Frankreichs Bürgermeister: Vom Burkini- zum Pokémon-Verbot

Frantz Fanon: Algerien legt den Schleier ab (dt. 1969)

Vor allem, aber nicht nur in Gebieten wo der Front National stark ist, drehen einige Bürgermeister durch und überbieten sich in populistischen Forderungen. Nach den Burkini-Verboten an einigen Côte d’Azur-Ständen kam der Maire von Bressolles auf die Idee, die Pokémon-Jagd zu verbieten. So etwas kannte man bisher nur aus Saudiarabien, wo seit 2001 eine Fatwa das “religiös inakzeptable” Spiel bannt.

Als nächste Stufe der Eskalation schlage ich vor, muslimische Frauen, die nicht das Gefallen dieser Voyeure finden, in ein Umerziehungslager zu stecken. Der Club Méditerranée böte sich an — oder besser noch die Nudistencamps von Cap d’Adge, die Michel Houellebecq 1999 so anschaulich in Elementarteilchen beschrieben hat.

DDR-Ausgabe, Leipzig 1986

Schon in den sechziger Jahren analysierte der Psychiater und Befreiungstheoretiker Frantz Fanon zwei Deflorationsphantasien der Kolonialisten vis-à-vis der fremden Frau — Hidschāb und Hymen.

Der Streit um die Verhüllung muslimischer Frauen währt in Frankreich schon länger, und die Attacken kamen keineswegs nur von der politischen Rechten, zeigt ein Vorfall in kommunistischem Milieu 2003.

Der französische Staatsrat hob heute paradigmatisch eines dieser gegen muslimische Frauen gerichteten Verbote auf, denn die Bürgermeister sind zwar für Hygiene und Sicherheit beim Baden zuständig, nicht aber für die Durchsetzung irgendwelcher sonstiger Ordnungsansichten: «il souligne, conformément à une jurisprudence constante depuis plus d’un siècle, que le maire doit concilier l’accomplissement de sa mission de maintien de l’ordre dans la commune avec le respect des libertés garanties par les lois. Les mesures de police que le maire d’une commune du littoral édicte en vue de réglementer l’accès à la plage et la pratique de la baignade doivent donc être adaptées, nécessaires et proportionnées au regard des seules nécessités de l’ordre public, telles qu’elles découlent des circonstances de temps et de lieu, et compte tenu des exigences qu’impliquent le bon accès au rivage, la sécurité de la baignade ainsi que l’hygiène et la décence sur la plage. Il n’appartient pas au maire de se fonder sur d’autres considérations et les restrictions qu’il apporte aux libertés doivent être justifiées par des risques avérés d’atteinte à l’ordre public.»

Der Conseil d’Ètat schützt das Recht! Zuvor war das Bild um die Welt gegangen, das eine auf dem Boden sitzende Muslima zeigt, die von vier um sie stehenden Polizisten, vor den Augen all der anderen Strandbesucher, gezwungen wird, sich zu enthüllen — “Dieses Bild ist eine Ikone der Unfreiheit”. Ernst Bloch erinnerte der Schwäche der Linken und des Triumphs des National-Sozialismus eingedenk einst an die “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen” (Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt/M. 1962, S. 111ff.) und mahnte in seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie: “Der Fortschrittsbegriff duldet keine ‘Kulturkreise’, worin die Zeit reaktionär auf den Raum genagelt ist, aber er braucht statt der Einlinigkeit ein breites, elastisches, völlig dynamisches Multiversum, einen währenden und oft verschlungenen Kontrapunkt der historischen Stimmen.“ Aber welcher Nackte von Cap d’Agde erinnert sich noch früherer Bademoden in europäischen Regionen, wer hat die australische Lektion gelernt, daß gerade musilimische Badekleidung eine Etappe auf dem Weg zur Selbstbefreiung der Frauen sein kann? Stattdessen favorisieren etliche selbsternannte Frauenbefreier einen “Akt der seelischen Gewalt”, so Patrick Bahners bereits vor einem halben Jahrzehnt über die antiislamischen Tuchverbote. Er fragte dieser Tage treffend in Frankfurter Allgemeine: Was gibt es da zu regeln?