Profischiedsrichter — jetzt!

Der 21. Februar 2016 wird nicht als Feiertag in die Bundesliga-Geschichte eingehen. Zwar trafen sich Dortmund und Leverkusen zum Spitzenspiel, aber Schiedsrichter Felix Zwayer und Roger Schmidt sorgten für eine knapp zehnminütige Unterbrechung, die weltweit Schlagzeilen machte.

Zwayer entschied sich dabei bewusst, das eingeforderte Gespräch mit Schmidt zu verweigern und das Spiel so lange zu unterbrechen, bis der Leverkusen-Trainer auf die Tribüne geht.

Als Spielleiter ist es Zwayers Aufgabe, für einen regelkonformen Ablauf des Spiels zu sorgen. Der 34-jährige Immobilienkaufmann fand in diesem Moment aber etwas anderes wichtiger: Seinen verletzten Stolz.

Zwayer — wie er nach dem Spiel zugab — empfand die Geste von Schmidt, mit der er ein Gespräch verlangte, als respektlos und nahm es daher in Kauf, notfalls lieber ein Spiel abzubrechen, mindestens aber zu unterbrechen, anstatt über seinen eigenen Schatten zu springen und Schmidt in kurzen, knappen Worten zu erklären, warum er auf die Tribüne muss. Wohlgemerkt, nachdem er selbst Schmidt zuvor per Geste aus dem Innenraum beorderte.

Das zeigt gleich mehrere Probleme des Schiedsrichterwesens in der Bundesliga auf. a) Ein Schiedsrichter verfügt über keine Sonderstellung, obwohl der Mann mit der Pfeife das zuweilen denkt. Er muss nicht respektvoller als andere behandelt werden, sondern einfach nur gleichwertig. Wer per Geste kommuniziert, muss damit leben, dass sein Gegenüber es auch tut.

b) Zwayer hat sich entschieden, ein Zeichen zu setzen. Niemals — NIEMALS — darf sich ein Schiedsrichter so zum Hauptdarsteller stilisieren und außer Acht lassen, dass seine Aufgabe ist, das Spiel in geregelten Bahnen zu leiten.

c) Zwayer ist völlig unvorbereitet und unqualifiziert für eine solche Situation. Das ist nicht per se Zwayers Schuld, sondern einfach dem Umstand geschuldet, dass er ein Amateur ist — wie jeder Fußball-Schiedsrichter in Deutschland. Zwayer kann durch seine hauptberuflichen Verpflichtungen nicht dem komplexen Wesen eines Fußballspiels Herr werden. Wer würde einem Arzt vertrauen, der im Hauptberuf Polizist ist und nur nebenbei operiert? Wer würde einem Anwalt vertrauen, für den es nur ein (gut bezahltes) Hobby neben der Arbeit ist? Richtig: niemand. Es kommt mir fast schon lächerlich vor, dass es im Jahr 2016, über 50 Jahre nach der Bundesliga-Gründung, keine ernsthafte Diskussion über Profischiedsrichter gibt.

d) Reflexartig wird Zwayer von allen Seiten geschützt und jede Kritik vermieden. Ein Zeichen für den Breitensport! Dort wird es immer schlimmer! Endlich zeigt’s denen einer mal! (Dass die Probleme auf dem Dorfplatz nicht daher rühren, dass Trainer Gespräche mit dem Schiedsrichter einfordern, haben die meisten hierbei vergessen.) Eine kritische und transparente Auseinandersetzung mit Zwayers Leistung ist nicht möglich und von DFB-Seite wahrscheinlich auch nicht mal gewünscht.

e) Völlig intransparent ist auch die Aufarbeitung des DFB in diesem Fall. Neben ein paar öffentlichen Aussagen, die Zwayer den Rücken stärken sollen, gibt es nichts vom DFB. War der Freistoß vor dem 1:0 korrekt gepfiffen? Sollten Spiele immer unterbrochen werden, wenn Trainer nicht sofort auf die Tribüne wollen? Was ist mit dem Handelfmeter? Viele Fragen, keine Antworten.

Das Schiedsrichterwesen hängt den Zeiten kolossal nach. Wie der deutsche Fußball nach der katastrophalen EM 2000, brauchen auch die Referees neue Visionen und müssen ein altes, ineffektives System schnellstmöglich abbrennen und was neues aufbauen. Diesen Gedanken scheinen die Herren Fandel & Co. nicht zu teilen — und schaden so dem deutschen Fußball.

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