Das KoDorf — Neues Leben und Arbeiten auf dem Land

Das Dorf genießt keinen guten Ruf. Alle wollen raus aus der Provinz und rein in die Stadt. Dies könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Was wir dafür tun müssen? Das Landleben neu erfinden. Eine Gruppe aus Architekten, Handwerkern und anderen Kreativen ist gerade dabei.

Update:
Seit der Veröffentlichung dieses Textes im April 2018 ist viel passiert. Ein erstes KoDorf entsteht in Wiesenburg (
kodorf-wiesenburg.de), ein zweites in Erndtebrück (kodorf-erndtebrueck.de). Weitere KoDörfer in Baden-Württemberg und Hessen sind in Planung. In Wittenberge aktivieren wir mit dem Summer of Pioneers Leerstand, starteten einen Coworking Space und ermöglichen 20 Großstadt-Kreativen ein halbes Jahr Probewohnen und Coworking auf dem Land (wittenberge-pioneers.de). Nach dem erfolgreichen Start in Wittenberge wird das Programm 2021 in Homberg (homberg-pioneers.de) und Altena fortgesetzt.

Um über unsere Aktivitäten, sowie allgemein über neue Wohn- und Arbeitsmodelle auf dem Land informiert zu bleiben, abonniert am besten unseren Newsletter oder abonniert unseren Telegram-Kanal.

Vor Corona galt es noch als Binsenweisheit: Die Städte werden immer weiter wachsen während Dörfer schrumpfen. Glücklich sollte daher jede und jeder sein, die/der in der Stadt und damit in der Zukunft angekommen ist. Spätestens seit Corona aber ist klar: Auch das Gegenteil ist denkbar. Die Provinz wird für eine wachsende Zahl von Menschen zum Sehnsuchtsort — zum Refugium, in dem man Kraft tanken, die Natur genießen und sich bauliche Qualität noch leisten kann.

Die Metropole dagegen verkommt zunehmend zum notwendigen Übel. Retortenarchitektur verschandelt das Stadtbild, Lärm und Umweltbelastungen machen krank und steigende Mieten zwingen zu schmerzhaften Kompromissen, ja sie befördern gar eine Perspektivlosigkeit, die im krassen Kontrast steht zum nominellen Wohlstand den wir in diesem Land aufgebaut haben.

Was hält uns noch in den überteuerten Städten?

Die naheliegende Frage: Wo bleibt die Stadtflucht? Was hält die Menschen in dem Moloch, unter dem sie leiden? Die naheliegende Antwort: Die Stadt ist nicht nur freie Wahl, sie ist Notwendigkeit. Hier sind die Arbeitsplätze, hier sind die Freunde, hier ist Bildung, hier ist Kultur, hier ist Gemeinschaft, hier ist ein Lebensstil zu Hause, den selbst diejenigen nicht ablegen können, die es in vielen Momenten eigentlich gerne würden.

Aber vielleicht ist auch die Frage falsch gestellt? Vielleicht müssen wir uns gar nicht mehr entscheiden zwischen Stadt und Land. Tatsächlich haben wir seit wenigen Jahren fast überall in Deutschland die Voraussetzungen für urbanes Leben. Alleine um Berlin sind laut „Kreativorte Brandenburg“ in den letzten Jahren über ein Dutzend Coworking-Spaces im ländlichen Raum entstanden. Sie locken Freelancer und Firmen für ein paar Tage in die Provinz. Ihr Wachstum beweist, dass es einen Bedarf gibt für ein anderes Leben.

Kuhdorf? KoDorf!

Tiny House in Pilotprojekt “Meerleben” / Foto: Katrin Frische

Als dauerhafte Alternative zum Stadtleben sind diese Orte jedoch ungeeignet. Dafür braucht es andere Strukturen: KoDörfer. KoDörfer bestehen aus 50 bis 150 kleinen Häusern und einigen größeren Gemeinschaftsgebäuden. Dies können sein: Coworking Spaces, Gemeinschaftsküchen, Kinos Seminarräume, Bars, Restaurants oder Clubs — kurzum: Alles, was Großstädter in der Stadt hält.

Ziel kann dabei nicht sein, die Großtstadt zu kopieren. Ihr Potenzial entfalten sie als Komplementär zur Stadt. Wenngleich gilt: Wer im KoDorf leben möchte, sollte dort auch seinen Hauptwohnsitz anmelden. Bei einem Nebeneinander aus “echten” NachbarInnen und Wochenendbesuchern wäre Ärger vorprogrammiert — sowohl innerhalb des KoDorfs, als auch zwischen KoDorf und UrDorf.

Mehr als Coworking und Coliving auf dem Land

KoDörfer stehen für einen neuen Lebensstil, der das beste beider Welten verbindet und nicht zu Entweder-Oder-Fragen zwingt. Sie gehen somit weit über die Trendthemen Coworking und Coliving hinaus. Durch die Mischung aus privatem Rückzugsort im eigenen Haus und niedrigschwelligen Zugang zur Gemeinschaft, bleibt es den BewohnerInnenn selbst überlassen, wie sie ihre Zeit auf dem Land nutzen wollen. Konzentriertes Arbeiten ist so im eigenen Garten ebenso möglich wie im Coworking Space. Kochen kann man am eigenen Herd oder gemeinsam mit anderen in der Gemeinschaftsküche. Eine App macht es möglich, diese und ähnliche Aktivitäten zu koordinieren und Räume zu buchen.

Gemeinschaft ist so immer nur Möglichkeit, nie Zwang. Dennoch steht sie im Mittelpunkt denn in einer Gesellschaft die sich immer weiter vereinzelt, gewinnt Gemeinschaft neu an Wert. KoDörfer ermöglichen dabei moderne, fluide Formen der Gemeinschaft.

Urbanes Leben auf dem Land — das Beste beider Welten

Haus in “Meerleben” / Foto: Christopher Lewis

Ein kleines Haus im KoDorf ist dabei auch für Durchschnittsverdiener erschwinglich. Da wir eine Genossenschaft sind, können wir auch Menschen „mitnehmen“, die über wenig Eigenkapital verfügen. Für das Modell genügen bereits rund 20.000€ auf dem Konto. Wer nach ein paar Jahren doch lieber wieder ein anderes Modell ausprobieren möchte oder durch die Umstände zu einem Umzug gezwungen wird, kann aus der Genossenschaft austreten, seine Genossenschaftsanteile mitnehmen und sein/ihr Glück an einem anderen Ort suchen. Anders als ein Einfamilienhaus muss ein Haus im KoDorf keine Investition fürs Leben sein.

Überhaupt geht es bei diesem Experiment darum, Freiheiten zu schaffen und nicht den Verzicht einzufordern: größere finanzielle Unabhängigkeit, leichteren Zugang zu anderen Menschen, ein freier Wechsel zwischen den Möglichkeiten der Stadt und der Erholung auf dem Land.

Für einen nachhaltigeres Stadt- und Landleben

Wer nicht mehr sein komplettes Leben in der Stadt verbringt, kommt dort auch mit weniger Platz aus. Ohnehin werden wir in einigen Jahren rückblickend den Kopf schütteln über unseren verschwenderischen Umgang mit Wohnraum. So wie dies heute schon viele Leute beim Gedanken an ein eigenes Auto tun (das die meiste Zeit ungenutzt rumsteht und der Stadt Platz raubt).

Umgekehrt beleben Ko-Dörfer die ländliche Region. Sie schaffen Arbeitsplätze und bereichern das kulturelle und gastronomische Angebot vor Ort.

Pilotprojekt “Meerleben” / 1. Bauabschnitt / Foto: Matthias Arndt

Werdet ein Teil der Bewegung

Für all jene, die Lust haben, ein solches Lebensmodell zu testen, habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist: Noch gibt es sie nicht, diese KoDörfer. Die gute Nachricht: Sie entstehen gerade. Im brandenburgischen Wiesenburg ist ein Grundstück gefunden und eine große Zahl an Mitstreitern gefunden (kodorf-wiesenburg.de). Von den 40 Bauplätzen sind fast alle bereits reserviert. Anfang des Jahres kann voraussichtlich mit dem Bau begonnen werden. Am 01. August starteten wir den zweiten Standort im nordrhein-westfälischen Erndtebrück (kodorf-erndtebrueck.de).

Wir merken: Die Zeit für diese Idee ist reif und daher denken wir groß. Wir möchten es nicht bei zwei Orten belassen, wir träumen davon, eine Bewegung zu starten und an vielen Orten in ganz Deutschland unser Leben und unsere Umgebung wieder stärker selbst zu bestimmen.

Für Kontaktaufnahme bitte eine Mail an frederik.fischer@kodorf.de schreiben.

Update: Seit Veröffentlichung wurde über das KoDorf in einer Vielzahl von Zeitungen und Rundfunk-Sendungen berichtet. Hier eine Auswahl:

Founding and managing editor @piqd_de & @piqd_com/ Co-Publisher @voiceofvocer / #Netzwende / #KoDorf / #dorf_2.0 / #futureofwork

Founding and managing editor @piqd_de & @piqd_com/ Co-Publisher @voiceofvocer / #Netzwende / #KoDorf / #dorf_2.0 / #futureofwork