Hela Einsele: Sozialistin, Strafvollzugsreformerin

Helga Einsele:

Aufrechter Gang und Eigen-Sinn

Erstveröffentlichung: zusammen mit Heiner Halberstadt 
am 8. März 2005 in linksnet.de

Das lange Schweigen linker Medien oder deren nur knappe Beiträge zu Helga Einseles Tod am 13. Februar kennzeichnen nicht nur die geteilte Erinnerung in Ost und West, sondern auch die Misere der gesamtdeutschen Linken: up to date echauffierte man sich vorübergehend über Folter und Gefängnisse, kennt vielleicht noch die “Frauenknast”-Serie in RTL, aber einer, deren Lebenswerk die Reform des Strafvollzugs war, erinnert man sich kaum.

Wolfgang Abendroth, der erste Marxist auf einem bundesdeutschen Lehrstuhl und Ziehvater der BRD-Linken, würdigte in seinem autobiographischen Gesprächsprotokoll “Ein Leben in der Arbeiterbewegung” (Frankfurt/M. 1976) Einsele als “die hervorragende Spezialistin für einen humanen Strafvollzug”. Sie stand für Emanzipation, Humanisierung des Strafvollzugs und linke Politik jenseits der Parteiraison. Ihre Lebensgeschichte ist zugleich ein Zeitdokument, in dem die Geschichte des demokratischen Sozialismus in Deutschland, als Teil einer Jahrhundertbilanz, mit eingegangen ist.

In Halle am 9. Juni 1910 geboren, wuchs sie in Lüneburg auf. Dort besuchte sie das Johanneum, eines der ältesten Gymnasien in Deutschland. Dessen Leiter Dr. Friedrich Hackmann hatte zwei Töchter, die später in Hessen Karriere machten: Als Erdmuthe Falkenberg wurde die eine Leiterin des Landesjugendamtes Hessen, als Helga Einsele die andere Leiterin der hessischen Strafvollzugsanstalt für Frauen, und beide wurden bundesweit bekannt als Reformerinnen — des Jugendwohlfahrtsrechts bzw. des Strafvollzugsrechts.

Helga und Erdmute wuchsen in einem bürgerlich-demokratisch gesinnten Elternhaus auf. Ihre Mutter war schon sehr früh in der Frauen-Emanzipationsbewegung tätig. Der Vater war 1914 als konservativ-patriotischer Bürger in den Krieg gezogen und kehrte aus ihm als liberaler Republikaner zurück. Dahin hatte ihn nicht nur das im Krieg erlebte mörderische Grauen gebracht, sondern ebenso sehr der hierarchisch-bürokratische Stumpfsinn des Militärapparats. Friedrich Hackmann ließ an seinem Gymnasium stets die schwarz-rot-goldene Fahne hissen, gegen den Widerstand der Mehrheit seines Kollegiums, die auf Schwarz-Weiß-Rot standen. Hackmann wurde konsequenterweise als einer der ersten höheren Beamten 1933 von den Nazis in Lüneburg “aus dem Schuldienst entfernt”. Zu seinen Schülern gehörte übrigens ein späterer Oberbürgermeister Frankfurt am Mains: Werner Bockelmann. Der Rausschmiß Friedrich Hackmanns wurde zusätzlich mit dem “linksradikalen Engagement” seiner in Heidelberg studierenden Tochter Helga begründet.

Diese beeindruckte das Studium bei dem sozialdemokratischen Heidelberger Juristen Gustav Radbruch, von dem am 1. Mai 1930 sie berichtete: “Dann sprach er. Nicht über den allgemeinen Teil des Strafrechts, sondern vom Recht überhaupt, von seiner Funktion in einer politischen Wirklichkeit verschärfter Klassenkämpfe, in der solche Formen des Kampfes widerstreitender Interessen gefunden werden mußten, daß die Klasse der Ausgebeuteten zu ihrem Recht komme. Wo hatte es im Universitätsbetrieb bisher eine solche Parteinahme für eine Wirklichkeit gegeben, die sonst alle zu verbergen trachteten?” Helga Einsele sagt von sich, sie habe sich 1930, nach “Überwindung bürgerlicher Skrupel”, den sozialistischen Studentengruppen genähert und sei dann in die SPD eingetreten. Sie wurde Mitorganisatorin antifaschistischer Kundgebungen. Bei der Wahl zum Allgemeinen Studenten-Ausschuß kandidierte sie gegen den späteren NS-Reichsstudentenführer Gustav-Adolf Scheel. Dessen Mannen hätten die blonde, schlanke, “edelgermanisch” aussehende Kommilitonin gern auf ihrer Liste gehabt. Aber die linken Studenten warben mit dem Konterfei von Helga gegen die völkischen Rassisten mit dem Slogan: “Wählt doch die. Die ist viel blonder als ihr”.

1931 ging Helga Hackmann in die USA, interessiert allgemein am dortigen Strafvollzug und speziell an der Stellung von Frauen. Sie war mit ihrem späteren Mann, dem Biologen Wilhelm Einsele, nach New York gegangen. Der hatte ein Stipendium an der Columbia Univerity erhalten; in New York heirateten die beiden. Helga schrieb in New York an ihrer Doktorarbeit, die von dem Nachfolger Radbruchs in Heidelberg Engelhard übernommen worden war. Als beide nach der “Machtergreifung” nach Deutschland zurückkehrten, mußten sie sich mehr schlecht als recht durchschlagen, bis Wilhelm Einsele eine adäquate wissenschaftliche Tätigkeit aufnehmen konnte. Wilhelm Einsele wechselte 1938 von einem gewässerbiologischen Institut der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Langenargen am Bodensee an das gewässerbiologische Institut in Weißenbach am Attersee, dessen Leitung er übernahm. Ihre Tochter Nele wurde 1941 in Berlin geboren, wo Eltern und Schwester lebten. An den Mondsee siedelte das Institut um, als 1953 mit Geldern aus dem Marschallplan dort ein wissenschaftliches Institut für Limnologie und Fischereiwirtschaft mit Schulungsgebäude (in Scharfling) und eine Fischzuchtanstalt (in Kreuzstein) gebaut worden war.

Zurückgekehrt nach Deutschland, ernannte 1947 der legendäre Ministerpräsidenten des roten Hessens, Georg August Zinn, sie zur Leiterin des Frauengefängnisses in Frankfurt-Preungesheim, wo sie 28 Jahre “Einblick hatte in schlimmes Lebenselend”, wie sie in ihren vor zehn Jahren erschienenen Memoiren “Mein Leben mit Frauen in Haft” (Stuttgart 1995) schrieb. Der Hintergrund war folgender: Nach ihrem Umzug nach Frankfurt hatte ihr berühmter Lehrer, der nach dem Krieg wieder in Heidelberg lehrende Strafrechtslehrer und Rechtsphilosoph Gustav Radbruch, Zinn auf Einsele aufmerksam gemacht. Die Frankfurter SPD versuchte unterdessen, sie für die Leitung des Frankfurter Polizeipräsidiums zu gewinnen; eine auch für eine Frau damals ungewöhnliche Herausforderung. Denn es galt, eine nun in einem demokratischen Rechtsstaat eingebundene, weitgehend neue Polizeiführung aufzubauen und zu führen, zumal die Rolle, welche die Polizei als Macht- und teilweise auch als Terrororgan des Dritten Reiches gespielt hatte, in den ersten Jahren nach 1945 noch allgegenwärtig war. Aber Einsele entschied sich für die Leitung des Strafvollzugs, bestimmt von dem Gedanken ihres Lehrers Radbruch: “Schafft nicht einen besseren Strafvollzug, sondern etwas, was besser ist”. Sie nahm ihren Kampf auf zu einer Zeit, als in Hessen — vor Inkrafttreten des Grundgesetzes — die Todesstrafe galt (die heute noch in der Verfassung steht) und blieb Anstaltsleiterin bis 1975.

Die Kenntnisse der meisten Menschen über die Innenwelt eines Gefängnisses stammen aus Kriminalromanen oder Film und Fernsehen. Die Wirklichkeit erfährt erst der, hinter dem sich die Gefängnistore schließen: Wenn ein zuvor frei über sich selbst bestimmender Mensch aus seinen Lebensräumen herausgenommen wird und sich mit Gefühlen und Denken dieser Zwangswelt unterwerfen muß. Einsele postulierte dazu, so nachzulesen in jenen Memoiren: “Der Kampf um die Aufrechterhaltung der Würde der Gefangenen mußte kontinuierlich geführt werden”. Sie mußte sich dabei mit Aggressionen, mit Ängsten und Hoffnungslosigkeit, mit der vorgefundenen verharschten Bürokratie und mit sinnlosen Verboten auseinandersetzen. Sie setzte es durch, daß die Zellen in einen menschenwürdigen Zustand gesetzt, vor allem erst einmal mit modernen hygienischen Einrichtungen ausgestattet wurden. Sie führte Therapie- und Selbsthilfegruppen im Gefängnis ein, lange bevor diese Ansätze breite Anerkennung fanden. Zu ihren Reformen gehörte, daß Beamte die Gefangenen nicht duzen und daß die Frauen normale Kleidung tragen durften; jede bekam außerdem eine für sie zuständige Sozialarbeiterin. Durch eine niedrigere Rückfälligenquote erregte Einseles Ansatz überregional Aufmerksamkeit. Vorbildlich wirkte vor allem das von ihr institutionalisierte Mutter-Kind-Haus, mit dem sie vermied, daß Kleinkinder und eingesperrte Mütter auseinandergerissen wurden. Die Kinder sind unsere Zukunft, das Motto vergaß sie gerade auch gegenüber denen nicht, bei denen die Gesellschaft versagt hatte oder die sich der Gesellschaft versagten. Noch im Ruhestand engagierte sie sich im Vorstand des Mutter-Kind-Hauses, und sie bekam immer wieder Besuch von ehemaligen Gefangenen, hört man an der Frankfurter Goethe-Universität, wo sie als Dozentin für Kriminologie tätig war. Was Einsele lange forderte, regelte ab 1976 das Strafvollzugsgesetz in Paragraph 80, nach dem ein noch nicht schulpflichtiges Kind in der Anstalt bei der Mutter untergebracht werden kann.

Sie hat intensive Schulungskurse für das Gefängnispersonal eingerichtet, hat Theater, Konzerte und Fortbildungskurse in das Gefängnis hineingeholt. Wer sie in ihrem Dienstzimmer, dem sie den Charakter eines freundlichen Gesprächsraums gab, erlebte, wer sie bei ihren Gängen durch “das Haus” beobachten konnte, wer sah, wie viel Zeit sie sich für Zuhören und Gespräche gab, vermag zu ermessen, welches Engagement in dieser Frau versammelt war.

Dabei mußte sie zugleich heftigen, politisch-ideologisch fixierten Widerständen gegen diese Humanisierung des Strafvollzugs begegnen. Doch es wurde ihr auch Hilfe bei ihrer Arbeit zuteil. Vor allem der damalige Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der unermüdlich bis zu seinem Tod für eine demokratische Justiz und die Verfolgung von Naziverbrechen kämpfte, stand ihr zur Seite. (Als juristische Kampfgefährtin des Initiators des berühmten Frankfurter Auschwitzprozesses, überlieferte sie Bauers Ausspruch: “Wenn ich mein Büro verlasse, fühle ich mich wie im feindlichen Ausland.”) Unterstützung kam außerdem von einer kleinen Gruppe von Strafverteidigern, die eine radikal republikanische, sozialdemokratische oder sozialistische Vergangenheit hatten.

“Ich erlaube mir den Wunsch, Sie möchten in Ihren Bemühungen für eine weitere Zurückdrängung der Freiheitsstrafe unermüdlich fortfahren”, gratulierte ihr vor zehn Jahren der damalige grüne hessische Justizminister Rupert von Plottnitz, selbst vorher ein linker Rechtsanwalt, zum 85. Geburtstag. Denn von der Praktikerin des Strafvollzugs erfuhren Jurastudenten in Frankfurt am Main, daß Gefängnisinsassen nach etwa 15 Jahren nicht mehr wissen, wieso sie einsitzen (vom Bundesverfassungsgericht wurde dann “lebenslänglich” als prinzipiell 15-jährige Freiheitsstrafe begrenzt) Einsele dachte sogar öffentlich noch weiter: “Da Frauen in den wenigsten Fällen eine wirkliche Gefahr für die Allgemeinheit darstellen, wäre ein Verzicht auf den Vollzug der Freiheitsstrafe sozial verantwortbar.” Sie wußte um das eher autoaggressive Potential weiblicher Häftlinge, die häufig mit Passivität, Fügsamkeit und Ohnmachtsgefühlen reagierten, und notierte in ihr Tagebuch: “Ein keineswegs besonderer Tag: Zwei Frauen haben Gegenstände (Nadeln, Glassplitter, Besteckteile) verschluckt und mußten im Anstaltskrankenhaus behandelt werden.” (Dazu Einsele: Weibliche Kriminalität und Strafvollzug, in: Handwörterbuch der Kriminologie 1975; Frauenanstalten, in: Strafvollzug in der Praxis 1976.)

Jenseits ihres Fachgebiets und Berufs war Einsele engagiert in den politischen Auseinandersetzungen der Republik. In Frankfurt trat sie erst 1953 wieder in die SPD ein, dann aber keineswegs beschränkt auf eine formale Mitgliedschaft. In Frankfurt begann, mit der Rückkehr deutscher Hochschullehrer, vor allem aus der amerikanischen Emigration, für die intellektuellen Linken und den inzwischen gegründeten Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) eine kritische Auseinandersetzung mit der nach dem Krieg schnell sich erholenden, westdeutschen, kapitalistischen Gesellschaft. Unter den Rückkehrern waren Friedrich Pollock, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die Autoren der “Dialektik der Aufklärung”. Gegenläufig zur wachsenden Kritiklosigkeit der SPD, entfaltete sich die geisteswissenschaftliche und philosophische Kritikfähigkeit der intellektuellen Linken in Frankfurt und in anderen Universitätsstädten, wenngleich es dabei immense Unterschiede gab. Ein Schlüsselerlebnis in puncto Systemkritik der Frankfurter Schule war für den SDS-Mann der ersten Stunde, den marxistischen Einzelgänger Professor Heinz Brakemeier, wie er mir [G.Pl.] am Rande eines Adorno-Kongresses erzählte, ein Besuch der Häupter der Kritischen Theorie bei Einsele im Gefängnis: nach dem Rundgang wollte Horkheimer nur wissen, ob die Gefangenen denn auch beten.

Im SPD-Bezirk Hessen-Süd und im Unterbezirk Frankfurt bildete sich, vom SDS und vom Institut für Sozialforschung inspiriert, ein linker Flügel der Partei. Joachim Heydorn, Wolfgang Abendroth, Willi Birkelbach, Heinz Brakemeier und Einsele, gemeinsam mit den Jungsozialisten, mit linken Gewerkschaftsfunktionären und der Jugendorganisation “Die Falken” wurden dessen Repräsentanten. Diese SPD-Linke begann den Kurs der Gesamt-SPD immer schärfer zu kritisieren. Die heftigsten Debatten fanden Ende der 50-er und Anfang der 60-er Jahre über die Zustimmung der SPD zu Wiederbewaffnung, NATO-Beitritt, Notstandsgesetzen und zur Distanzierung der Partei von der Bewegung “Kampf dem Atomtod” statt.

Als im November 1959 in der Stadthalle von Bad Godesberg die SPD die Weichen für ihren weiteren Weg stellte, gab es 16 Stimmen gegen das dann so genannte “Godesberger Programm”, in dem erstmals von Sozialisierung und Arbeiterklasse nicht einmal mehr die Rede war — eine der Gegenstimmen kam von der Frankfurter Delegierten Einsele. Damals Mitglied im Frankfurter SPD-Vorstand, hatte sie sich im Geiste Wolfgang Abendroths, der ein sozialistisch orientiertes Alternativprogramm formuliert hatte, gegen die Preisgabe sozialistischer Traditionen und Perspektiven eingesetzt.

Anfang der sechziger Jahre wurde der SDS, aus dem die Â’68er Rebellion hervorging, als zu linkslastig aus der SPD verdrängt. Einsele gehörte zusammen mit anderen undogmatischen Linken wie den Hochschullehrern Abendroth, Ossip K. Flechtheim oder Heydorn zu den Gründern der Sozialistischen Fördergemeinschaften für den SDS, auf welche die SPD mit Unvereinbarkeitsbeschluß und Parteiausschluß reagierte:

“Frau Dr. Helga Einsele, Sie haben dem Frankfurter Parteivorstand mitgeteilt, daß Sie entgegen der Forderung des Bundesvorstandes, nicht bereit sind, aus der Förderergesellschaft des SDS auszutreten. Mit dieser Entscheidung verlieren Sie Ihre Mitgliedschaft in der SPD. Ein Einspruch gegen den Ausschluß ist nicht möglich. Ihr Parteibuch ist Eigentum der Partei und ist bis zum Freitag in der Frankfurter Parteizentrale abzugeben.
Willi Wiedemann, Parteisekretär”.

Diesen Brief erhielt Einsele im Herbst 1962, gemeinsam mit Abendroth, Helmut Gollwitzer, Flechtheim, Fritz Lamm, Walter Fabian, Brakemeier und vielen anderen Persönlichkeiten der demokratischen Linken der Bundesrepublik, die in der SPD nach 1945 eine politische Heimat und einen Ansatzpunkt für sozialistische Politik gesucht hatten.

Wie kam es zum — 1988 revidierten bzw. als gegenstandslos erklärten — Unvereinbarkeitsbeschluß der SPD gegenüber dem SDS? Dieser hatte im Herbst 1961 auf einer Frankfurter Bundeskonferenz gefordert, die SPD möge aus dem Kalten Krieg aussteigen und für Verhandlungen mit der DDR eintreten. Ziel sollte es dabei u. a. sein, die gegenseitige militärische Bedrohung abzubauen und Erleichterungen im Personen- und Wirtschaftsverkehr herbeizuführen. Zugleich wurde von der SPD die Anerkennung der Oder/Neiße-Grenze gefordert. Es war nicht zuletzt Herbert Wehner gewesen, der den SDS zu diesem politischen Vorstoß animiert hatte. Doch die Reaktion des Parteivorstandes auf den Testbeschluß erfolgte prompt: Die Mitgliedschaft im SDS sei nicht mehr vereinbar mit der Mitgliedschaft in der SPD. Und damit nicht genug: auch die Unterstützung des SDS durch den Fördererkreis, zu dem sich die Genannten zusammengefunden hatten, um die materielle Basis für den Fortbestand einer sozialistischen Studentenorganisation zu gewährleisten, fiel unter das SPD-Verdikt. So trennte sich die SPD damals mit einem Schlag vom Großteil ihres linksintellektuellen Potentials, quasi eine personelle Umsetzung der Godesberger Neuorientierung.

Anders als millionenfach nach dem Untergang der DDR mit ihren mitgliederstarken Parteien zu beobachten: Aufrichtiges Engagement erlischt nicht mit einer Parteimitgliedschaft! Einsele wirkte über ihren Beruf hinaus nach 1962 politisch weiter. So half sie französischen Deserteuren, die vor dem Einsatz in Algerien geflohen waren, unterstützte Ostermärsche und bemühte sich um die Demokratisierung des Rechtsystems. Als 91-jährige Regierungsdirektorin im Ruhestand danach befragt, ob ihre Parteinahme im Algerienkrieg, indem sie Deserteuren aus Frankreich und FLN-Algeriern Unterschlupf gewährte, für sie als Beamtin nicht riskant gewesen sei, antwortete sie: “Ja, das war nicht völlig ungefährlich. Aber wissen Sie, das war ja nach unserem Krieg, und wir waren doch damals recht verwandelt und hatten gewußt, man kommt durch dieses Land und durch diese Welt nur durch, wenn man an den Grenzen entlang geht, wenn man seine Haut rettet, aber dennoch gelegentlich, wenn es sein muß, etwas tut, was nicht ganz mit der Legalität übereinstimmt.”

Ihre Wohnung war Ort der Diskussion für linke Kräfte aus dem In- und Ausland. Eisele schätzte besonders das Berliner Ensemble Bertolt Brechts und Helene Weigels, das sie mit Gleichgesinnten in Berlin häufig besuchte. So waren bei einem Gastspiel in Frankfurt auch Ernst Busch, Gisela May, Wolfgang Heinz und Wolfgang Langhoff ihre Gäste.

Auf dem Ende Oktober 1966 vom SDS organisierten, von der Metall-Gewerkschaft finanzierten Kongreß “Notstand der Demokratie” in Frankfurt am Main diskutierten über 5000 Linke über — wie sie falsch befürchteten — drohende Ermächtigungs- und Diktaturgesetze. Unter der Leitung des Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich diskutierte mit den 500 Interessierten des Forums III Einsele über “Die Folgen der Notstandsgesetzgebung für den Alltag”.

Es gab durchaus Versuche, ihre Arbeit für Resozialisierung im Strafvollzug, zu diskreditieren. So versuchte das Bundeskriminalamt, die Haftbedingungen der in ihrer Anstalt inhaftierten Frauen der “Rote Armee Fraktion” — darunter u. a. Gudrun Ensslin — in eine Unterstützung terroristischer Kreise umzumünzen. Jedoch hielt Einsele auch dieser Belastungsprobe stand, wobei ihr Hilda Heinemann, die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten, half.

Auch 1975, nach ihrer Pensionierung, verließ Einsele keineswegs die politische Bühne. Neben ihrer mehrjährigen Tätigkeit als Honorarprofessorin an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Frankfurter Uni und Fachautorin, galt ihr weiterhin ungebrochenes Interesse einer weltweiten Friedenspolitik. Als “demokratische Sozialistin”, so ihr Anspruch, beteiligte sie sich an den Auseinandersetzungen über die neuen Mittelstreckenraketen (SS-20 im Osten, Pershing-2 im Westen) Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. In Mutlangen bei der Pershing-Depotblockade (zusammen u.a. mit Heinrich Böll, Helmut Gollwitzer und Walter Jens) wurde die Siebzigjährige von der Polizei abgeführt. Sie wurde verurteilt — zu einer Geldstrafe. In den von ihr einst geleiteten Knast mußte sie nicht einziehen.

In Hessen wurde sie gewürdigt: Als Beiratsmitglied der Humanistischen Union, der ältesten Bürgerrechtsorganisation im Nachkriegsdeutschland, war sie mit Fritz Bauer für die Reform des Strafvollzugs eingetreten ist (Ist Strafvollzug ohne Gewaltanwendung möglich?, in: Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligenhilfe 1966; Die sozialtherapeutische Anstalt, in: Die Strafvollzugsreform, Karlsruhe 1971) und wurde dann erste Fritz-Bauer-Preisträgerin 1969. Andere Ehrungen kamen hinzu: das Land Hessen ehrte sie mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille, sie war Tony-Sender-Preisträgerin der Stadt Frankfurt 1992 (Tony Sender war bis 1933 Frankfurter Reichstags-Abgeordnete der SPD und eine weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Frauen- und Sozialrechtlerin) und noch im März 2002 wurde sie an der Fachhochschule Potsdam als Vorkämpferin für einen humanisierten Strafvollzug in Deutschland geehrt.

Zu ihrem 80. Geburtstag hatte Helga Einsele sich für viele Lobreden, die mitunter wie Nachrufe zu Lebzeiten klangen, freundlich bedankt und dabei angemerkt: “Und nun will ich Ihnen noch etwas sehr persönliches verraten”. Pause. “Ich möchte”, sagte sie, “noch eine ganze Weile da sein. Denn ich bin neugierig, wie es weitergeht.” Verschont von schweren Krankheiten, bis zuletzt geistig rege und nicht nur mit Leserbriefen noch die Öffentlichkeit suchend, starb Helga Einsele in der Nacht zum Valentinstag 94-jährig in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main.

Zum Weiterlesen:

  • Bernd Maelicke / Renate Simmedinger: Um der Überzeugung willen. Schwimmen gegen den Strom. Eine Festschrift für Helga Einsele. Frankfurt am Main 1990 (ISBN 3884930877)

Unterschiedliche, stark gekürzte Versionen dieses Nachrufs sind erschienen in:

  • junge Welt, 24. Februar 2005, “Etwas, was besser ist” (von Heiner Halberstadt)
  • Neues Deutschland, 5./6. März 2005 “Frauen-Geschichte(n)” (von Günter Platzdasch)

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