Fünfundzwanzig

“Fünfundzwanzig, vielleicht dreißig.”
“Hmm?”
“Personen, am Wochenende. Vielleicht vierzig bis fünfzig, wenn du beide Tage zusammenzählst.”
Er weiß nicht, worauf ich hinaus möchte.
“Wir haben aktuell eine Weltbevölkerung von, hmm, um die sieben Miliarden, oder?” Ich drehe meine linke Hand dabei heuristisch, um deutlich zu machhen, dass ich mir nicht ganz sicher bin. “Und dann verbringst du deinen Tag mit einem vernichtend kleinen Bruchteil. Menschen in Homöopathiedosis”, sage ich und freue mich selbstlachend über meinen eigenen Gedanken. “Als ich am Samstag von der ersten Party zum Bahnhof ging, habe ich mich gefragt, was für eine kleine Zahl das ist. Also der Quotient. Und selbst, wenn ich sie ausrechnen würde, wäre sie unvorstellbar.”
“Null Komma Null Null Null Null Null Null Null Null Sieben Prozent”, entgegnet er, “Rund.”
“Und dann pickst du dir von all diesen im besten Fall einen Menschen heraus und erklärst ihn zu deinem Subjekt der Begierde. Einen”, sage ich voller Nachdruck und hebe mahnend meinen linken Zeigefinger. “Wenn du polyamor unterwegs bist, ein paar mehr, wobei der Begriff Polyamorie manchmal ja nur verwendet wird, um verkappte Polygamie, Angst vor Nähe, die Unfähigkeit sich selbst abzugrenzen und auf sich selbst zuzugehen, et cetera zu verschleiern.”
“Serielle Monogamie”, fügt er hinzu und ich könnte ihn dafür küssen, dass er mitdenkt. Mitdenkende Menschen sind selbst bei sieben Milliarden Möglichkeiten viel zu selten. Vielleicht wäre “ähnlich denkende Menschen” der passendere Begriff.

“Und was machst du?”, durchbricht er das ruhende Schweigen der kurzen Pause.
Ich lasse die Frage kurz wirken wie guten Wein auf meiner Zunge. “I try. Und übe mich in der Erhöhung meiner Adaptationsfähigkeit.”
“Die dreieinhalbtausend Frauen, die du mal ausgerechnet hast?”
Ich schüttele den Kopf. “Mehr”, entgegne ich mit einem leichten Grinsen. “Quasi die sieben Milliarden minus die dreieinhalb. Wobei es, auf den Planeten gerechnet, ohnehin mehr wären.” Ich erfreue mich an meiner eigenen stilistischen Übertreibung. “Spaß beiseite, ich glaube es gibt aktuell zwei erstrebenswerte Sachen zu lernen: Leidenschaftslosigkeit und Amor sui.”
“Amor sui?”
“Selbstliebe.”, nicke ich.
“Ich denke du hasst diesen Begriff?!”
“Ich mag es nicht, wie Menschen ihn in meiner Umgebung verwenden. Oder wie ich meine, dass sie ihn verwenden. Du weißt ja, wer gemeint ist”, beziehe ich mich auf einen gemeinsamen Bekannten. “Mit welcher übergestülpten und künstlichen Bedeutung er aufgeladen wird. Wie die Menschen in Licht baden statt sich umzudrehen und sich ins Gesicht zu sehen. Die guten, sozial erwünschten Seiten eines Menschen zu mögen, ist keine Kunst. Spannend wird es, wenn er nicht so ist, sich nicht so verhält, wie du es gerne hättest. Wenn er dich mit deinen eigenen Abgründen konfrontiert, mit deinem wahren Ich oder zumindest deinem Schatten, wenn du es zerteilen möchtest. Dem, was du vor anderen und noch mehr vor dir selbst versteckst. Da wird es spannend”, lache ich.
“So wie dein Hineinsteigern in philosophische Monologe, bei denen dich die Sichtweisen anderer Menschen einen Dreck interessieren?”
Ich nicke. “Und das ist der Unterschied.”
“Dass du nickst?”
Ich nicke wieder.
“Zumindest glaubst du das.”
Ich nicke ein drittes Mal.
“Und wo führt dich das hin?”
“Mehr Selbstbeschränkung. Zumindest mittelfristig”, blicke ich auf die Paradoxie der beschriebenen Situation.
“Das verstehe ich jetzt nicht.” Sein Blick wirkt irritiert.
“Wenn du alle Möglichkeiten hast, hast du keine Möglichkeit. Wenn du keine hast, alle. Das heißt, je mehr du dich in deinen Handlungsoptionen beschneidest, desto mehr Handlungsoptionen hast du.”
“Das ergibt keinen Sinn.”
“Ich weiß”, sage ich und nicke ein viertes Mal.

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