Das KoDorf — urbanes Leben auf dem Land

Frederik Fischer
Apr 30, 2018 · 7 min read

Das Dorf genießt keinen guten Ruf. Alle wollen raus aus der Provinz und rein in die Stadt. Dies könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Was wir dafür tun müssen? Das Landleben neu erfinden. Eine Gruppe aus Architekten, Handwerkern und anderen Kreativen ist gerade dabei.

Update:
Seit der Veröffentlichung dieses Textes im April 2018 ist viel passiert. Ein erstes KoDorf entsteht in Wiesenburg (
kodorf-wiesenburg.de). Vier weitere KoDörfer in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen sind in Planung. In Wittenberge aktivieren wir mit dem Summer of Pioneers Leerstand, starteten einen Coworking Space und ermöglichen 20 Großstadt-Kreativen ein halbes Jahr Probewohnen und Coworking auf dem Land (wittenberge-pioneers.de). Ebenfalls in Wittenberge bereiten wir zudem gerade den Ausbau eines “Haus der neuen Arbeit” vor (kohaus-wittenberge.de).


Es ist eine Binsenweisheit, dass Städte weiter explodieren und Dörfer schrumpfen. Glücklich sollte daher jede und jeder sein, die/der in der Stadt und damit in der Zukunft angekommen ist. Das Gegenteil aber scheint der Fall zu sein. Die Provinz wird für eine wachsende Zahl von Menschen zum Sehnsuchtsort — zum Refugium, in dem man Kraft tanken, die Natur genießen und sich bauliche Qualität noch leisten kann.

Die Metropole dagegen verkommt zunehmend zum notwendigen Übel. Retortenarchitektur verschandelt das Stadtbild, Lärm und Umweltbelastungen machen krank und steigende Mieten zwingen zu schmerzhaften Kompromissen, ja sie befördern gar eine Perspektivlosigkeit, die im krassen Kontrast steht zum nominellen Wohlstandschub, den unser Land erlebt.

Was hält uns noch in den überteuerten Städten?

Die naheliegende Frage: Wo bleibt die Stadtflucht? Was hält die Menschen in dem Moloch, unter dem sie leiden? Die naheliegende Antwort: Die Stadt ist nicht nur freie Wahl, sie ist Notwendigkeit. Hier sind die Arbeitsplätze, hier sind die Freunde, hier ist Bildung, hier ist Kultur, hier ist Gemeinschaft, hier ist ein Lebensstil zu Hause, den selbst diejenigen nicht ablegen können, die es in vielen Momenten eigentlich gerne würden.

Aber vielleicht ist auch die Frage falsch gestellt? Vielleicht müssen wir uns gar nicht mehr entscheiden zwischen Stadt und Land. Tatsächlich haben wir seit wenigen Jahren fast überall in Deutschland die Voraussetzungen für urbanes Leben. Alleine um Berlin sind laut „Kreativorte Brandenburg“ in den letzten Jahren über ein Dutzend Coworking-Spaces im ländlichen Raum entstanden. Sie locken Freelancer und Firmen für ein paar Tage in die Provinz. Ihr Wachstum beweist, dass es einen Bedarf gibt für ein anderes Leben.

Kuhdorf? KoDorf!

Tiny House in Pilotprojekt “Meerleben” / Foto: Katrin Frische

Als dauerhafte Alternative zum Stadtleben sind diese Orte jedoch ungeeignet. Dafür braucht es andere Strukturen: KoDörfer. KoDörfer bestehen aus 50 bis 150 kleinen Häusern und einigen größeren Gemeinschaftsgebäuden. Dies können sein: Coworking Spaces, Gemeinschaftsküchen, Kinos Seminarräume, Bars, Restaurants oder Clubs — kurzum: Alles, was Großstädter in der Stadt hält.

Ziel kann dabei nicht sein, die Großtstadt zu kopieren. Ihr Potenzial entfalten sie als Komplementär zur Stadt. Wenngleich gilt: Wer im KoDorf leben möchte, sollte dort auch seinen Hauptwohnsitz anmelden. Bei einem Nebeneinander aus “echten” NachbarInnen und Wochenendbesuchern wäre Ärger vorprogrammiert — sowohl innerhalb des KoDorfs, als auch zwischen KoDorf und UrDorf.

Mehr als Coworking und Coliving auf dem Land

KoDörfer stehen für einen neuen Lebensstil, der das beste beider Welten verbindet und nicht zu Entweder-Oder-Fragen zwingt. Sie gehen somit weit über die Trendthemen Coworking und Coliving hinaus. Durch die Mischung aus privatem Rückzugsort im eigenen Haus und niedrigschwelligen Zugang zur Gemeinschaft, bleibt es den BewohnerInnenn selbst überlassen, wie sie ihre Zeit auf dem Land nutzen wollen. Konzentriertes Arbeiten ist so im eigenen Garten ebenso möglich wie im Coworking Space. Kochen kann man am eigenen Herd oder gemeinsam mit anderen in der Gemeinschaftsküche. Eine App macht es möglich, diese und ähnliche Aktivitäten zu koordinieren und Räume zu buchen.

Gemeinschaft ist so immer nur Möglichkeit, nie Zwang. Dennoch steht sie im Mittelpunkt denn in einer Gesellschaft die sich immer weiter vereinzelt, gewinnt Gemeinschaft neu an Wert. KoDörfer ermöglichen dabei moderne, fluide Formen der Gemeinschaft. Durch die sich ständig verändernde Bewohnerschaft, begegnen einem bei jedem Besuch neue Gesichter. Umgekehrt: Wer mal für einige Tage wieder alle Freundinnen und Freunde um sich versammeln möchte, mietet einfach mehrere Häuser und verwandelt das Dorf in sein Dorf.

Urbanes Leben auf dem Land — das Beste beider Welten

Haus in “Meerleben” / Foto: Christopher Lewis

Ein kleines Haus im KoDorf ist dabei auch für Durchschnittsverdiener erschwinglich. Die kleinen Häuser kosten einmalig rund 100.000€ und lassen sich bequem durch die Vermietung finanzieren. Wer kein Geld hat für den Kauf, kann so als Mieter zum Ko-Dörfler auf Zeit werden. Um das Vermietungsmanagement und die Pflege der Gemeinschaftsflächen und –gebäude kümmert sich zentral eine Genossenschaft. Durch die Mischung aus Privatbesitz (die Häuser) und Genossenschaft (das Grundstück) wird Spekulation verhindert. Eigentümer können ihre Häuser jedoch jederzeit zu frei verhandelbaren Preisen verkaufen. Niemand wird in Strukturen festgehalten, die nicht passen.

Überhaupt geht es bei diesem Experiment darum, Freiheiten zu schaffen und nicht den Verzicht einzufordern: größere finanzielle Unabhängigkeit durch die Vermietung, leichteren Zugang zu anderen Menschen, ein freier Wechsel zwischen den Möglichkeiten der Stadt und der Erholung auf dem Land.

Für einen nachhaltigeres Stadt- und Landleben

Die Hoffnung ist natürlich, dass Ko-Dörfer trotzdem zu einem nachhaltigeren Umgang mit unserem Land beitragen. Wer nicht mehr sein komplettes Leben in der Stadt verbringt, kommt dort auch mit weniger Platz aus. Ohnehin werden wir in einigen Jahren rückblickend den Kopf schütteln über unseren verschwenderischen Umgang mit Wohnraum. So wie dies heute schon viele Leute beim Gedanken an ein eigenes Auto tun (das die meiste Zeit ungenutzt rumsteht und der Stadt Platz raubt).

Umgekehrt beleben Ko-Dörfer die ländliche Region. Sie schaffen Arbeitsplätze und bereichern das kulturelle und gastronomische Angebot vor Ort. Sie sind aber bewusst in Alleinlage angesiedelt um sich nicht als Fremdkörper in bestehende Strukturen zu drängen.

Pilotprojekt “Meerleben” / 1. Bauabschnitt / Foto: Matthias Arndt

Werdet ein Teil der Bewegung

Für all jene, die Lust haben, ein solches Lebensmodell zu testen, habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist: Noch gibt es sie nicht, diese KoDörfer. Die gute Nachricht: Sie entstehen gerade. Ein Team aus Architekten, Handwerkern und anderen Kreativen ist seit Monaten im Gespräch mit Gemeinden und Privatpersonen und überwältigt von dem Zuspruch, den das Konzept erfährt. Wir merken: Die Zeit für diese Idee ist reif und daher denken wir groß. Wir möchten uns nicht mit einem Ort begnügen, wir träumen davon, eine Bewegung zu starten und zeitgleich an verschiedenen Orten damit zu beginnen, unser Leben und unsere Umgebung wieder stärker selbst zu bestimmen.



Für Kontaktaufnahme bitte eine Mail an frederik.fischer@kodorf.de schreiben.


Update: Seit Veröffentlichung wurde über das KoDorf in einer Vielzahl von Zeitungen und Rundfunk-Sendungen berichtet. Hier eine Auswahl:

Frederik Fischer

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