Cowboy Climax

Meine Rundreise durch die Rocky Mountains, Teil 6

Nichts ist unwahrscheinlicher, als in einem 1000-Seelen-Ort in der Einöde des ehemaligen Wilden Westens einen attraktiven, schwulen Mann zu finden, den man am liebsten heiraten möchte. Aber genau das geschah.

Ich begab mich auf die Spuren von Buffalo Bill. Man sagt, er war einer der allerersten Celebrities auf Weltniveau — zum Anfang des 20. Jahrhunderts war er weit über die Landesgrenzen der USA bekannt, vor allem in Europa. Vermutlich hat keiner das Bild vom Wilden Westen so stark geprägt wie er. Zu jener Zeit, als der Zensus feststellte, dass es in den USA keine unbewohnten Lanstriche mehr gab (1892), die Zeit des unerforschten Wilden Westens somit offiziell endete, Karl May Winnetou in seinen Büchern zum Leben erweckte (1893) und der allererste Western der Filmgeschichte gedreht wurde (“The Great Train Robbery” in 1903), war Buffalo Bill groß.

Mit bürgerlichen Namen hieß er William Frederick Cody und auf seiner Jagd nach Bisons (früher fälschlicherweise als Buffalos bezeichnet) machte er von sich reden. Geschichten über ihn wurden zur Legende. Schon zu seinen Lebzeiten gab es Groschenromane, Comics, Spielzeuge und vor allen Dingen Shows über ihn. Der Clou war, Buffalo Bill spielte sich in den Shows selbst. Am Anfang waren es lahme Theaterstücke und Buffalo Bills schauspielerische Leistungen ließen sehr zu wünschen übrig. Aber dann hatte er eine Idee und begründete damit das moderne Showgeschäft. Er machte aus den Theaterstücken eine Live-Action-Aufführung mit unzähligen Pferden und 200 Darstellern. Zu sehen bekamen die Leute Bison­jag­­den, Postkut­­schen­über­fälle, Cowboys auf bockenden Pferden, Wettrennen, Indianer­tänze und natürlich Kämpfe zwischen Indianern und Cowboys. Sowas wie Zirkus mit Handlung. Oder wie Apassionata für Männer.

Gemälde aus dem Buffalo Bill Center of the West

Damit ging Bill Cody jährlich auf Tournee, erst in den USA, dann auch in Europa. Er traf dort Queen Victoria, Kaiser Wilhelm II. und Papst Leo XIII.. Im badischen Karlsruhe werden die Einwohner der Südstadt bis heute noch “Südstadtindianer” genannt — man vermutet, dass sie seit 1891 diesen Namen tragen. Damals trat Buffalo Bill in dem besagten Stadtteil auf und sorgte mit der “wild-roman­ti­­schen Schönheit” seiner Show für Aufsehen.

Cody Nite Rodeo

Bill Cody war damit so erfolgreich, dass er ein wohlhabender Mann wurde und eine Stadt in Wyoming mit seinem Namen gründete: Cody. Besagten Ort suchte ich auf und fand dort nicht nur Cowboy- und Heteroklischees.

Zu seinen Ehren ist der 7 Hektar großes Museumskomplex “Buffalo Bill Center of the West” gewidmet. In der Tat nimmt Buffalo Bill nur ein Fünftel des Komplexes ein. Des weiteren findet man darin Museen für Natur, Kunst, Indianer und Schusswaffen. Alles mit viel Anschauungsmaterial — insbesondere bei den Schusswaffen — und fast alles auf höchstem didaktischen Niveau — außer bei den Schusswaffen.

Ausstellungsvitrine im Schusswaffenmuseum

Cody nennt sich zudem die Rodeo-Hauptstadt der Welt. 90 Tage am Stück wird jeden Abend im Sommer eine Rodeoshow geboten. Mein erstes Rodeo, das ich also live sah. Und die Faszination war groß.

Dank des überfreundlichen Ticketverkäufers, wusste ich, wo die besten Sitzplätze waren: direkt hinter den Startkabinen. In der ersten Reihe saß ich nun und konnte direkt auf die Rodeoreiter schauen. Keine Kostüme. Das waren echte Kerle mit ausgewetzten Jeans, karierten Hemden, ledernen Cowboystiefeln und stolz getragenen Cowboyhüte — und das alles völlig unironisch und unprätentiös. Wie ein Voyeuer blickte ich über das Geländer und versuchte aufzusaugen was ich sah; mir vorzustellen, wie es ist hier zu leben und ein realer Teil dieser von Stallgeruch und Prärie gezeichneten Welt zu sein.

Stampede Park in Cody

Ich beobachtete die Stiere, wie sie ahnungslos in die Stahlgittergassen geführt wurden. Dort wurde ihnen der schmerzhafte Gurt angelegt, der ihnen kräftig die Hoden abklemmte, während ein Reiter sich auf sie setzte. Sobald sich das Gatter öffnete, verschafften sich die Stiere Genugtuung indem sie wild bockten und sich bemühten den Reiter so hoch wie möglich von ihren Rücken zu schleudern. Unter dem großen Schmerz werden die Tiere fuchsteufelswild und der Reiter versucht mit all seiner Kraft mindestens acht Sekunden auf dem Tier zu bleiben. Dieser fällt früher oder später, häufig schmerzhaft, auf den sandigen Boden der Rodeoarena.

Ein Kerl, der hier seinen Mann steht, der in den Ring mit dem Tier steigt, der sich in diesen bilateralen Sadismus-Masochismus begibt, so einen würde ich gerne mal kennenlernen. Nach sechs Tagen komplett ohne WiFi, ohne Internet — quasi einer konsequente Online-Detox — warf ich in Cody neugierig die ortsbasierten Dating-Apps an. Aber Rodeoreiter fand ich da nicht. Cowboys und Farmer augenscheinlich auch nicht. Aber Chase.

Cody Nite Rodeo

In einer seiner Nachrichten stand drin: “I am a tech guy at a cable company.” Naja, nicht mal nah dran am Cowboy. Aber die Fotos waren ausgesprochen ansprechend und so kamen wir ins Chatgespräch. Leider immer etwas zeitverzögert. Dank meiner letzten sechs Übernachtungen im Freien, war mein Schlafrhythmus’ so eingestellt, dass ich schon um 22 Uhr hundemüde wurde und am nächsten morgen um 6 Uhr schon wach war.

Abreisetag in Cody. Noch mal online gehen, um mit Chase ein wenig zu chatten. Wir fanden es beide schade, dass wir uns nicht kennengelernt haben. Und keine Ahnung mehr wie dieser Chatverlauf war, aber wie sich herausstellte, ist ein “tech guy” jemand, der mit dem Auto rumfährt und Kabelfernsehen bei Leuten installiert oder repariert. Zumindest, wenn es was zu tun gibt. Wenn ein tech guy nichts zu tun hat, dann besucht er vormittags deutsche Jungs in deren Motels. Zum Glück war Check-out-Zeit erst um 11 Uhr.

Gemälde aus dem Buffalo Bill Center of the West

Chase war ein Kerl, ohne Frage. Ein Junge vom Land, leichte Bartstopeln, auf die er sicherlich stolz war, eine Baseball-Cap auf dem Kopf, ein unverfälschtes Lächeln und eben die gleiche unprätentiöse Einstellung zum Leben und zu sich wie die Rodeoreiter. Er ist Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr im Ort, ist gerne in der Natur und liebt seine Familie, seine Freunde. Mit denen stellt er aus Ziegenmilch und Bienenhonig u.a. handgemachte Seifen her, die sie bei Etsy verkaufen. Er hat zwar schon mal darüber nachgedacht in die Stadt zu ziehen, hat sich dann aber dagegen entschieden. Zu viele Dinge halten ihn hier in der Prärie des ehemaligen Wilden Westens.

Hätte er mich nach unserer gemeinsamen Stunde in meinem schäbigen Motelzimmer gebeten einen Tag länger zu bleiben, dann hätte ich es gemacht. Hätte er mich gebeten wieder zu kommen, ich hätte es wahrscheinlich gemacht. Hätte er mich gebeten, meinen nächsten Urlaub mit ihm zu verbringen, ich würde ernsthaft drüber nachdenken.

Aber Momente können tausend mal romantischer, gefühlvoller als Zeitspannen sein. Sie konservieren die Essenz einer Begegnung ohne jegliche Irrwege, ohne Komplikationen, ohne Erbärmlichkeiten, ohne falschen Stolz, ohne Missverständnisse und — ich möchte meinen — sogar ohne falschen Pathos. Dieser Moment mit Chase in Cody, wird für immer mein persönlicher Cowboy Climax sein.

Fortsetzung folgt in Journey to the Shrines

1890’s Old Trail Town in Cody
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