Inégalité - Absurdité: Streit um Muslima-Verhüllung 2003

Wikipedia: bandanas
Schulverweise im KP-regierten Pariser Vorort: Kopftuchstreit in Aubervilliers erregt Frankreich — „Stasi-Kommission“ soll Klarheit bringen
Mein Bericht aus Jenas Partnerstadt vom 16.10.2003

Aubervilliers ist eine der letzten kommunistischen Bastionen des einst „Roten Gürtels“ um Paris. Seit Jahrzehnten stellt die FKP die Bürgermeister in dieser Stadt mit hohem Migrantenanteil, die manchen durch die Schauspielerin Virginie Ledoyen („8 Frauen“) oder den Krimiautor Didier Daenincks („Nazis in der Métro“) bekannt ist. Am 10. Oktober 2003 war der Nachbarort La Courneuve Ort eines Krimis, der von 18 Uhr bis Mitternacht dauerte. Solange hatte sich der Disziplinarausschuß der Henri-Wallon-Schule aus Aubervilliers dorthin zurückgezogen, um unter Ausschluß der (beantragten) Öffentlichkeit und hinter Polizeiabsperrungen den Schulausschluß von Alma (16) und Lila Lévy (18) zu beschließen. Grund war, wie hierzulande unlängst vor dem Bundesverfassungsgericht, ein Kopftuchstreit. Die beiden Schülerinnen bekennen sich neuerdings zum Islam und trugen seit Schulanfang im September Kopftücher.

Es ist nicht die erste landesweite Auseinandersetzung um Verschleierung. Aber die jetzt Ausgegrenzten passen nicht ins Klischee des religiös-fundamentalistischen Konflikts im Einwandererghetto: Ihr areligiöser Vater Laurent Lévy, ein kommunistischer Rechtsanwalt, der Mitte der 80-er Jahren aus der KPF austrat, engagiert in der Antirassismusbwegung MRAP (Mouvement contre le Racisme et pour l’Amitié entre les Peuples/Bewegung gegen den Rassismus und für die Freundschaft zwischen den Völkern), stammt aus einer jüdischen Familie, die katholisch getaufte, aber ebenfalls areligiös lebende Mutter Mina Omari, eine Ökonomieprofessorin in Reims, entstammt einer algerischen Berberfamilie — beide, inzwischen getrennte, Elternteile verfechten das Ideal einer weltlichen, nichtreligiösen Schule. Was ein Familienstreit in einem Pariser Vorort sein könnte, wurde in Frankreich, wo streng auf die Trennung von Kirche und Staat geachtet wird, zur nationalen Auseinandersetzung. Denn den von der Schule angebotene Kompromiß, wie einige andere Schülerinnen chic bandanas, (modische Ohren, Hals und Haaransatz freilassende Bänder) zu tragen, lehnten die Schwestern ab.

Loris Castellani, Geschichts- und Erdkundelehrer, verteidigt den Ausschluß mit der Emanzipation der Frau, für die weltliche Schulen in islamistischen Kreisen letzte Zuflucht seien. Dagegen beschwert sich der Vater der beiden um Mitternacht vor Fernsehkameras, seine Töchter seien „wie Hunde rausgeworfen“ worden. Die weinende Alma verkündete: „Ich will Rechtsanwalt werden!“ Ihr Vater erinnerte daran, daß es letztmalig einen Verweis von dieser Schule nach einem tödlichen Messerstich ins Herz gegeben habe — „für acht Tage“. Später auf einer Pressekonferenz ergänzt er: „Drei Viertel der Kinder an der Schule stammen aus Einwandererfamilien. Vielleicht die Hälfte von ihnen sind Moslems. Ihnen zu sagen, daß sie, nur weil sie die Religion ihrer Vorfahren ausüben, etwas ekelhaftes tun, ist ein sicherer Weg, um eine Explosion auszulösen.“

Die engagierten Schwestern, die bei den Wahlen gegen Rechtsextremisten und später gegen den Irakkrieg protestierten, wollen gegen die Schulausschluß beim Verwaltungsgericht klagen. Wie in Deutschland wird auch in Frankreich geprüft, ob Kopftuch-Trageregeln erforderlich sind: Im Juli 2003 beauftragte Staatspräsident Jacques Chirac u.a. damit die „Stasi-Kommission“ — ein von seinem Vertrauten Bernard Stasi geleitetes Beratergremium à la Hartz oder Rürup. Ein bißchen Geheimdienst-Flair auch beim Nachbarn: Die Tageszeitung Le Figaro meldete, nach Geheimdienstinformationen hätten die Schülerinnen in Reims den Islamisten Lahcen Amerzoug kontaktiert. Kein Grund, im „War against Terror“ das widerspenstige Paris zu bombardieren, erklärte doch Lila in einer Pressekonferenz am selben Tag, sie habe zwar zeitweise in Reims bei ihrer Mutter gewohnt — den Namen höre sie aber zum ersten Mal.