Gerhard Schöne wird heute 65

Christlich-human

Dazu mein Portrait, das die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« unter dieser Überschrift vor Jahren veröffentlichte (26.08.2004, Nr. 198 / Seite 42)

Der Liedermacher Gerhard Schöne verkörpert Ost-West-Unterschiede, die man kaum im Musikfernsehen, aber noch auf Konzertbühnen feststellen kann. Als er dieser Tage in Jena nach zweijähriger Pause seine Tournee eröffnete, war der Auftritt ein Höhepunkt des jeden Sommer in der Saalestadt veranstalteten Musikfestivals: Jenas siebenwöchige “Kulturarena” mit rund siebzigtausend Besuchern, 1992 kreiert von einem Kulturamtsleiter aus Nordhessen, ist die Thüringer Kleinausgabe des “Kulturzelts” in Kassel, jedoch mit eigenen Akzenten. In Hessen trat Schöne nicht auf — in Jena war er der Star. Der 1952 geborene Sachse war zu DDR-Zeiten eine Ausnahmeerscheinung.

Als Pfarrerssohn verweigerte er den Wehrdienst mit der Waffe, durfte aber trotzdem in Kasernen, Kindergärten, Konsumgaststätten und auf anderen Bühnen auftreten. Als Briefträger absolvierte er ein Abendstudium für Unterhaltungsmusik/Gesang an der Musikhochschule Dresden. 1981 überraschte in finsterster DDR-Tristesse seine erste Langspielplatte “Spar deinen Wein nicht auf für morgen”, im Jahr darauf kam die zweite, “Lieder aus dem Kinderland”. Ein Jahr bevor in der DDR “Test the West”-Werbung plakatiert wurde, erschien die Doppel-Liveplatte “Du hast es nur noch nicht probiert”, in die dreißig Konzerte der Tournee 1988 strömten achtzigtausend DDR-Bürger. Im Titelsong wird ein Staatsmann im Diplomatenkonvoi von einem aus dem Volke gestellt: “Du sagst ihm ins Gesicht, was dir gefällt und was nicht.” Auch andere Lieder verblüfften in der DDR-Agonie: “Mit dem Gesicht zum Volk” war eine unerhörte Kritik an der Politbürokratie, das “Lied für den Feind” sprach amerikanische Soldaten als “Verwandte” an (“Ich mag Stevie Wonder — kennst du Bulat Okudschawa?”), “Altersheim” schilderte (nicht nur sozialistische) Rentnergettos.

Das DDR-Musik-Jugendlexikon präsentierte Gerhard Schöne gestelzt als Liedermacher, “der auf sensible Weise moralische Fragen des Zusammenlebens besingt”. Es sind Lieder über die Abenteuer des Alltags, ohne das agitatorische Pathos mancher engagierter Sänger, ohne Worthülsen und modischen Jargon. Im aktuellen Tourprogramm “Mit fremden Federn” (so der Titel seines siebzehnten Albums) präsentiert Gerhard Schöne Nachdichtungen von Mikis Theodorakis über Leonard Cohen, Bob Dylan bis Sting. “Es war einfach der Wunsch, Lieder, die mich mein Leben begleitet haben, in einer deutschen, singbaren Fassung meinem Publikum zu zeigen und zu sagen: Schaut her, das mag ich.” Buffy Saint-Maries “Universal Soldier” erreicht den Irak, und Gilbert Bécauds “Nathalie” wird zum ironischen Umgang mit kommunistischer Vergangenheit. Kinderlieder singt er immer noch, nur alte in Ichform nicht mehr. Schöne, der 1987 den Kunstpreis der Freien Deutschen Jugend und 1989 den Nationalpreis der DDR bekam, wurde 2002 vom Verband Deutscher Schulmusiker für seinen Beitrag zur Musikerziehung ausgezeichnet. In Gera trägt seit 1999 eine Grundschule seinen Namen. Paradoxerweise ist der von der DDR-Staatssicherheit als “überzeugter Anhänger christlich-humanistischen Gedankengutes” eingeschätzte Musiker in den als heidnisch verschrieenen neuen Bundesländern am populärsten.