#Netzwende: Indie-Startups suchen (und finden) neue Wege im Journalismus

In der Wahrnehmung der meisten Menschen besteht unser Mediensystem aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk einerseits und den etablierten Verlagen andererseits. Weniger bekannt ist die langsam wachsende dritte Säule: Indie-Startups. Sie haben keinen großen Verlag im Rücken und verbiegen sich nicht für Werbekunden.

Umso wichtiger ist der Beitrag dieser Startups zu einer divers informierten Gesellschaft. Im zunehmend harten Kampf um Aufmerksamkeit im Netz, können sie sich mit ihren beschränkten Mitteln allerdings nur schwer durchsetzen.

Diese Liste soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Sichtbarkeit dieser Online-Indies zu verbessern. Wenn euch ein Angebot zusagt, empfehlt es im Freundeskreis, teilt die Inhalte in sozialen Netzwerken und unterstützt die Teams im Idealfall vielleicht sogar mit einem finanziellen Beitrag.

Mir könnt ihr helfen, indem ihr mir weitere Indie-Startups im Journalismus nennt, denn ich bin mir sicher, dass meine Liste Lücken hat (Podcasts sind hier bewusst ausgeklammert. Dazu folgt vielleicht demnächst eine gesonderte Liste).


Die Auswahlkriterien:

  • Finanzierung überwiegend über die Crowd, Stiftungen oder Mäzene. Wer sich vornehmlich über Werbung finanziert, bleibt grundsätzlich unberücksichtigt. Ausnahmen werden begründet. Warum Werbeabhängigkeit problematisch ist? Das wird zum Beispiel hier gut erklärt.
  • Journalistischer Anspruch. Es muss nicht immer um die große Politik gehen, aber es sollte schon erkennbar sein, dass die Inhalte nicht in erster Linie für die Klicks produziert werden sondern für den Erkenntnisgewinn von Nutzerinnen und Nutzern.
  • Die Gründung liegt nicht länger als fünf Jahre zurück.

The Buzzard

The Buzzard hat nichts mit Buzzfeed zu tun, sondern ist Englisch für „Bussard“. Wie ein Vogel gleitet das fünfköpfige Team über das aktuelle Weltgeschehen. Erspäht es ein besonders facettenreiches Thema, setzt The Buzzard an zum „Deep Dive“. Das klingt jetzt vielleicht etwas abstrakt beschreibt aber das Konzept des Startups ganz gut. Die Redaktion sammelt zu kontroversen Themen eine Vielzahl an Meinungsstücken, übersetzt diese gegebenenfalls und fasst die Kernargumente in ihren „Deep Dive“ genannten Newslettern zusammen. Gerade durch den Blick auf ausländische Medien, gelingt es der Redaktion tatsächlich, auch weitgehend unbekannte Perspektiven in die Diskussion um große Themen wie den Ukraine-Konflikt, die Finanzkrise oder die Bundestagswahl einzubringen. Das Team wird von der Google Digital News Initiative, dem Vocer Media Lab und dem Social Impact Hub gefördert. In Zukunft soll sich die Plattform aber auch über Berufskunden, die spezielle Themenrecherchen aufbereitet erhalten, und über politikbegeisterte Freizeitleser finanzieren

Correctiv

Correctiv wurde als „erstes gemeinnütziges Recherchebüro Deutschlands“ im Jahre 2014 gegründet. Der Ansatz: Aufwändige investigative Recherchen ermöglichen und diese dann mit einer möglichst großen Anzahl an Medienpartnern teilen. Neben dieser Kerntätigkeit veröffentlicht Correctiv Bücher, bildet (Bürger)Journalisten fort und organisiert Veranstaltungen wie das Campfire Festival. Besonders hervorheben möchte ich noch den wöchentlichen Newsletter „Spotlight“, in dem sogenannter Watchdog-Journalismus gefeiert wird: Die Art von Journalismus, die den Mächtigen auf die Finger schaut, Journalismus als vierte Gewalt. Der Newsletter schockiert mich jede Woche aufs Neue denn er erinnert daran, wie viel wirklich wichtiger und gesellschaftlich relevanter Journalismus quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. In die Facebook- und Twitter-Streams mit ihren emotionalen Inhalten schaffen es die häufig sperrigen Texte jedenfalls nur selten. Möglich wurde das gemeinnützige Projekt durch eine Initialförderung in Höhe von drei Millionen Euro durch die Brost Stiftung. Diverse Stiftungen sind seit dem Start hinzugekommen.

Deine Korrespondentin

Deine Korrespondentin” erzählt „die besten Geschichten von Frauen aus der ganzen Welt”. Der Fokus liegt dabei auf Themen, die es sonst nicht in die Nachrichten schaffen. Auch die Art der Berichterstattung und die Beziehung zu den Leserinnen und Lesern hebt sich ab von der Erzählweise klassischer Medien. Zusätzlich zu Texten, gibt es Videos, Podcasts, Videokonferenzen mit den Unterstützerinnen und Netzwerkabende.

Dekoder

Russland verbindet man nicht erst seit der der Trump-Wahl in erster Linie mit Fake News, Trollen und Parteienpresse. Was häufig übersehen wird: Es gibt auch ausgezeichnet recherchierten und unabhängigen Journalismus in und aus Russland. Diesen zu übersetzen hat sich Dekoder zur Aufgabe gemacht. Neben journalistischen Texten, macht das Team auch Beiträge aus der Wissenschaft zugänglich. Dekoder ist gemeinnützig und stiftungsfinanziert.

Featvre

Featvre ist laut Website „die Anlaufstelle für die weltweit besten Dokumentationen, Reportagen und Non-Fiction-Videos aus den Bereichen Politik, Wissen und Kultur. Alle Videos werden durch die FEATVRE Redaktion nach qualitativen Maßstäben ausgesucht, mit Schlagworten verlinkt und täglich mehrfach aktualisiert.“ Im Newsletter werden die besten Fundstücke der Woche zusammengefasst.

Hostwriter

Hostwriter ist eine Art “Couchsurfing für Journalisten”. Wer in ein fremdes Land reist und vor Ort Kontakte sucht, wer Geschichten gemeinsam mit Journalisten in verschiedenen Ländern umsetzen möchte, der/die wird auf Hostwriter fündig. Zusätzlich verleiht das Hostwriter-Team einen Preis für länderübergreifenden Journalismus, organisiert Veranstaltungen zu Schwerpunktthemen und bietet Mentoren-Programme für Journalisten im Exil an. Hostwriter ist eine gemeinnütziges Unternehmen und stiftungsfinanziert.

Der Kontext

Viele Themen sind zu komplex, um sie in einem einzelnen Text, Video oder Podcast zu behandeln. Das Team von Der Kontext hat daher eine eigene Software entwickelt, die verschiedene Aspekte eines Themas verknüpft und als Netzwerk darstellt. Nutzerinnen und Nutzer können so innerhalb eines Themas auf Entdeckungsreise gehen und sich Wissenshäppchen für Wissenhäppchen vorarbeiten. Der Kontext wurde möglich durch das Exist Gründerstipendium, dem Media Lab Bayern und dem MIZ Babelsberg. Inzwischen verdient das Unternehmen Geld mit der Lizenzierung der Software an Unternehmen.

Krautreporter

Krautreporter möchte die Beziehung zwischen Leserinnen und Lesern neu definieren. Auf die größte Crowdfunding-Kampagne im deutschsprachigen Journalismus folgte 2014 eine turbulente Findungsphase. Inzwischen ist die Redaktion mit einer Mischung aus ausführlichen Erklärstücken, Hintergrundberichten und Community-Formaten kaum noch wegzudenken aus der deutschen Medienlandschaft. Neben den kostenpflichtigen Inhalten auf der Website, bietet Krautreporter auch eine Reihe von kostenlosen Angeboten wie Facebookgruppen oder den täglichen Newsletter „Morgenpost“, in dem Christian Fahrenbach die wichtigsten Nachrichten des Tages zusammenfasst. 2016 hat Krautreporter die Unternehmensform gewechselt und ist seitdem eine Genossenschaft.

Mediasteak

Das Team von Mediasteak durchsucht seit 2013 die Mediatheken nach den besten Inhalten und empfiehlt diese auf ihrer Website und im Newsletter.

MedWatch

“Fake News” sind auch in der Medizin keine Seltenheit. Dahinter stecken aber selten Trolle, Bots oder “die Russen”. In vielen Fällen stecken Geschäftemacher hinter falschen oder irreführenden Beiträgen in den Sozialen Medien. Teils schaffen derartige Meldungen es aber auch in eigentlich seriöse Medien, wenn Journalisten die Zeit und das Fachwissen fehlen, um Entwicklungen im medizinischen Bereich kritisch prüfen zu können. Die MacherInnen von MedWatch wollen einen Gegenpol schaffen: Das Gründerteam besteht aus zwei ausgezeichneten Wissenschaftsjournalisten, die auf dem neuen Portal Falschmeldungen aufdecken und das Netz nach “unseriösen Heilsversprechen scannen”. In Kürze startet die Crowdfunding-Kampagne. Schon jetzt kann man sich auf https://medwatch.de ein erstes Bild machen.

piqd

Piqd ist der Programmführer für guten Journalismus im Netz. 200 Expertinnen und Experten empfehlen die besten Inhalte und fassen sie für euch zusammen. Die Kurzkritiken werden via Website und Newsletter geteilt. Zusätzliche Angebote umfassen eine Facebookgruppe zum Thema „soziale Gerechtigkeit“, zwei Podcasts (“thema” mit Katrin Rönicke und “hintergrund” mit Florian Schairer) mit den Geschichten hinter den Geschichten und einen eigenen Newsletter, der wöchentlich alle Video- und Podcast-Empfehlungen zusammenfasst. piqd ist werbefrei und finanziert sich hauptsächlich über den Mäzen Konrad Schwingenstein. Freiwillige Mitgliederbeiträge und Sponsoren tragen aber einen immer größeren Teil der Finanzierung.

(Ich bin Teil des Gründungsteams und arbeite dort als Chefredakteur)

Perspective Daily

Perspective Daily ist eine Plattform für konstruktiven Journalismus. Im Vordergrund stehen nicht Probleme und Skandale, sondern Lösungsansätze. Das Konzept überzeugte während der Crowdfunding-Kampagne vor zwei Jahren mehr als 13.000 Unterstützer. Momentan umfasst die Redaktion laut Website acht feste Autorinnen und Autoren.

Reportagen.FM

Eine kleine Gruppe von Journalisten empfiehlt jeden Freitag via Newsletter die drei besten Reportagen der Woche. Freiwillige Beiträge machen den Service möglich.

Resi

Als „Conversational Journalism“ beschreibt das Resi-Team ihr eigenes Produkt. Was das heißt? Resi reicht über eine eigene App Nachrichten so dar, wie in einem Gespräch unter Freunden. Jeden Tag können Nutzerinnen und Nutzer sich ausgewählte Nachrichten näher erklären lassen. Wie tief sie in jede Nachricht einsteigen wollen, bleibt ihnen überlassen und lässt sich über Eingaben wie bei einem Messenger kontrollieren. Die Aufbereitung ist maximal unterhaltsam. Der lockere Ton und die vielen Videos, GIFs und Emojis richten sich vornehmlich an ein junges Publikum und wollen dieses wieder stärker für Nachrichten interessieren, aber auch vielen Ü30ern dürfte die Mischung gefallen.

RiffReporter

Auf RiffReporter gibt es nicht nur Inhalte von renommierten Journalistinnen und Journalisten, RiffReporter ist gleichzeitig eine Infrastruktur, um eben jene Autoren in ihrer Unabhängigkeit zu unterstützen. Freie Journalisten leiden besonders unter den schwierigen Branchenbedingungen. Auf RiffReporter können sie zukünftig für ihre Arbeit um Unterstützer werben. „RiffSupporter“ haben dabei die Wahl zwischen Einmalzahlungen oder monatlich kündbaren Abos. RiffReporter ist eine Genossenschaft und hat 2017 den ersten Vocer Netzwende-Award für nachhaltige Innovation im Journalismus erhalten.

Science Media Center Germany

Immer wieder sorgen wissenschaftliche Studien für haarsträubende Schlagzeilen. Nur wenige Journalisten haben das Fachwissen und die Zeit, Studienergebnisse kritisch zu prüfen und einzuordnen. Hier hilft das Science Media Center. Rund 400 Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsgebieten stehen Journalistinnen und Journalisten zur Verfügung und stellen ihre Expertise kostenfrei in Form von Beiträgen, Interviews und Fact Sheets zur Verfügung. Das Science Media Center ist überwiegend stiftungsfinanziert.

Shelfd

Shelfd ist vor allem bekannt für die wöchentlichen Newsletter mit Empfehlungen aus den Mediatheken. In Zukunft will das dreiköpfige Team aber auch die Website stärker ausbauen und dort ein personalisiertes Angebot zur Verfügung stellen. Schon jetzt sieht der Web-Auftritt vielversprechend aus. Die Anschubfinanzierung kam vom MIZ Babelsberg und Vocer. Zukünftig sollen die Nutzer den Service finanzieren.

Social Media Watchblog

Soziale Medien bestimmen zunehmend den öffentlichen Diskurs. Gemessen an ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung war die Berichterstattung viele Jahre dürftig. Vor fünf Jahren Jahren hat der Journalist Martin Giesler daher zusammen mit einem wechselnden Team aus Kolleginnen und Kollegen den Social Media Watchblog gegründet. Mehrmals pro Woche erscheint ein Newsletter mit den wichtigsten Entwicklungen rund um das Thema Social Media und digitale Öffentlichkeit. Das Projekt finanziert sich über freiwillige Beiträge und Sponsoren.

Steady

Auf Steady können „Publisher“ (laut Website: „Personen oder Teams, die regelmäßig publizieren, seien es Blogs, Videos, Bilder oder Podcasts“) um Unterstützung bitten. Die Seite hat etwas mehr als ein Jahr nach dem Start schon einer Vielzahl von Einzelpersonen und Projekten dabei geholfen, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Die Anschubfinanzierung erfolgte durch die Google Digital News Initiative und einer Gruppe von Privatinvestoren. Geld verdient Steady durch eine zehnprozentige Provision auf alle Transaktionen.

Übermedien

Wer an unabhängiger Medienkritik interessiert ist, findet kein besseres Angebot als Übermedien. Mit großer Leidenschaft und noch mehr Fachwissen (oder umgekehrt?) berichten die Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz über die Irrungen und Wirrungen der Branche. Anders als andere Branchendienste, richtet sich Übermedien an eine breite Öffentlichkeit und lässt sich auch von dieser finanzieren.

Wunderding

Die Berichterstattung über Startups ist dürftig. Welcher Journalist kann schon überprüfen, ob der Algorithmus wirklich hält was die Macher versprechen oder wie ungefährlich das neue Hype-Getränkepulver tatsächlich ist? Wunderding stellt hohe Ansprüche an die eigene Berichterstattung und versucht gründlicher als der Rest zu durchdringen, was sich hinter den Innovationen im Bereich künstlicher Intelligenz oder Genmanipulation verbirgt. Wunderding finanziert sich über die Robert Bosch Stiftung und Native Advertising.