Bearphobia

Meine Rundreise durch die Rocky Mountains, Teil 5

Man ist nie zu alt für Mutproben: Zehn Kilometer zu Fuß von jeglicher Zivilisation entfernt, verbrachte ich eine Nacht in der Heimat der Bären.

So wunderschön all die Natursehenswürdigkeiten im Yellowstone Nationalpark auch sind, man läuft überall Touristen in Massen über den Weg. Nach drei Tagen Mainstream-Tourismus, frohlockte die Aussicht auf Einsamkeit. Um diese zu erreichen, habe ich bereits lange im Voraus angefangen zu planen. Nur mit einer konkreten Wanderroute und dem genauen Wandertermin, eingetragen auf einem Formular, das man Wochen vorher per Fax (!) an das Backcountry Office sendet, erhält man eine Genehmigung für das Backcountry Camping.

Der Weg zum Electric Peak

Mit solch einem Vorhaben lernt man auch die Vorliebe der amerikanischen Seele für Angstszenarien kennen und wird mit Vorschriften und Warnhinweisen über und über gefüttert: Niemals Essen draußen liegen lassen, keine Wasserflaschen mit ins Zelt nehmen, immer ein Bärenspray zur Hand haben und am besten in Gruppen mindestens zu dritt wandern gehen. Das alles sagen gebetsmühlenartig die Reiseführer, die Park Ranger, die Campingplatz-Mitarbeiter, die unzähligen Hinweisschilder, sämtliche zu unterschreibende Wischs und das obligatorische Videotutorial, das ich mir beim Abholen der Backcountry Permit anschauen musste. Vielleicht bin ich zu zart besaitet, aber ich hätte mir gewünscht, dass nur ein Mal einer sagt, es wird schon alles gut gehen.

Bärenspray

Ich traf natürlich alle genannten Vorsichtsmaßnahmen, außer einer: Ich ging alleine in die Wildnis. Um so wichtiger war die Anschaffung eines Bärensprays. 45 Dollar kostete dieses Stück Sicherheit und ist natürlich nicht umtauschbar. Auch wenn nie benutzt. (Erst später erfuhr ich, dass man die Sprays auch leihen kann.) Aber irgendwie war ich auch stolz auf mein eigenes Bärenspray. Es war sogar ein Halfter dabei, damit man es am Gürtel tragen und im Fall der Fälle Sheriff-mäßig schnell ziehen konnte. Ein klitzekleinwenig konnte ich nun das Stolzgefühl nachvollziehen, das eine eigene Waffe mit sich brachte.

Bepackt mit besagtem Pfefferspray, einem großem Rucksack und einer offiziellen Backcountry Permit, die mir sagte, an welchem Ort zu welchem Zeitpunkt ich in der Wildnis mein Zelt aufschlagen durfte, machte ich mich auf den Weg. Mein Plan war am Fuße des Electric Peaks ein Basecamp aufzuschlagen, am zweiten Tag mit leichtem Gepäck gemütlich den Gipfel zu erklimmen und am dritten Tag dann wieder rauszulaufen.


Mit Ausblick auf den Electric Peak wanderte ich vom Parkplatz aus eine Stunde lang bei sengender Sonne über weite Felder, bis ich an ein beschauliches kleines Gewässer kam — dem Glen Creek. Von da an ging es auf einem hügeligen Pfad immer tiefer in geheimnisvolle Wälder. Wie in dem Videotutorial empfohlen, klatschte ich regelmäßig laut in die Hände, um Bären zu vertreiben. Durch Waldstücke klatschte ich, an nicht gut einsehbaren Kurven klatschte ich, an Gewässern klatschte ich; einfach immer klatschte ich und ich klatschte mir die Hände wund. Die Phobie war da.

Bärensichere Gepäckaufbewahrung

Nach 10 km, ohne irgendeinen anderen Wanderer zu sichten, fand ich meinen großzügigen Zeltplatz mit allem Drum und Dran: einer Feuerstelle, einem Balken zum Aufhängen des Gepäcks, einem leichtem Zugang zum Wasser und einem etwas abgelegeneren Platz zum Zelt aufschlagen. Denn, wie ich gelernt hatte, man soll nie am Wasser und nie in der Nähe vom Essen bzw. von Essensplätzen schlafen.

Nachdem ich alles ordnungsgemäß aufgebaut und untergebracht hatte, dachte ich mir, ich hätte was zum Lesen mitnehmen sollen. Es waren noch fünf Stunden bis Sonnenuntergang. Fünf Stunden mit einer leichten Phobie, dass ein Bär um die Ecke kommen könnte. Ich kann nur sagen, die Natur zu genießen, wenn man damit rechnet, dass sie einen jeden Moment auffrisst, ist schwierig. Nichts desto trotz ließ ich das Tal, das vor mir lag, auf mich wirken und hatte das Gefühl, es gehöre mir ganz alleine. Keine Menschenseele weit und breit, kein Lärm und die nächste Straße war 10 km zu Fuß entfernt.

Mein eigenes, einsames Tal

In der Wildnis wird auch trinken, essen und auf’s Klo gehen zum Abenteuer. Das Wasser aus dem Bach musste ich abkochen, das Essen war professionelles Outdoor-Food für Campingkocher und aufs Klo gehen konnte ich in meinem Tal, wo immer ich wollte. Ich machte mir ein Spaß daraus, nie an die gleiche Stelle zu pinkeln.


Leider hatte ich seit der Ankunft in meinem Refugium pochende Kopfschmerzen und dieser entpuppten sich als ausgewachsene Migräne. Im Nachhinein stellte ich die recht wahrscheinliche Diagnose, dass mir die mittägliche Höhensonne bei der Wanderung durch das weite Feld einen ordentlichen Sonnenstich verpasst hatte. Dieser zwang mich nach dem Essen in mein Zelt zu liegen. Dämlich nur, dass ausgerechnet meine Lieblingsschmerztabletten im Auto lagen und nicht teil meines enormen Backpacks waren. Ich hoffte, es ginge vorbei. Aber leider war das Gegenteil der Fall: es wurde immer schlimmer.

So lag ich also einsam und alleine — und ich möchte auch noch hilflos hinzufügen — in meinem Zelt und wartete darauf, dass mein Kopf explodierte oder ein Bär mich fraß. Und das tat ich die gesamte Nacht. Das war sicherlich einer der längsten Nächte in meinem Leben. Im Rhythmus von 30 Minuten starrte ich auf die Uhr und war jedes Mal aufs neue entsetzt, dass die Nacht noch so lange dauern würde.

Der Höhepunkt war, als ich dank der Migräne die mit heißem Wasser überschütteten ehemals gefriergetrockneten Macaroni & Cheese wieder ausspie. Und zwar direkt vor mein Zelt. Erst dachte ich “super, ich hab’s vor das Zelt geschafft”. Dann erinnerte ich mich, dass man nichts, rein gar nichts was stark riecht, bei seinem Schlafplatz haben sollte. Nun ja, Erbrochenes gehört nun nicht zu den dezent riechenden Körperausscheidungen. Wie erbärmlich diese Vorstellung ist: Gefressen worden, weil die eigene Kotze einen Bären angelockt hat.

Was tun? In meiner Verzweiflung wischte ich mit meiner (ausgezogenen) langen Unterhose mein Erbrochenes vom Waldboden auf und schmiss diese ganz weit weg. Auf einer Skala der Selbsterniedrigung, rangiert diese Nacht also ganz weit oben.

Endlich die Morgensonne

Aber es ging vorbei und eine zweite Nacht wollte ich an diesem unsäglichen Ort nicht verbringen. Den Gipfel des Electric Peaks hinter mir lassend — mein Mahnmal des Versagens — war ich gottfroh am Campingplatz von Mammoth noch einen Platz für mein Zelt zu bekommen.

Stolz antwortete ich auf die Floskel “How are you doing?” mit “I’m just coming back from my backcountry camping.” Als die Dame die üblichen Vorschriften und Hinweise zu den Bären runterbeten wollte, unterbrach sie sich selbst und sagte, sie brauche mir das alles nicht zu erklären. Wenn ich Backcountry-Erfahrung habe, sei ich ja ein Profi. Hihi, ich darf mich Profi nennen. Dafür hat es sich dann doch gelohnt.

Fortsetzung folgt in Cowboy Climax

Auf der Strecke nach Cody
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