Gefallene Hemmschwellen

Etwas ungeheuerliches ist geschehen.

In der Silvesternacht 2015, wurden in Köln dutzende Frauen Opfer von massiven sexuellen Attacken. Augenzeugen berichten von einer Menge von ca. 1'000 nordafrikanisch aussehenden Männern, die sich in dieser besonderen Nacht des Jahres auf der Kölner Domplatte versammelt hatten. 
Inmitten der Öffentlichkeit, unter den Augen der Polizei und von hunderten anderen ausgelassenen Feiernden, wurden im Schutze der Dunkelheit selektiv einzelne Frauen oder kleinere Frauengruppen von mehreren dutzend Männern umringt, von allen Seiten begrapscht, gedemütigt, ausgeraubt. Ja sogar vergewaltigt. Einer Frau wurde Slip und Strumpfhose zerrissen. Andere berichteten davon, dass sie durch einen Tunnel getrieben worden, dutzende Hände an ihren Körpern, an allen Körperöffnungen. Am Ende fehlten zudem bei vielen die Handys und Geldbörsen.

Bisher ist von bis zu 100 Frauen die Rede, denen dies widerfahren ist.

Ungeheuerlich. So etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben. 
Über Deutschland ist eine kollektive Empörung und Hilflosigkeit hereingebrochen, die ich so noch nie wahrgenommen habe.

Bei aller berechtigter Empörung ob dieser feigen Taten, lasst uns mal einen Moment inne halten und bis zehn zählen.
1–2–3–4–5–6–7–8–9–10.

Es ist keine Frage, dass diese erbärmlichen Taten von niemandem von uns gut geheissen werden.
Sie sind ein Angriff auf unsere Werte und unser Selbstverständnis von Freiheit.
Und in diesem Kontext sollten diese Angriffe auch behandelt werden.

Aber wie auch in jedem anderen Land, gibt es in Deutschland keine homogene Meinungsbildung.
Hasserfüllte Postings in den sozialen Medien haben uns in den letzten Monaten sehr deutlich vor Augen geführt, dass die Meinungen im Lande sehr weit auseinander gehen, ob und wie mit der Migrationswelle umgegangen werden soll.

Ja, es gibt unter uns viele — mehr als uns lieb sein könnte — die in ihren Herzen keinen Platz für Mitgefühl Notleidender haben. Ich finde es erschreckend, dass die Schranken für Scheu und Anstand anscheinend gefallen sind, und sich mittlerweile die abscheulichsten Gedanken in gemeinen Kommentaren auf allen Plattformen wiederfinden. Es gab mal eine Zeit, da wurden diese Kommentare noch aus der Anonymität des Webs heraus gemacht. Eine Zeit, in der man sich noch hinter seinem Rechner verstecken konnte, falsche Namen, verschleierte IPs. Selbst dies weicht sich immer mehr auf.

Die Hemmschwellen fallen. 
Genau wie die Hemmschwellen dieser jungen Männer, die sich im Schutz der Dunkelheit, in der Anonymität der Masse und mit dem Vorteil des Überraschungsangriffs an Körper und Eigentum dieser Frauen vergriffen.

Es ist doch eine interessante Parallele, nicht wahr?
Gefallene Hemmschwellen.

Bei den einen sind es die gefallenen Hemmschwellen verbaler Entgleisungen, getätigt von der Anonymität des Computers.
Bei den anderen sind es die gefallenen Hemmschwellen unterdrückter körperlicher Bedürfnisse, getätigt aus der Anonymität einer grossen Gruppe in der Dunkelheit der Nacht.

Die Aufregung in der Bevölkerung ist gross. Verständlicherweise.
Von solch einer Dimension von Taten hatten wir bisher nicht gehört. Und noch, so scheint es, reden alle ratlos durcheinander und wissen nicht, wo anfangen mit der Bewältigung dieses Ereignisses.

Und dann haben wir da noch die ewig Hasserfüllten. Die, die schon immer gewusst haben, dass das “Wir schaffen das” nicht gut gehen wird. Die, die Kriegsflüchtlinge als Invasoren denunzieren und die der Angst vor etwaigen Wohlstandseinschränkungen jegliche menschliche Herzensregung wie Mitgefühl versagen.

Aus diesen Reihen verhören wir jetzt ein Gekeife und Gezeter, und Generalverdächtigungen gegenüber Flüchtlingen werden laut. Ja, es stimmt. Deutschland hat über eine Million Flüchtlinge im vergangenen Jahr aufgenommen. Ein Grossteil davon waren alleinreisende junge Männer. 
Klar, eins uns eins zusammenzuzählen fällt hier nicht schwer. Es ist doch allzu nahe liegend, dass die Samenstau haben und sich abreagieren müssen!

Klar, es könnte so sein. Aber es kann auch anders sein.
Momentan scheint es, als ob sich die Täter nicht ermitteln liessen. Verschluckt von der Dunkelheit, geschützt durch die Anonymität der Gruppe. Die Polizei hat erst Tage später das Ausmass dieses Vorkommnisses realisiert.

Es ist ein Verdacht. Aber ein Verdacht ist auch nur ein Verdacht. Es ist keine Gewissheit.
Möglich, dass wir niemals Gewissheit über die Täter erhalten werden. Vielleicht finden sie ein paar und ziehen sie zur Rechenschaft. Vielleicht aber finden sie auch niemanden, und die Wut wird noch lange unterschwellig brodeln.

Was uns bleibt, ist eine kollektive Diskussion darüber zu führen, wie wir uns als Gesellschaft im Hinblick auf unsere Werte positionieren wollen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie wir Meinungsverschiedenheiten in der politischen Debatte integrieren.

Offenbar fühlt sich eine ganze Menge an Leuten ungehört, so dass sie ihre Meinung lauthals und anstandslos kundtun müssen. Wir sollten als Gemeinschaft nicht den Weg gehen, diese Menschen sozial auszugrenzen. Dies würde langfristige Folgen haben. Die kontinuierliche Unterdrückung von Ansichten oder das Lächerlich machen von Positionen führt zu Radikalisierungen, und dies könnte unserer Gesellschaft noch sehr teuer zu stehen kommen.


“Die intelligente Art die Menschen passiv und gehorsam zu halten, ist das Spektrum akzeptabler Meinungen strikt zu limitieren, aber innerhalb dieses Spektrums die Debatte sehr lebendig zu halten.” — Noam Chomsky

Zuerst am 08. Januar 2016 auf futuretalks.net veröffentlicht.