Gesucht: freiberufliche Übersetzer (m/w)

Die Prüfungen sind geschafft; die frischgebackenen Absolventen strömen auf den Arbeitsmarkt. Wer sind sie? Was haben sie vor? Was erwarten sie? Eine Festanstellung oder doch die Verwirklichung ihrer Träume? Ich möchte an dieser Stelle an die Unternehmer unter ihnen appellieren und versuchen, sie für ein Dasein als Freiberufler zu begeistern. Denn wir — die erfahrenen Übersetzer — warten auf Nachwuchs!

Als ich im Jahr 2001 meinen Abschluss als Übersetzerin für Französisch und Deutsch in der Tasche hatte, wusste ich genau, was ich wollte: übersetzen. Mit diesem Wunsch war ich ziemlich allein, denn den Statistiken der Hochschule zufolge hatte nur ein Drittel der Studenten der Übersetzungswissenschaft ein ähnliches Ziel. Ich weiß nicht, was die Statistiken von heute sagen, aber ich fürchte, dass die Situation in der Übersetzungsbranche kaum besser ist. Die Medien und Google Übersetzer tun dazu ein Übriges.

Jeder hat seinen eigenen Traum, und wenn man sich nicht vorstellen kann, den ganzen Tag allein vor dem Computer zu sitzen, kommt ein Job als freiberuflicher Übersetzer tatsächlich eher nicht in Frage. Und doch habe ich den Eindruck, dass die Medien, wenn sie die Zukunftsperspektiven der Sprachenberufe leugnen, die Studierenden in eine falsche Richtung drängen. Die Tatsache, dass kein einziger sprachwissenschaftlicher Beruf (Übersetzer, Texter, technischer Redakteur, Dolmetscher, Sprachlehrer und –dozent usw.) auf der Liste der Berufe mit hohem Fachkräftemangel in Flandern 2015 steht, macht mich stutzig. Und in den Niederlanden ist es sogar noch schlimmer (siehe „HBO tolk en vertaler“).

Holländische Zeitung ‘De Volkskrant’ (2014)

Ich — und mit mir zahlreiche Kollegen aus meinem internationalen Netzwerk — stellen nämlich regelmäßig fest, dass es an guten Übersetzern mangelt. Besonders kritisch ist die Situation bei technischen Übersetzungen aus dem Deutschen und ins Deutsche sowie aus dem Französischen ins Niederländische. Zwar gibt es hoch qualifizierte Übersetzer, das Problem ist aber ihre Verfügbarkeit, die Möglichkeit also, dass sie eine Übersetzung innerhalb einer für den Kunden angemessenen Frist anfertigen können, denn Arbeit haben diese Profis genug.

Eigentlich ist die Situation die gleiche wie in jeder Branche: Wer gut ist, kann es sich leisten, Angebote abzulehnen und Forderungen zu stellen. Es bleibt oft auch keine andere Möglichkeit, denn auch wenn man noch so gerne möchte, man hat nur ein Leben, einen Kopf, zwei Hände. Ein Tag hat nur 24 Stunden und es ist unmöglich, 12 Stunden davon zu übersetzen. Dafür ist die Tätigkeit zu anspruchsvoll, zu belastend für den Kopf und die Konzentration.

Wenn dann alles zu viel wird, wünscht man sich als Freiberufler jemanden, auf den man zurückgreifen kann, der einspringt, sodass man den Kunden oder Auftrag nicht verliert. Natürlich muss das jemand sein, für den Sie die Hand ins Feuer legen, jemand, dem Sie Ihren besten Kunden anvertrauen würden.

Deshalb also mein Aufruf an alle jungen Studienabgänger mit Unternehmergeist: Denkt ernsthaft über eine Existenz als freiberuflicher Übersetzer nach. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann später, denn wir, die selbstständigen Übersetzer brauchen Verstärkung, vor allem für die gängigen Sprachen Französisch, Englisch, Niederländisch und nicht zuletzt Deutsch.

Wer sich davon angesprochen fühlt, hat folgende Möglichkeiten:

-entweder ihr sammelt (wie ich) zunächst Erfahrung in einem Unternehmen und/oder Übersetzungsbüro, um später Schritt für Schritt und zunächst nebenbei als Freiberufler durchzustarten,
- oder ihr wagt sofort den Sprung ins Ungewisse, ABER mit einem erfahrenen Kollegen als Mentor.

Beide Wege haben Vor- und Nachteile. Mein Weg bietet finanzielle Sicherheit und man sammelt die erforderliche Erfahrung im Geschäftsleben. Andererseits ist man von einem Chef abhängig, dem es vielleicht auf andere Werte ankommt, als einem in der Schule — zu Recht — vermittelt wurden.

Die zweite Möglichkeit bietet viel mehr Freiheit, mit allen Höhen und Tiefen. Es ist und bleibt ein Sprung ins Ungewisse. Um die Fallhöhe etwas zu reduzieren, ist daher ein erfahrener Übersetzerkollege als Backup sinnvoll. Eine solche Zusammenarbeit hat Vorteile für beide Seiten und ist für Newbies unschätzbar wertvoll:

-Erfahrene Freiberufler wissen, welche Fachgebiete in den betreffenden Sprachkombinationen häufig verlangt werden und ob diese für euch in Frage kommen.
- Sie können Auskunft darüber geben, welche Mindesttarife angesichts der üblichen Marktpreise für die gebotene Qualität gelten.
- Und sie wissen auch, um welche Agenturen man besser einen großen Bogen machen sollte: Wer bietet schlechte Bedingungen, zahlt Dumpingpreise und setzt unmögliche Deadlines?

Erfahrene Übersetzer bekommen so mittelfristig Kollegen, denen sie getrost ihre Arbeit anvertrauen, und die sie auch anderen empfehlen können. So können sich die Neulinge weiter entfalten und den eigenen Weg gehen.

Wer jetzt Lust auf ein Dasein als Freiberufler bekommen hat, aber noch nicht ganz überzeugt ist, kann sich gern per E-Mail an mich wenden und um ausführliche Infos über die Vorteile als selbstständiger Übersetzer bitten, denn trotz des Papierkrams und des Aufwands mit dem Finanzamt wiegen diese die Nachteile auf. Das kann jeder Freiberufler bestätigen!

Empfehlenswert zu diesem Thema ist auch der Blogeintrag ’20 Tipps für mehr Erfolg als Übersetzer’. Ich kann sie allesamt bestätigen!

Wer Genaueres über die Bedeutung der Zusammenarbeit mit anderen freiberuflichen Übersetzern erfahren möchte, findet Infos dazu auch im englischen Blog ‘Nice or nasty? Which translators finish first?

Els Peleman
EP Vertalingen

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