Der Gag und die Stasi

Roland Jahn, trampend 1975
„Wer zuletzt lacht, lacht am besten“, bekam Roland Jahn vor rund 28 Jahren in DDR-Untersuchungshaft von seinem Vernehmer zu hören.

Vielleicht lacht Jahn sich wenigstens still ins Fäustchen, wenn er am 28. Januar 2011 um 10.40 Uhr im Bundestag zum neuen Leiter der Stasiunterlagen-Behörde gewählt wird.

Im September 1982 war der Dissident in Jena verhaftet worden und hatte als noch junger, mutiger Mann seine Souveränität gegenüber den Schergen des sogenannten realen Sozialismus gezeigt, indem er nichts über die Jenaer Oppositionszene aussagte, sondern immer nur lachte. „Als ich entlassen wurde“, berichtet Jahn, „hab ich ihm eine Postkarte geschickt, auf der ich lachend drauf bin, auf der steht: ‚Das Arbeiterwort gilt‘, und ich habe ihm geschrieben: ‚Wer zuletzt lacht, lacht am besten.‘“

Roland Jahn ist ein Altersgenosse von mir, uns trennen nur wenige Monate, wir hatten im selben Jahr Abiturprüfung. Und wenn ich, der ich erst im Januar 1991 in Jena landete, seinen Lebensweg sehe, frage ich mich immer wieder, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht aus der heute von Jena kaum eine Autostunde entfernten DDR-Stadt Eisenach schon im Kindesalter in die alte Bundesrepublik gelangt wäre. Denn mich frappiert, daß Roland Jahn Aktionen in der DDR unternahm, die ich auch — in der BRD — veranstaltete. Beide agierten wir aus minoritären Positionen, oppositionell zu den Etablierten. Aber mit so unterschiedlichen Konsequenzen. Wer den Unterschied der Sanktionen der verschiedenen Systeme nicht sieht, dem ist wohl nicht zu helfen; der mag weiter sein gleichmacherisches Gewäsch verbreiten, daß abweichendes Verhalten nun mal überall auf der Welt von den Herrschenden sanktioniert werde.

Anfang der siebziger Jahre hat Jahn an seiner Schule, der EOS Johannes R. Becher in Jena, organisiert, daß Bert Brechts Einheitsfrontlied über den Schulfunk gesendet wurde — wohlgemerkt nicht in der Fassung Ernst Buschs oder des Erich-Weinert-Ensembles, sondern in der Version der westberliner Anarcho-Band „Ton — Steine — Scherben“. Auch ich hatte die „Scherben“ zum Vortrag gebracht: Die von mir in Blomberg/Lippe gegründete Gruppe der Sozialistischen Deutschen Arbeiter-Jugend veranstaltete am 4. März 1973 ab 19.30 Uhr in der Alten Turnhalle ein Konzert mit TSS unter dem Motto „Macht kaputt was euch kaputt macht“. Ob Mitschüler Frank (damals noch ohne: Walter) Steinmeier dabei war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls gab es am Ende des Konzerts die erste Demonstration seit Jahrzehnten durch das Städtchen (für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum — das wir irgendwann später im Keller unter der Stadtbücherei bekamen); und in der TSS-Bandgeschichte verdient der Auftritt auch Erwähnung, hätte die Band sich doch über die Einladung fast gespalten, denn es war das erste Mal, daß orthodoxe, DKP-nahe Kommunisten sie einluden, was die Kontroverse, ob man da überhaupt auftreten könne, auslöste.

Wie wir linke junge Leute im Westen, gierten auch Jahn und die Jenaer Szene libertär nach individueller Freiheit, Selbstbestimmung, Emanzipation. Während ich im ersten Jahr nach der „Nelkenrevolution“ in Portugal dorthin per Autostop reiste, erlebte Jahn herrliche Trips (Foto oben: Jahn 1975 auf der Piste) nach Polen oder in die Tschechoslowakei — mit einem Ost/West-Unterschied beim Trampen, von dem Jahn berichtet: „Es konnte schon mal passieren, daß einem die Trapo aufgriff, die Transportpolizei. Als ich zum Beispiel mal in Karl-Marx-Stadt an der Autobahn stand, wurde ich von der Polizei mitgenommen zum Verhör, und die meinten: ‚Was willst du hier in dieser Gegend? Du bist nicht mehr allzu weit entfernt vom Grenzgebiet!‘ Die redeten dich einfach mit ‚Du‘ an und ermahnten dich, ja nicht zu nahe an die Grenze zu kommen.“

Wie Jahn schätzte auch ich den Liedermacher Wolf Biermann, der als junger Kommunist aus Hamburg in die DDR übergesiedelt war, dort aber bald wegen allzu kritischer Lieder Berufsverbot erhalten hatte; Jahn kannte ihn gewiß viel besser, weil der in der ostberliner Chausseestraße Wohnende auch privat mit Jena verbandelt war.

Nach vielen Jahren ohne öffentliche Auftrittsmöglichkeit kam es zu dem berühmten und folgenreichen Kölner Konzert, wo Biermann auf Einladung der Metall-Gewerkschaftsjugend vor Tausenden erstmals wieder auf einer Bühne stand. Woraufhin die SED-Kommunisten sich auf eine Staatspraxis besannen, die man in Deutschland nur aus der Zeit des National-Sozialismus kannte: „Ausbürgerung“ wegen „unwürdigen“ Verhaltens.

Zu denen, die in Jena gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR protestierten, gehörte Roland Jahn. Biermann verdammten anno 1976 in der DDR die Betonköpfe des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ genauso wie es das CSU-Parteiblatt „Bayernkurier“ tat, das Biermann als „neuen Säulenheiligen der deutschen Linken“ empfing und ihm riet, er solle doch am besten zu den Kommunisten nach Frankreich oder Italien abhauen oder „wenigstens aufhören zu schreiben und zu singen“.

Meine Eintrittskarte zum Kölner Konzert

Ich saß in dem Kölner Konzert, das Anlaß für Biermanns Ausbürgerung wurde (Foto links: Eintrittskarte mit Liedzitat: “Ich möchte am liebsten weg sein — und bleibe am liebsten hier”). Als BRD-Student in Marburg protestierte ich gegen diese — und wurde nur aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Biermanns Mutter Emmy aus Hamburg, die auch im Kölner Konzert saß, wie ich damals Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei, wurde wenig später zu Weihnachten von den DDR-„Grenzorganen“ die Einreise zum Rest ihrer Verwandschaft verweigert — Sippenhaft, wiederum Realsozialistischen wie in Nazizeiten.

Wenn zwei das gleiche tun — ist es noch lange nicht dasselbe. DDR-Student Jahn protestierte in Jena, und er wurde vom Studium ausgeschlossen. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat beförderte ihn in die Arbeiterklasse. Und Jahn blieb rebellisch, unangepaßt, bediente sich seines eigenen Verstands, wurde nicht zum Mitläufer — Ernst Bloch nannte so etwas den „aufrechten Gang“. Als Transportarbeiter bei Carl Zeiss radelte „Gag“, so sein Spitzname in Jena, als die unabhängige Gewerkschaft Solidarność erstarkte, mit einem Polen-Fähnchen durch die Saalestadt. Und als am 1. Mai 1982 wieder rituell die Massen vor der Staatsführung anzutreten hatten, erschien er mit Bart und Schminke im Gesicht: halb Hitler, halb Stalin. Seine Anspielung darauf, daß politische Freiheiten im DDR-Gebiet seit 1933 unterdrückt und „Volksmassen“ nur aus Staatsraison erwünscht waren.

Jahn kam in Knast, wo ihm gegen seinen Widerstand der Bart abrasiert wurde; 1983 sperrte man ihn, die Stasi stand Spalier, gefesselt in das Abteil eines Zugs Richtung BRD.

In der Bundesrepublik vergaß er nicht, wofür er gekämpft hatte. Ob bei „Radio Glasnost“ oder als Fernsehjournalist bei „Kontraste“ (siehe beispielsweise den Film über die Jenaer Szene).

Auf Jahn kommt nun die Aufgabe zu, die Stasiunterlagen-Behörde abzuschaffen. 1989 liegt Jahrzehnte zurück. La révolution est finie, dekretierte vis-à-vis „1789“ irgendwann Napoleon. Als ich bei der Bundespräsidentenwahl Joachim Gauck gegenüber Luc Jochimsen favorisierte, auf daß die Linke ihren Bruch mit dem Stalinismus nicht nur rhetorisch, sondern in einer politischen Entscheidung bekunde, giftete Bodo Ramelow gegen mich. Nun wird Jahn wohl sogar Stimmen aus der Linksfraktion des Bundestags bekommen, der er — so Jahn — im Gespräch „deutlich gemacht“ hat, „daß ich sie in einer besonderen Verantwortung sehe, weil sie als Nachfolgepartei der SED hier ganz besonders herausgefordert ist“. Manche Stimme aus der Linkspartei für Jahn wird ehrlich sein, von Politikern die geläutert sind oder nie den DDR-Sozialismus angebetet haben; aber manche Stimme wird auch opportunistisch, im Hinblick auf Demoskopie und schon seit längerem sinkende Zustimmungswerte abgegeben.

Wie dem auch sei: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“, hatte der Stasivernehmer dem ihn anlachenden Gefangenen Jahn gedroht. Jetzt freue ich mich über‘n Gag — er verwaltet das Erbes dieser Despoten.

Der Beitrag ist erschienen auf: http://www.linksnet.de/de/artikel/26280 und wurde durch den Autor dem fds zur Veröffentlichung angeboten.

Der Autor, Günter Platzdasch, wurde in Eisenach geboren, in Marburg 1976 als Eurokommunist aus der DKP ausgeschlossen, parteilos und tätig als Jurist in Jena und Weimar.

Vermutlich notwendige Anmerkung der Redaktion: Der Redaktion ist bekannt, dass zwischen G. Platzdasch und B. Ramelow in der Vergangenheit erhebliche Differenzen herrschten und herrschen. Die Veröffentlichung dieses Beitrages stellt bewusst keine Positionierung in dieser anhaltenden Auseinandersetzung dar die in einem Seitenhieb auch in diesem Beitrag sich wiederfindet.

Vermutlich notwendige Anmerkung des Autors 2016: B. Ramelow ist inzwischen Ministerpräsident des Freistaats Thüringen und sämtliche Beiträge von mir im LINKSNET sind gelöscht.


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