. Wenn Sie bereits eine Word-Datei haben, spart das für Sie Geld und für den Übersetzer Zeit.

2. Ihr Partner — ein freiberuflicher Übersetzer oder der Projektmanager einer Agentur — führt mit dem Übersetzungsprogramm eine Analyse durch:

Beispiel für einen Analysebericht mit Trados Studio 2014
  • Für Stammkunden und Wiederholungen im Text wird ein Rabatt gewährt. In großen Agenturen sind die Praktiken dabei oft zweifelhaft: Der Endkunde bekommt den Rabatt, der Übersetzer aber bekommt überhaupt nichts dafür bezahlt oder die bereits existierenden Übersetzungen werden für ihn „gesperrt“, zum Teil mit gravierenden Folgen. Sie bezahlen also für eine Leistung, die gar nicht erbracht wird und die Agentur steckt das Geld in die eigene Tasche. Mehr darüber erfahren Sie in meinem Blog „Nur ein kurzes Stück“.
  • Wenn der gesamte Text neu ist, wird der volle Wortpreis berechnet.
  • Auf dieser Grundlage wird dann ein Angebot für Sie erstellt.

3. Wird das Angebot angenommen, macht sich der Übersetzer an die Arbeit: Er importiert Ihre Textdatei und aktiviert alle Module und Funktionen, die er in diesem speziellen Fall für sinnvoll hält.

DER ÜBERSETZUNGSPROZESS

Im Übersetzungsprogramm Trados Studio 2014 (*) sieht eine importierte Datei so aus:

Links oben steht, was in der Übersetzungsdatenbank für den jeweiligen Kunden bereits gefunden wurde. Die gefundenen Übersetzungen werden vorgeschlagen. Der Übersetzer entscheidet dann, ob er diese übernehmen oder ändern möchte (so kann z. B. das französische „cuisson“ je nach Fall bzw. Gericht „Backen“, „Braten“ oder auch „Zubereitung“ oder „Kochen“ bedeuten). Rechts oben im Feld Term Recognition (Termbanksuche) erscheint eventuell spezielle Terminologie für den Kunden. Eine ausführliche Liste mit allen gespeicherten Begriffen findet der Übersetzer links im Fenster Termbase Viewer (Termbank).

Tipp: Wenn Sie über eine Excel-Liste mit betriebsinterner Terminologie verfügen, sollten Sie diese auf jeden Fall mitschicken. Der Übersetzung kommt das nur zugute.

Daneben befindet sich die importierte Word-Datei, hier eine mit dem Dateinamen SUBSTITUTEN_Belgien.docx. In der linken Spalte steht der Ausgangstext, in die rechte Spalte wird die Übersetzung eingegeben. Tippfehler, falsche Zahlen oder ein Wort, das von der Terminologie des Kunden abweicht, werden hervorgehoben.

QUALITÄTSSICHERUNG

Professionelle Übersetzungssoftware verfügt außerdem über einige Kontrollfunktionen, die dem Übersetzer Flüchtigkeitsfehler anzeigen. Neben der bekannten Rechtschreibkontrolle sind das:

  • eine Qualitätskontrolle: QA Checker,
  • eine Layout-Kontrolle: Tag Prüfung,
  • eine Terminologiekontrolle: Terminologieprüfung.

Der QA Checker kontrolliert, wie der Name schon sagt, die Qualität der Übersetzung. Wurde nichts vergessen, nichts doppelt getippt? Gibt es Fehler bei Zeiten, Daten usw.? 
 Bei der Tag- und der Terminologieprüfung geht es darum, ob das Layout bzw. die betriebsinterne Terminologie korrekt übernommen worden sind.

Je nachdem, welche Funktionen aktiviert worden sind, kann der Übersetzer durch Klicken der Schaltfläche Verify (Überprüfen) diese drei wichtigen Kontrollen in einem Schritt durchführen. Anschließend wird eine Übersicht über die — bewussten oder versehentlichen — Abweichungen von den eingestellten Werten und vom Ausgangstext angezeigt.

REVISION — EIN ZWEITER BLICK

Natürlich sind trotz all dieser Hilfsmittel Fehler nie ganz ausgeschlossen. Der Übersetzer konzentriert sich voll und ganz auf Ausgangs- und Zieltext — und übersieht dabei leider manchmal etwas.

Weil unser Gehirn schneller arbeitet, als wir lesen können, werden fehlende Dinge automatisch ergänzt. Kein Wunder also, dass man etwas „überliest“, denn gegen diesen Automatismus, selbst Informationen hinzuzufügen, muss man aktiv angehen.

Eine Überprüfung durch einen Kollegen ist daher für die Qualität einer Übersetzung ganz entscheidend.

Jede professionelle Agentur weiß das genau, und jeder Freiberufler geht davon aus, dass die Agentur auch dafür sorgt. Nur, wenn es ausdrücklich vereinbart worden ist, kümmert sich der Übersetzer selbst darum. Und bei meinen Direktkunden gehe ich genauso vor: Jede Übersetzung wird noch von einer anderen Person überprüft, damit höchste Qualität garantiert ist.

Viele Agenturen nehmen es damit allerdings nicht so genau. Noch vor Kurzem habe ich es erlebt, dass eine Agentur die Zahlung verweigert hat, weil der Text nicht „von einwandfreier Qualität“ gewesen sei. Und der Revisor? So etwas war nicht vorgesehen.

Agenturen, die auf eine Überprüfung verzichten, sind leider gar nicht so selten. Bei einigen Agenturen in Belgien weiß ich, dass es zwar eine Revisionsrunde gibt, diese aber in der Regel recht oberflächlich ist. Bei Agenturen in anderen Ländern (vielleicht also auch bei einem Ihrer Lieferanten) sind noch mehr Zweifel angebracht. Ob im berechneten Preis eigentlich eine Revision inbegriffen wäre, kann ich natürlich nicht beurteilen.

FRAGEN — VORHER, WÄHREND DER ARBEIT UND NACHHER

Viele halten Übersetzer für wandelnde Wörterbücher oder Lexika („Du hast doch gerade etwas über das Rentensystem übersetzt, das musst du doch wissen.“). Aber leider sind wir eben nicht allwissend.

Es gibt nur eine Person, die alle Fragen beantworten kann: Sie, der Kunde!

Sie wissen besser als alle anderen, was gemeint ist. Fragen sind deshalb meist unvermeidlich, und zwar vor dem Übersetzen (Soll der Leser gesiezt oder geduzt werden? Welches ist die Zielgruppe?), während des Übersetzens (Habe ich das richtig verstanden?) und auch nach dem Übersetzen (Waren Sie zufrieden? Wurden noch Dinge geändert, die in Zukunft berücksichtigt werden müssen?).

Wenn die erbrachte Leistung einwandfrei sein soll, sind solche Fragen unverzichtbar. Und wenn Ihr bisheriger Übersetzer solche Fragen noch nie gestellt hat, sollten Sie sich wiederum fragen, wie das denn sein kann. Oder Sie lesen einfach meinen Blog „Fragen steht frei — Antworten nicht“.

Vielfalt macht das Leben schön — aber mit Grenzen

Große Übersetzungsagenturen mit vielen Mitarbeitern (und hoher Fluktuation), bei denen der Chef nicht auch selbst als Übersetzer oder Überprüfer arbeitet, wissen zwar um die Existenz von CAT-Tools und arbeiten in der Regel auch damit, die Angestellten haben aber in 90 % der Fälle keine praktische Erfahrung damit. Die Projektmanager können Analysen durchführen und die Dateien für die Übersetzer vorbereiten — und mehr nicht. Was sie da vorbereitet haben und wo die Grenzen des Tools liegen, davon haben sie keine Ahnung.

Kleine Übersetzungsbüros und Freiberufler dagegen arbeiten jeden Tag mit ihrem Tool und kennen es ganz genau. Wenn ich z. B. von einem Kunden eine Bedienungsanleitung in pdf-Format erhalten, weiß ich sofort, dass ich prüfen muss, ob nicht nach jedem Satz ein Absatzumbruch eingefügt worden ist, denn ansonsten ist das Layout im Eimer.

Daher mein guter Rat:

Ein guter Übersetzungspartner weiß, wovon er spricht, weil er sich tagtäglich mit seinen Fachgebieten und seinen Hilfsmitteln beschäftigt.

Lektüretipp: Rage against the machine: Was professionelle Übersetzer und Taxifahrer miteinander gemein haben (oder auch: Uber und maschinelle Übersetzungen).

(*) Achtung: Die Abbildungen und Beschreibungen beziehen sich auf Trados Studio 2014. Andere professionelle CAT-Tools sind auf keinen Fall schlechter. Wichtig ist nur, dass es möglich ist, professionell mit dem Programm zu arbeiten.