Weinbegleitung

“Ich sollte häufiger ein Glas Wein trinken.” Ein wissendes Grinsen zieht sich über mein Gesicht und ihre Augen sezieren meine Schildsysteme, ohne es zu wollen. Wir stehen zu dritt im Raum: Sie, ich, die Spannung zwischen uns. Letztere wird durch den Alkohol um ein Vielfaches verstärkt.

“Korrekterweise steigt ja nicht die Spannung zwischen uns, sondern die Negation dieser sinkt”, erläutere ich die Situation und kippe mir den letzten Schluck hinter die Binde. Ich stelle das leere Glas auf der Seite ab, folge ihm dabei mit meinem Blick, und wende mich ihr anschließend wieder zu. Uns trennt vielleicht ein halber halber Meter.

“Und das ist insofern interressant”, sage ich mit einem tiefen Atemzug, “da wir Menschen, gerade in Deutschland, uns von dem abkapseln, was im Raum steht.” Sie, ich, die Spannung zwischen uns.

Ihr Herzschlag überspringt die Stille zwischen uns und ihre Augen sprechen Bände, die ich nicht versteh’. Meine nicht verstehen zu dürfen.

Wie in einem Strudel der Unendlichkeit nähern wir uns fragmentartig einander an, auch wenn wir wissen, dass mit “artig” heute nicht mehr viel zu gewinnen ist. Ein Drittel halber Meter.

Die Fingerspitzen meiner linken Hand streichen über die Schläfe ihrer rechten Seite, meine rechte Hand umgreift ihre linke Hüfte. Ein Fünftel halber Meter.

Sie zieht Luft, ich sie an mich heran. Das Ende einer asymptotischen Annäherung. Unsere verhüllten Körper berühren einander, fast. Meine nackten Hände an ihr möchten sich potenzieren und unsere Lippen überwinden die mathematische Unmöglichkeit in einem Übersprung.

Wie ein Segelboot im Meeressturm spült es uns von dannen. Es zerreißt das Innere zum Ausdruck, die Kleider zu Boden, uns…

Du und ich, wir halten inne. Der Wein, er trägt nicht alles davon. Zögern, Zweifel, Unsicherheit.

Die Ruhe vor dem Sturm.