Dean Reed im Buch über die Ost-Berliner Weltfestspiele und eine Udo Lindenbergs West-Schallplatte mit Ost-Thema

Deutsche Geschichten: Dean Reed, der Anti-Trump — Udo Lindenberg, der Gesamtdeutsche

Die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen vertreibt eine Broschüre über „Grenzgänger des Rock“, die jeder an der (Musik-) Geschichte des geteilten Deutschlands Interessierte lesen sollte.

Die Veröffentlichung mit dem Untertitel Dean Reed, Udo Lindenberg und die DDR-Kulturpolitik ging aus einer Magisterarbeit von Anne Martin an der Universität Leipzig 2010 hervor. Derjenige, der sich durch das erste Dutzend Seiten hindurch gequält hat und nicht auf sprachliche Eleganz Wert legt („haben sie sich ein ziemliches Ei gelegt“), wird mit einem reizvollen Blick auf zwei Künstler belohnt. In der Einführung stimmt schon die zeitliche Folge des Auftretens von Lindenberg und dem „roten Elvis“ der DDR nicht. Dann wird behauptet, es habe für jedes Kunstgenre vom SED-Politbüro abgesegnete Regeln gegeben; wenig später heißt es hingegen, wo die Rockmusik „nun hin gehörte“ sei „der Politikführung“ unklar gewesen.

Nach einem informativen Überblick über Jugendmedien in der DDR geht es dann endlich zu den beiden Hauptpersonen dieser Veröffentlichung. Zuerst wird Dean Reed vorgestellt unter der Überschrift: „Der weiße ‚Friedensneger‘“.

Der 1938 in den USA bei Denver/Colorado geborene Sänger und Schauspieler, der 1973 beantragte, „sich auf unbestimmte Zeit in der DDR niederlassen zu dürfen und für das Ministerium für Kultur tätig zu sein“, hat eine spannende, schillernde Biografie. In seiner Heimat als ‘jugendfreier Elvis’ aufgebaut, standen ihm sogar die Tore Hollywoods offen. Sein One-Hit-Wonder 1959 machte ihn auch in Südamerika zum Star. 1961 tourte er durch Argentinien, Brasilien, Chile und Peru. In dieser Broschüre fehlt: Während der Fußballweltmeisterschaft in Chile 1962 geriet er in CIA-Akten, weil er sich mit (auch meinem Idol — ab WM 1966) dem russischen Torwart Lew Jaschin verbrüdert haben soll (weil Jaschins Moskauer Verein „Dynamo“, Sportverein der Staatssicherheit, war?). Zur Zeit der Unidad Popular unter Präsident Salvador Allende traf Reed den Sänger und Volkshelden Victor Jara, der nach dem Putsch von Augusto Pinochet gegen die Volksfront Regierung am 11. September 1973 gefoltert und getötet wurde; ihm widmete Reed 1977 den Film „Der Sänger“ (El Cantor). Seit Anfang der siebziger Jahre verfügte Reed über enge Kontakte in die DDR, beim Jugendfestival X. Weltfestspiele 1973 in Ost-Berlin stand er im Rampenlicht (Foto oben). Als 1986 in einem See bei Berlin seine Leiche gefunden und nur Diffuses über seinen Tod mitgeteilt wurde, entstanden Gerüchte und Spekulationen über das Ende des durchtrainierten Endvierzigers in nur knietiefem Wasser. Heute wissen wir, daß es ein Suizid mit einem 15-seitigen, handschriftlichen Abschiedsbrief war.

Nicht weniger spannend ist der letzte, der dritte Teil dieser Broschüre: „Panik Präsident wird Krawallmacher. Udo Lindenberg“. Das Lindenberg es geschafft hat, Rockmusik deutsche Sprache zu versöhnen, ist bekannt. Inwiefern die deutsche Teilung auch in seinen Liedern vorkam, wissen nur noch wenige. Vielleicht kennt man den Song Mädchen aus Ost-Berlin des Andrea Doria-Albums, aber wer hat vom 1976 erschienenen Album Sister King Kong den Titel Rockarena in Jena in Erinnerung — immerhin in der ostthüringischen Großstadt titelgebend für das nach der Wiedervereinigung alljährlich veranstaltete Sommermusikfestival „Kulturarena Jena“? Und dann sind da vor allem natürlich die beiden Lieder, deren sich Lindenberg bediente, um direkt mit dem „Oberindianer“ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands der Deutschen Demokratischen Republik zu kommunizieren: Sonderzug nach Pankow und Der Generalsekretär. In den Zusammenhang gehören auch Hallo DDR und Honey.

Alles Titel, die übrigens — was die Autorin nicht erwähnt — im DDR Rocklexikon (Neuausgabe des Beat-Lexikons) in einem langen Artikel über Lindenberg ungenannt bleiben. Es ist der Autorin zu danken, daß sie minutiös festgehalten hat, wie Udo stets auch seine Fans in der DDR im Blick hatte und welchen Widrigkeiten er dabei ausgesetzt war, die ihn nicht davon abhielten, über die Jahre beharrlich für sein Auftreten im anderen deutschen Staat zu kämpfen.