Von über- und unpünktlichen Schweizern.
Die Stereotypisierung und ihre Auswirkung auf interkulturelle Kommunikation.
Sie sind pünktlich, diskret, detailverliebt und lieben Käse — auch wenn ich nicht schon im Titel einen Schweizer erwähnt hätte, hätten viele Leserinnen und Leser gewusst, welcher Nationalität die Personen angehören, die ich beschreibe. Aber warum? Die Antwort: Stereotype gegenüber Volksgruppen und Nationalitäten.
Stereotype — eine kurze Definition
Stereotype sind eng verwoben mit Vorurteilen. Bei beiden spielt die soziale Einstellung eine entscheidende Rolle. Auswirkungen haben Stereotype auf das vermeintliche Wissen, aber auch auf die Gefühle und das Verhalten gegenüber Personen. Aber wozu brauchen wir Stereotype?
Sie helfen uns in mehrerlei Hinsicht:
* bieten Orientierung
* helfen Menschen sich anzupassen und zu integrieren, aber auch abzugrenzen und eine eigenen Identität zu finden
* ermöglichen Personen, ein positives Bild von sich selbst und der eigenen Gruppe zu haben
Außerdem rechtfertigen sich Menschen gerne durch Vorurteile, wenn sie sich einer Gruppe gegenüber „unpassend“ verhalten haben.
Wie schon zu erkennen ist, bereiten sie mehrere Probleme: Stereotype brechen Eigenschaften und Wissen über Personengruppen sehr stark herunter. Individualität wird nicht berücksichtigt. Menschen und Dinge werden nur aufgrund vorangegangener Ereignisse bewertet. Der größte Nachteil: Sind Stereotype einmal in unserem Kopf, sind sie nur schwer wieder zu beseitigen.
Interkulturelle Kommunikation und Stereotype
Was mit Stereotypen in kleinen Gruppen beginnt, gibt es auch im supranationalen Umfeld. Gerade durch die Globalisierung und Digitalisierung gibt es immer mehr Kontaktpunkte zwischen Menschen verschiedener Nationalitäten. Interkulturelle Kommunikation findet dabei schon lange nicht mehr nur im Urlaub satt, sondern auch im täglichen Arbeitsleben.
Stereotype haben in den meisten Fällen eine negative Auswirkung auf diese Kommunikationsgeschehnisse. Missverständnisse sind nicht nur auf sprachlicher Ebene vorprogrammiert. Verletzte Gefühle oder das Beenden von Zusammenarbeiten sind nicht selten die Folge.
Was bei Stereotypen in der interkulturellen Kommunikation oft eine Rolle spielt, ist Unsicherheit — sowohl im Umgang mit anderen Nationalitäten, aber auch mit Individuen. In seiner Theorie geht William B. Gudykunst genauer auf die Aspekte Unsicherheit und Angst ein.
Die „Anxiety/Uncertainty Management“-Theorie — kurz AUM
Ziel der Theorie des kalifornischen Professors für Kommunikation ist eine effektive Kommunikation. Dazu gilt es das Gefühl der Angst und den kognitiven Gedanken der Unsicherheit zu managen — und damit auch die eigenen Stereotype. Beide primären Ursachen trennt er strikt, auch wenn einzelne spezifische Ursachen sowohl zu Angst als auch zu Unsicherheit führen können.
Von der persönlichen Identität über die eigene Motivation und soziale Kategorisierung (Vergleich: Stereotyp) bis hin zu spezifischen Situationen oder Verbindungen mit anderen Personen einer Nationalität — es gibt mehrere Gründe, warum Angst und Unsicherheit entstehen kann.
Das Gefühl und / oder den Gedanken zu managen ist dann entscheidend. Wichtig ist es dabei sowohl als Sender, als auch als Empfänger einer Nachricht achtsam zu sein und Missverständnisse schnell aufzuklären. Auch ein Verständnis füreinander und für die Schwierigkeiten interkultureller Kommunikation sind meiner Meinung nach entscheidend.
Persönliches Fazit
Auch wenn Stereotype teilweise hilfreich sind, sind sie für interkulturelle Kommunikation klar hinderlich. Sie abzulegen ist das (vermeintlich schwierige) Ziel. Einen Schritt in diese Richtung habe ich schon gemacht: Immerhin kenne ich zumindest einen Schweizer, der unpünktlich ist. Sie auch?
Quellen:
Universität Regensburg: Soziale Identität: Kategorisierung, Stereotypisierung, Vorurteile. Im Internet: http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_II/Psychologie/Thomas/lehre/Intkultpsychologie/Folien0506/Kapitel_08.PDF (eingesehen am 2. März 2016)
Jingtao Yu: Stereotypisierung im interkulturellen Kontext. Im Internet: http://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/45230/ssoar-interculturej-2006-2-yu-Stereotypisierung_im_interkulturellen_Kontext.pdf?sequence=1 (eingesehen am 2. März 2016)
William B. Gudykunst: A Schematic Representation of AUM Theory
Dieser Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung “Inter- und intrakulturelle Kommunikation” am Lehrgang “Public Communication” der FH JOANNEUM. #com15iik