Eine akademische Entscheidung

Meine Visitenkarte ist gleichzeitig ein Bonusheft. Wer mich an fünf Kalendertagen trifft, darf sich von mir eine Kürzestgeschichte zu einem Thema nach Wahl wünschen. Es folgt eine solche. Maria Manneck gab mir die Vorgabe:

Ein Psycho-Kombüsen-Thriller mit einer mürrischen, lineare Interpolation verachtenden Katze und Helga Beimer als Sidekick.

Daraus wurde dann das:

Eine akademische Entscheidung

“Einstein, lass die Finger von Helga!”

Der Wissenschaftler zitterte am ganzen Körper. Er hielt das Küchenmesser bedenklich nahe an Helga Beimers Hals. Sein Blick raste hin und her, die schwarzen Haare standen in alle Richtungen von seinem Schädel ab. “Die Zeit verläuft nicht linear!”, zischte er.

Die Kombüse und mit ihr das ganze Schiff schwankte sachte hin und her.

Demonstrativ langsam drückte die Katze ihre Zigarette im Aschenbecher neben ihrem Körbchen aus und lehnte sich zurück. “Habe ich jemals etwas anderes behauptet?”

“Ich weiß nicht”, gestand Einstein ein. “Ich weiß nicht, wer du bist, und ich weiß nicht einmal, wie ich hierher gekommen bin.”

Helga Beimer wimmerte.

“RUHE!”, entfuhr Einstein. “Ich muss nachdenken.”

“Leg das Messer weg”, sagte die Katze ruhig. “Sie hat nichts damit zu tun. Eigentlich sollte sie gar nicht hier sein, aber sie war ein ungewollter Nebeneffekt, als ich dich hergeholt habe.”

Einstein zögerte. “Ich war gerade noch in Bern”, sagte er. “Jetzt bin ich hier. Diese Frau muss schuld sein!”

“Nein”, sagte die Katze leise. “Ich war es.”

“… warum?”

“Ich verachte lineare Interpolation und ich möchte, dass du die Arbeit daran einstellst. Dann — und nur dann — werde ich dich zurückschicken.”

“Aber ich habe mich die letzten Wochen nur mit linearen Interpolationsproblemen befasst und …”

Er sah in den Augen der Katze, dass sie nicht scherzte. Schließlich seufzte er. “Gut. Ich habe noch andere Sachen. Dann kümmere ich mich eben um diese Relativitätstheorie.”

Die Katze schnippte mit der Tatze, und augenblicklich wurden Einstein und Helga Beimer dorthin zurückgeschickt, von wo sie gekommen waren.

Das Küchenmesser fiel klimpernd auf den Kombüsenboden.

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Autor und Übersetzer von Romanen und Computerspielen. Website: www.falkoloeffler.de / Podcast: www.buchpodcast.de

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