Die hässliche Fratze der Alternativmedizin

Dieser Beitrag erschien zuerst im N#MMER Magazin, Ausgabe 01/2015.

Im Jahr 2007 tauchte eine verheißungsvolle neue Behandlungsmethode für Autismus auf. Nachdem ein Pooldesinfektionsmittel angeblich Malaria und Krebs besiegt hatte, sollte es alle Symptome von Autismus restlos beseitigen. Eine verhängnisvolle Prophezeiung, die über unbelegte Heilsversprechen und Quacksalberei direkt in einen Sumpf aus Lügen, Verschwörungstheorien und Kindesmisshandlung führt.

Einer der vielen Websites zufolge, die die Entdeckung von MMS bejubeln, wurde einem Mann namens Jim Humble — der Name ist nicht Programm –, als er im Dschungel Guyanas auf Goldsuche war, um die leeren Kassen nach 20 Jahren Mitgliedschaft in der Scientology-Sekte aufzufüllen, seine Liebe zur Medizin bewusst. Entschuldigt, zur Heilung. Vorgeblich ging es einem seiner Begleiter besser, nachdem er ihn mit „stabilisiertem Sauerstoff“ behandelt hatte. Zurück in den USA suchte er nach weiteren Möglichkeiten, Menschen zu ‚heilen‘ und stieß dabei auf eine andere heilsame Form von Sauerstoff, nämlich Chlordioxid. Lassen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diesen Satz kurz wirken. Was der selbsternannte Erzbischof der Kirche für „Gesundheit und Heilung“ hier tatsächlich auszudrücken versucht, ist in etwa, dass der Gesundheitseffekt eines Waldspaziergangs dem Aufenthalt im Wasseraufbereitungsraum eines Schwimmbads gleichzusetzen sei. Direkt neben dem Schild, das vor den Gefahren durch giftige Chlordämpfe warnt.

Der Text wäre an dieser Stelle zu Ende, wenn die Behauptung „Chlordioxid ist gut für dich“ bei jedem Menschen mit solider Mittelstufenbildung sofort eine entsprechende Reaktion auslösen würde. Leider sind nur zwei Sachen größer als die menschliche Dummheit: die Ratlosigkeit und Verzweiflung angesichts unheilbarer Krankheiten oder Umständen, die sich der eigenen Kontrolle entziehen, und das Misstrauen gegenüber „Big Pharma“.

Nur diese zwei Faktoren erklären die Hirnabschaltung im großen Stil, die normal intelligente Menschen glauben macht, dass die Einnahme von mit Säure versetztem und zu Chlordioxid reagierendem Natriumchlorit, einer hochgiftigen Chemikalie, Giftstoffe aus dem Körper ausleitet und nur schädliche Zellen und Bakterien angreift, nicht aber gesunde und nützliche.

DAN!

Wer denkt, das hätte nun alles nichts mit Autismus zu tun, hat die Rechnung ohne DAN! gemacht. DAN! steht als Akronym für „Defeat Autism Now!

Es beschreibt ein „Protokoll“, das aus dem Autism Research Institute (ARI) stammt.

Das ARI behauptet, entgegen der herrschenden Lehrmeinung, dass Autismus vor allem durch Giftstoffe und Schwermetalle bedingt ist. Giftstoffe, die durch — na klar! — Impfungen, falsche Ernährung oder das Amalgam in den Zähnen der Mutter in die Körper der Kinder gelangt sei. DAN! setzte folgerichtig auf allerlei Quacksalberei, die von harmlosem Schwachsinn wie Diäten und Nahrungsergänzungsmitteln über schwachsinnigen Schwachsinn wie Antibiotika und Fungizide bis hin zu lebensgefährlichem Schwachsinn wie Sauerstoffüberdrucktherapien und Chelat-Therapie reicht, bei der alle Giftstoffe aus dem Körper des Patienten ausgespült werden. Wie nebenbei auch lebensnotwendige Mineralien und Spurenelemente.

Als Sahnehäubchen setzt DAN! strikte ABA (Applied Behavior Analysis) obenauf.

In der Zwischenzeit hat das ARI DAN! ganz unauffällig beerdigt, nachdem es, besonders im Zusammenhang mit der Chelat-Therapie, zu Todesfällen gekommen war.

Doch der Geist von DAN! lebt weiter — bei Eltern, die den Autismus ihrer Kinder nicht akzeptieren können, und Menschen, die die Hoffnungen und Wünsche der Eltern in klingende Münze umwandeln.

Auftritt: Kerri Rivera

Eine der Protagonistinnen der MMS-Szene, die US-Amerikanerin Kerri Rivera, gehört gleich zwei dieser Lager an. Als bei ihrem Sohn Autismus diagnostiziert wurde, fand sie sich nicht mit der Diagnose ab. Das sei schließlich nur eine Behauptung des medizinischen Establishments, um alternative Heilmethoden zu unterdrücken, anstatt diese Methoden selbst in klingende Münze umzuwandeln — soweit die auch ansonsten glasklare Logik. Die Frau, über deren Werdegang und medizinische Expertise nicht viel mehr zu erfahren ist, als dass sie ein ‚Diplom‘ in Homöopathie besitzt, hat aus der Berufung, den eigenen Sohn mit nutzlosen und invasiven Therapien zu traktieren, einen Beruf gemacht. Sie gründete und betreibt AutismO2, eine ‚Klinik‘ in Mexiko, in der das gesamte DAN!-Gruselkabinett ein Zuhause fand, ergänzt um die „Wunder-Mineralienergänzung“ („Miracle Mineral Supplement“) MMS. Denn um den „Biofilm“ aus Bakterien, Viren und Pilzen zu bekämpfen, dem die DAN!-Praktizierenden mit Antibiotika und Fungiziden beizukommen versuchten, eigne sich, laut Rivera, MMS viel besser. 
Glaubt man ihren Thesen, so sind eine strenge gluten-, laktose- und kaseinfreie Diät sowie regelmäßige Gaben von MMS oral und als Einlauf die Garanten für ein Leben ohne Autismus. Weit über 100 Kinder will sie bisher so geheilt haben. Nur beim eigenen Sohn wollte es wohl nicht so klappen, denn der weist, wie sie selbst zerknirscht zugibt, immer noch das ein oder andere Symptom auf.

Auftritt: Andreas Kalcker

Besonderen Wert legt Rivera dabei auf Einläufe, denn der Autismus sitzt im Darm. So will es auch Andreas Kalcker festgestellt haben. Der ehemalige Tontechniker, der angibt, an einem nicht auffindbaren Institut in Barcelona biomedizinische Forschung betrieben zu haben, hat seine eigenen hochwissenschaftlichen Erkenntnisse um Riveras Behandlungskonzept herum gebastelt.

Neben Impfungen, Schwermetallen, Bakterien, Viren, Pilzen, Getreide und Milchprodukten (also eigentlich fast allem) sieht er den Hauptauslöser von Autismus in Parasiten begründet.

Dahin ist der Glaube an Fortschritt, moderne Hygiene und Lebensmittelsicherheit. Autistische Kinder rotten sich vermutlich in den Nächten zusammen, um die Böden von Hundezwingern abzulecken, eine Rohfleisch-Orgie zu feiern oder hinter dem Rücken der Eltern einen Abenteuertrip in den Regenwald zu unternehmen.

Gebleichte Westen

Drei medizinische Laien behaupten, den Gral der Autismusheilung gefunden zu haben. Grund genug, einen zweiten Blick auf die Werte des Trios und ihrer Helfer zu werfen. Glaubt man den Behauptungen der Szene, stammen sie alle aus Menschenfreundhausen, doch ihre Westen sind nur nach Anwendung der eigenen Bleiche halbwegs weiß. 
Jim Humble verdiente sein Geld, bis er ins Gesundheitsgeschäft einstieg, unter anderem mit dem Handel wertloser Titel. Andreas Kalcker versucht seine Theorien auf seiner eigenen Website und in der Werbung für den Spirit-of-Health-Kongress mit einem Doktortitel aufzuwerten. Dabei verschweigt er, dass er keinen Doktortitel, sondern einen ‘Ph. D.’ bei einer Titelmühle namens Open University of Advanced Sciences Inc. erworben hat, wo er schon für 1.500 Euro unter anderem in dem Bereich ‚Parapsychologie‘ zu haben ist. Nach deutschem Recht ist das öffentliche Führen dieses Titels eine Straftat. 
Um das Publikum für den diesjährigen Spirit-of-Health-Kongress zusammenzutrommeln, griff die MMS-Szene auf chinesische Spam-Bot-Netze zurück und unterstrich so erneut ihre Seriosität.
All das wird noch davon übertroffen, dass Humbles Anhänger, wenn man ihren eigenen Aussagen Glauben schenken darf, MMS an uneingeweihten und unaufgeklärten Menschen, bevorzugt Waisenkindern wie in Uganda, getestet haben. In einem Fall hat man scheinbar die Malariapatienten, weil sie ‚in Ordnung aussahen‘, nach Hause geschickt. Ein anderer Bericht spricht davon, dass MMS an die Insassen eines Gefängnisses in Malawi abgegeben wurde. In mindestens einem Fall geben die Organisatoren um Leo Koehof sogar zu, die Behörden wissentlich getäuscht zu haben. Angetrieben von unverhohlenem Kolonialrassismus, fällt die MMS-Szene nach Afrika ein, nötigt den Menschen ihre angebliche Medizin auf und schmückt sich in den Selbstdarstellungen mit ihrer Beteiligung an (oft selbstgegründeten) humanitären Projekten. 
Aufklärung über MMS und die damit verbundenen Risiken? Nach offizieller Lesart gibt es keine Risiken. Komisch nur, dass es sich, sobald sich jemand in den Foren und Gruppen meldet, bei dem die Anwendung schiefging, immer um einen Anwendungs- und Dosierfehler handelt.

Alles aus Liebe

Die Gefolgschaft beteuert dennoch standhaft, dass MMS kein Betrug sein könne, denn an einem Fläschchen MMS für rund 14 Euro, das im Übrigen für ein ganzes Jahr ausreichen solle, würde doch nun wirklich niemand etwas verdienen. Im Gegensatz zum Milliardenumsatz der Pharmaindustrie.

Auch hier bröckelt die ach so humanitäre Fassade schnell. Rechnet man mit diesem Verkaufspreis, ist nämlich bei einem Kilogramm Natriumchlorit aus dem Chemikalienhandel beim Weiterverkauf in 28%iger Verdünnung ein deutlich vierstelliger Gewinn zu erwarten. Nach Abzug von Arbeit, Verpackung und Versand, versteht sich. Das deckt sich mit den Aussagen des in München verurteilten Arztes Dr. Peter Rohsmann, der angab, dass mit dem Verkaufsverbot von MMS gleich ein enormer Teil seines Einkommens wegbrechen würde. Auf den Websites des Jim-Humble-Verlags wirbt der Guru selbst mit dem „lukrativen Geschäft“, das Lizenznehmer erwarte, die mit seinem Segen MMS-Vertrieb und -Seminare anböten. In seinem Newsletter beschwerte er sich vor nicht allzu langer Zeit auch lauthals über einen „Bishop“ seiner eigenen Genesis-2-Scheinkirche, der ihn um seinen gerechten Anteil im fünfstelligen Bereich betrogen habe. Dabei geht es ihm angeblich doch nur um Liebe, um Heilung und die Rettung der gesamten Menschheit.

Auch die Beratungen bei den Neben-Gurus Kalcker und Rivera waren mit 120 Euro für eine halbe Stunde während des Spirit-of-Health-Kongresses im vergangenen Jahr das reinste Schnäppchen. Rivera bietet ihre Beratung auch via Skype an. Hier sind die Ratsuchenden mit nur 100 Dollar die Stunde schon deutlich preiswerter dabei.

Riveras Nächstenliebe ist sogar so groß, dass sie hilfesuchenden Menschen auf Facebook lediglich so ausweichende Antworten gibt, dass diese um ein Beratungsgespräch oder den Kauf ihres Buchs gar nicht herumkommen. Das Blog „No More Bleach“ dokumentierte ihre schönsten Nichtantworten.

Überhaupt, die Bücher: Obwohl MMS so ein sicheres und unkompliziertes Medikament für alles sein soll und alle Informationen vorgeblich frei im Internet stehen, wächst die Zahl der verfügbaren Bücher rasant. Rivera schrieb alleine schon zwei Bücher zur Behandlung von Autismus mit MMS, Humble bietet mehrere Bücher und einen „preiswerten“ DVD-Kurs für „nur“ 100 Dollar an, und auch sonst scheint sich jedermann berufen zu fühlen, ein Buch über MMS zu verfassen. Darunter eine deutsche Ärztin und Homöopathin oder auch ein Autor, der im medizinischen Bereich bisher gar nicht publizierte, aber dafür als Verfasser superseriöser Bücher wie „Reich durch Wappenverkauf“ auffiel.

Im Hause von und zu MMS ist man nur auf den ersten Blick freigebig mit Informationen. Auf den zweiten fehlen den öffentlichen Protokollen mal die Mengenangaben, mal dieses und mal jenes Detail. Jede nachdrücklichere Frage nach Wirkweise und Funktion, die in den Facebook-Gruppen und den Foren gestellt wird, zieht unvermeidlich den Hinweis auf eines der Bücher nach sich.

Angeblich kuriert MMS jedes Zipperlein, aber damit ist es natürlich längst nicht getan. Wer sich erst einmal in das darum gewobene Glaubenssystem begeben hat, der muss natürlich auch MMS-Gold kaufen, um die bei der Behandlung verlorenen schlechten Mineralien und Spurenelemente durch gute zu ersetzen, gegen den Hefepilz Candida nimmt man am besten noch kolloidales Silber ein, dann Vitamin-D-Supplemente und andere Nahrungsergänzungsmittel, badet in Borax, betupft Leberflecken mit schwarzer Salbe und schließt sich an ein Feinstromgerät an. Dann, so heißt es, werde man endlich gesund, statt nur die Symptome zu bekämpfen, wie es die Schulmedizin tut.

Und nebenbei deutlich ärmer.

Die Hoffnungs-Maschine

Welche Art Menschen sind es also, die ihre Schulbildung, ihre Instinkte und jeglichen gesunden Menschenverstand über Bord werfen, um ihren Kindern chlorstinkende Brühe in den Mund zu zwingen, oder sie mit Gewalt festhalten, um ihnen die von Kerri Rivera vorgeschriebenen Einläufe zu verabreichen?

Mehrheitlich wohl keine Monster, sondern besorgte, aber fehlgeleitete Eltern, gefangen zwischen einem Wissensvakuum auf der einen und einer Hoffnungs-Maschinerie auf der anderen Seite.

Die evidenzbasierte Wissenschaft gibt auch im Jahr 2015 noch keine abschließende Antwort, was nun genau Autismus entstehen lässt. Eher vermehrt die aktuelle Studienepidemie, mit auffallend schlechter Qualität, die Unsicherheit.

Dubiose Elternorganisationen wie Autism Speaks helfen auch nicht dabei, die Verunsicherung der Eltern abzubauen und ihren Alltag besser zu bewältigen. Sie verbreiten ungebremsten Alarmismus, der den Spendenfluss ankurbelt, und stellen Autisten und Autismus als Tragödie und Last dar.

Ein wissenschaftliches Vakuum, das Gesundbeter, Alternativmediziner und Verkäufer von Nahrungsergänzungsmitteln nur zu gerne füllen. Jedes noch so dumme Heilsversprechen ist recht, um den verzweifelten Eltern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Mit vereinten Kräften verbreiten sie die Behauptung, Autisten seien nur in einer Art Kokon gefangen, in ihrer eigenen Welt, aus der sie — je nach Ausrichtung — der eine oder andere Hokuspokus befreien und normale, glückliche Kinder aus ihnen machen könnte.

Es ist kaum ein Wunder, dass das angebliche Heilmittel MMS vor allem von solchen Eltern verwendet wird, die dieser Behauptung glauben wollen und auf Heilung hoffen, statt sich in Akzeptanz zu versuchen. Besonders in ABA-Facebook-Gruppen oder auf ABA-Mailinglisten halten sich Tipps zum Umgang mit MMS hartnäckig.

In den MMS-Handel verwickelte Personen verunsichern auch jene Eltern, die es trotz der Hoffnungs-Maschinerie auf die Akzeptanz-Seite geschafft hatten. Regelmäßig fallen sie einzeln oder im Schwarm in Autismus-Gruppen und -Netzwerke ein und bezichtigen die Eltern der Vernachlässigung. Ihre Vorwürfe sind immer die gleichen: Sollte es auch nur eine kleine Hoffnung geben, dass das Kind ganz normal werden könne, müsse man es doch zumindest mal versuchen.

Die hässliche Fratze der Alternativmedizin

Dabei kommt ihnen nicht nur die breite Akzeptanz der Alternativmedizin und ihrer Ideen in der Bevölkerung zu Hilfe, sondern auch der Autismus selbst. Gerade Menschen mit vergleichsweise hohem Bildungsgrad fallen hierzulande gerne dem Glauben zum Opfer, Krankheiten und Behinderungen — besonders unsichtbare Behinderungen — entstünden in erster Linie durch eine falsche Einstellung und/oder eine falsche Ernährung. Und positives Denken, Yoga und Globuli seien überprüften Therapien und chemisch hergestellten Medikamenten allemal vorzuziehen.

Dem Kranken die Schuld an der Krankheit zu geben ist in weiten Kreisen akzeptiert und ein Überbleibsel der voraufklärerischen Erklärungsmodelle von Krankheit und Behinderung. Also der Ansicht, dass kranke und behinderte Menschen ihr Schicksal durch falsches Verhalten selbst über sich gebracht haben und dass es ihre Pflicht ist, zu gesunden und sich eben der gefühlten — gesunden — Norm anzupassen. Getreu der protestantischen Ethik, sind dazu mindestens innerweltlich-asketischer Verzicht oder auf sich genommene Erschwernis nötig. Was unangenehm ist, wird schon wirken.

Diese Vor-Verurteilung machen sich nicht wenige alternativmedizinische Strömungen zunutze. Sie nähren und benutzen die Hoffnungen schwer kranker und behinderter Menschen sowie ihrer Familien. Sowohl die wohlmeinenden, die sich auf der ‚sanften‘ Seite der Medizin wähnen, als auch die pechschwarzen Schafe der Branche, die sich fehlende Regulierung und laxe Gesetze zunutze machen, die entweder gefährliche Mittel und Therapien verkaufen oder Patienten von sinnvollen Therapien abhalten … oder beides.

Wo Hoffnung und Verzweiflung auf Wissenslücken und Handlungsunfähigkeit der evidenzbasierten Medizin trifft, fließt Geld. Viel Geld.

Stasis ist des Autisten Kryptonit

Dass sich Gerüchte über gute Heilungserfolge bei Autismus hartnäckig halten, liegt, wie bereits erwähnt, in der Natur des Autismus selbst.

Das Wissenschaftsblog „Respectful Insolence“ hat sich der Frage angenommen, ob es möglich sei, von Autismus geheilt zu werden, und kommt dabei zum Schluss, dass 3–25 Prozent aller Autisten im Laufe ihrer Entwicklung die Kriterien für eine Autismusdiagnose nicht mehr erfüllen. Ursache unbekannt. Aber auch jene Autisten, über deren gesamten Lebensweg hinweg die Diagnose bestehen bleibt, befinden sich nicht in einer immerwährenden Entwicklungsstasis. Sie entwickeln sich weiter, finden zwar oft spät, aber trotzdem zur Sprache oder werden selbstständiger. Die Entwicklung neuer Fähigkeiten erfolgt dabei oft in Entwicklungsschüben statt kontinuierlich. Findet ein solcher Entwicklungssprung nach einer Behandlung statt, wird er automatisch als Behandlungserfolg gewertet, selbst wenn er auch ohne diese eingetreten wäre. Da Eltern, die auf eine Heilung hoffen, viele Mittelchen und Therapien ausprobieren, ist es leicht, jeden Fortschritt einem Therapieversuch zuzuschlagen. So bestätigt, tragen sie den festen Glauben an den Erfolg sinnloser Therapien und Diäten weiter und motivieren andere Eltern, viel Geld für Fortschritte auszugeben, die auch kostenlos zu haben gewesen wären.

On-Off-Autismus

Würde das nicht allein schon die „Heilungen“ erklären, mit denen Kerri Rivera wirbt, so setzt die Dame zusätzlich auf unzuverlässige Diagnosen.

Als Diagnosemittel ihrer Wahl dient der ATEC-Fragebogen des — es schließt sich der Kreis — Autism Research Institutes. Bei dem Test handelt es sich lediglich um ein Werkzeug zur Therapiedokumentation von zweifelhaftem Wert. Studien zur Relevanz des Tests wurden in der Regel vom ARI selbst finanziert.

In der Folge kam es auch in den deutschsprachigen MMS-Gruppen zu geradezu skurrilen Unterhaltungen. Eine Frau berichtete davon, dass sie sich letzte Woche irgendwie autistisch fühlte und ihr ATEC-Wert auf Autismus hinwies. Sie habe dann MMS eingenommen und diese Woche sei ihr ATEC-Wert auch schon wieder okay.

Wäre es nicht so traurig und auch brandgefährlich, man könnte darüber lachen.

Die Heilungsberichte Riveras basieren auf den wenig belastbaren Angaben von Eltern, die mit einem unzuverlässigen Testinstrument den Grad des Autismus ihres Kindes bestimmt haben wollen. Wie viele der ‚geheilten‘ Kinder im Vorfeld überhaupt eine valide Autismusdiagnose erhalten haben: Man weiß es nicht.

Die dünne Linie

MMS-anwendende Eltern fallen noch auf einen weiteren Effekt herein. Für sie sind Verhaltensänderungen der Beweis für die Wirksamkeit der Behandlung.

So berichtet der Kerri Rivera von dem großartigen Blickkontakt, den sie mit ihrem Sohn hatte, nachdem dieser sich als Folge der MMS-Behandlung die Seele aus dem Leib kotzte. Dazu meinte der Psychologe Dr. Sebastian Bartoschek: „Mit dem ‚tollen Blickkontakt‘ ist vermutlich ein besonders langer Blickkontakt gemeint. Wenn ein Kind sich schlecht fühlt und in einem Alter ist, in dem es die Ursache noch nicht versteht, dann sucht es automatisch die Nähe und Hilfe bei der Bezugsperson. Es ist nur eine kurzfristige Änderung des Verhaltens. Auch Bestrafung führt zu einer Veränderung des Verhaltens, das hat schon Skinner bewiesen. Aber dadurch hat der Autist keine neuen Fähigkeiten gewonnen. Es wirkt, aber es ist natürlich die Frage, ob man diese Methoden will.“

Die Nebenwirkungen von MMS reichen von Bauchschmerzen und Übelkeit bis hin zu Erbrechen und Fieberschüben. Auch nonverbale autistische Kinder sind über kurz oder lang in der Lage, aus Schmerzen und Übelkeit als Folge auf ein bestimmtes Verhalten zu lernen und dieses Verhalten dann möglichst zu unterdrücken.

Wenn Eltern wie kürzlich in einer der englischsprachigen Facebook-Gruppen schreiben, wie großartig die „doppelte Dosis“ gegen „unangemessenes Lachen“ gewirkt habe, bleibt selbst die wohlmeinendste Interpretation auf der Strecke und es wird klar: MMS ist eine perfide Form der Körperstrafe im Gewand einer klassischen Konditionierung nach Pawlow.

Besonders ‚wirksam‘ zeigen sich hier sicherlich die von Rivera so vehement beworbenen Einläufe, die autistischen Kindern nicht nur Schmerzen zufügen, sondern auch zutiefst demütigend auf die kindliche Psyche wirken.

Der unter dem Pseudonym Kinderdoc auf Kinderdoc.wordpress.com bloggende Kinderarzt fasste zusammen, warum Einläufe in der Kinderheilkunde im Normalfall gar keine Rolle mehr spielen sollten: „Man begibt sich in einen Teufelskreis. Gibt man einen Einlauf gegen Verstopfung, traumatisiert das Kind und verstopft erst recht.“

Solange die Eltern autistischer Kinder Verhalten (oder fehlendes Verhalten) mit der ‚Schwere‘ des Autismus oder dem Grad der ‚Gesundung‘ verwechseln, so lange werden sie schmerzhafte oder demütigende ‚Behandlungen‘ mit wirksamen Heilmitteln und Therapien verwechseln und damit die dünne Linie zwischen Therapie und Kindesmisshandlung überschreiten.

Risiko

Rivera und Co wischen nicht nur den Vorwurf der Kindesmisshandlung vom Tisch. So behauptete Humble selbst jüngst, dass auch regelmäßige Einläufe völlig ungefährlich seien. Dem steht eine Metastudie aus dem Jahr 2007 gegenüber, die nicht wenige Todesfälle durch Störung des Elektrolythaushalts, vor allem bei Kindern unter 1,5 Jahren, aufführt.
Boris Lauxtermann, ein eifriger MMS-Werbetreibender, verstieg sich gar zu der Behauptung, dass sich bei jedem normalen Einlauf die Darmschleimhaut ablösen würde, wie man es bei MMS-Einläufen beobachten kann. 
Die vielen einzelnen Puzzleteile ergeben ein Gesamtbild, das es einem schwermacht, hinter der gesamten MMS-Maschinerie etwas anderes zu vermuten als großangelegten und absichtlichen Betrug an Eltern, die nach jedem Strohhalm greifen, und ihren ihnen hilflos ausgelieferten Kindern.

Kuckucksnest

All jene, die sich auf die Heilsversprechen der MMS-Szene einlassen, finden sich nicht nur in einer Umgebung der Laienmedizin wieder, in der man die Wirkung ‚fühlt‘ und ‚ausprobiert‘, statt Nutzen und Risiken zu kennen, sondern auch mitten unter fanatischen Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Chemtrailgläubigen. Also unter Menschen, die auf Logik und nachprüfbare Erkenntnisse nicht viel geben und die sich aus Wissenslücken eine Ideologie basteln. Spätestens hier sollten sich Eltern autistischer Kinder die Frage stellen, ob sie den Aussagen von Personen vertrauen, die ein derart offensichtliches Problem mit ihrer Wahrnehmung der Realität haben. Aber zu oft greift bei ihnen die Furcht, nicht alles für das eigene Kind getan und nicht alles versucht zu haben. Aus ihrer Perspektive ist die Linie zwischen Betrug und unkonventioneller Therapie nur schwer zu erkennen. Hier rät der Experte für Verschwörungstheorien Dr. Bartoschek den Eltern, erhältliche Mittel kritisch zu hinterfragen: „Alles, was nutzlos, aber zumindest harmlos ist, ist in Apotheken zu haben. Die Behörden reagieren nur träge. Bis etwas verboten wird, muss schon viel passieren. Immer, wenn ich etwas nur auf Umwegen oder aus dem Ausland beschaffen kann, ist es wahrscheinlich schädlich.“


Im Februar 2015 deklarierte das Bundesinstitut für Arzneimittel MMS und MMS2 als zulassungspflichtige und bedenkliche Arzneimittel. Vertrieb von und Werbung für MMS ist damit in Deutschland untersagt. Im Mai 2015 wird der Prozess gegen einen MMS-Vertrieb in den USA in seine entscheidende Phase treten. Den Beteiligten drohen bis zu 37 Jahre Haft.

Der Kampf gegen die pseudomedizinische Misshandlung autistischer Kinder ist damit noch längst nicht gewonnen.