Als man in Westdeutschland noch über die DDR staunte: Fischer-Taschenbuch 1974

Junge Frau 1968

Manfred Gebhardt über Gretchens rote Schwester: Dr. Ing. im Werkzeugmaschinenbau

Im Jubiläumsjahr der Revolte 2018 weiß man, was 1968 in Berkeley, im Quartier Latin oder in West-Berlin passierte. Gewiß wird wieder an den „Aufstand der Frauen“ im SDS erinnert… Aber wie war die Lage einer Akademikerin anno 1968 in — Erfurt?
Ich danke Dr. Heidemarie Hecht für die freundliche Erlaubnis, einen Artikel ihres 2013 verstorbenen Manns Manfred Gebhardt aus der in der DDR heißbegehrten Monatszeitschrift „Das Magazin“ (Jg. 15, Heft 3, März 1968, S. 52/53) wieder zu veröffentlichen. — Die Bildunterschriften sind die der Erstveröffentlichung.
War der andere deutsche Staat — die DDR — mit der Frauenemanzipation weiter als die BRD? „Studentinnen sind in der Fächergruppe Ingenieurwissenschaften sowohl 1975 wie auch 1990 konstant unterrepräsentiert (1975: 7,1 Prozent; 1990: 12,3 Prozent)“, bilanzierte Barbara Hille für die alte BRD (in: Gisela Helwig / Hildegard Maria Nickel [Hrsg.]: Frauen in Deutschland 1945–1992, Berlin/Bonn 1993, S. 223). In selben Sammelband referierte Nickel für die DDR ganz andere Zahlen über Studentinnen der Technikstudiengänge: 1962: 5,0 Prozent; 1966: 8,0 Prozent; 1969: 14,0 Prozent; 1989: 25,3 Prozent (ebd., S. 243).

Meine Bekanntschaft mit Wilma Ettlich verdanke ich einem Zufall. Er erschien mir in Gestalt eines Reisenden im D 1162 von Berlin nach Erfurt. Die Fahrt war lang, und wir kamen ins Gespräch. Das heißt, er erzählte, und ich hörte zu. Er versuchte, mir den Unterschied zwischen Exzenterpressen, Kurbelpressen und doppeltwirkenden Ziehpressen zu erklären, die in seinem Betrieb, dem VEB ERFURT Pressen- und Scherenbau, hergestellt werden. Für mich, der bisher seine Heckenschere im Garten für die größte ihrer Art gehalten hatte, war es zweifellos eine Überraschung, daß Tafelscheren mit zehn Tonnen Eigengewicht, die vier Zentimeter dicke Stahlplatten wie Buntpapier schneiden, für ihn gar nichts Besonderes sind. Mein Erstaunen wuchs, als ich erfuhr, daß die Blechteile des Skoda MB 1000 in der ČSSR ebenso mit ERFURT-Maschinen gezogen und geformt werden wie die Rahmen und Türen des berühmten Alfa Romeo im Autowerk bei São Paulo in Brasilien. Meine Neugier aber wurde endgültig geweckt, als er von der Leiterin der Versuchsabteilung dieses 3500-Mann-Betriebes erzählte, einer jungen Frau, die mit 1000 Tonnen Preß- und Scherkraft operiert wie eine Verkäuferin mit Zuckertüten und die sich gerade auf ihre Dissertation als erster weiblicher Dr.-Ing. im Werkzeugmaschinenbau der DDR vorbereitet. Daß er sie mir außerdem als hübsch und charmant schilderte, machte mich nur noch gespannter. 
Er hatte nicht übertrieben. Davon konnte ich mich am nächsten Tag überzeugen.

Diplomingenieur Wilma Ettlich

Ich klingelte an ihrer Wohnung. Eine zierliche dunkelhaarige Frau mit einem jugendlichen frischen Gesicht, lebhaften braunen Augen und kurzgeschnittenen Haaren öffnete die Tür. Auf meine Frage, ob ich Frau Diplomingenieur Ettlich sprechen könnte, sagte sie lächelnd: „Das bin ich.“
Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Notizen. Aktendeckel, gefüllt mit langen Zahlenreihen, Formeln und handschriftlichen Thesen, die sich unter ihren Händen zu einer Doktordissertation über die technisch-ökonomische Beurteilung von Werkzeugmaschinen, dargestellt am Beispiel ihres Betriebes, zusammenfügen. Ihre Arbeit soll dazu beitragen, konkretere Kriterien zur Beurteilung der Weltmarktfähigkeit der Erzeugnisse zu schaffen und in möglichst meßbarer Form einen Vergleich mit Spitzenerzeugnissen des Weltmarktes zu gestatten. Imponierend präzis und sachlich spricht sie von ihrer Arbeit im größten Herstellerbetrieb von Umformmaschinen, der 90 Prozent seiner Produktion in 44 Länder exportiert. Doch je mehr sie von ihren Aufgaben und der Arbeit ihres Kollektivs bei der Erprobung neuer Maschinen und Baugruppen spricht, von der Ermittlung von Kennwerten von Pressen, von der Prüfung elastischer Formänderungen der Maschinen, von ihrer Arbeit in der Versuchsabteilung des Werkes, ihren Pflichten als Leiterin der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft „Weltniveau“ im Betrieb und von ihrer Tätigkeit im Arbeitskreis „Umform- und Zerteiltechnik“ beim Forschungsrat der DDR, desto mehr beginnt mich die Persönlichkeit dieser jungen Frau zu interessieren, ihr Weg. der sie auf diesen Platz führte, ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen in unserer Gesellschaft. 
Vor neunzehn Jahren, als die erste Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik beschlossen wurde. saß sie — gerade sechzehnjährig — in Bautzen noch auf der Schulbank. Ihre Klasse wurde damals in einen mathematisch-naturwissenschaftlichen und in einen sprachlichen Zweig aufgeteilt. Obwohl ihr Sprachen leichtfielen — sie spricht heute Russisch und Englisch –, entschied sie sich für den ersteren. Die Verfassung der DDR half dem Umsiedlerkind aus dem ehemaligen Breslau, 1951 sein Abitur in Bautzen mit der Note „sehr gut“ zu bestehen.

Frau Ettlich in ihrem Arbeitszimmer

Das Tor zur Universität stand ihr offen, doch sie wollte erst einen praktischen Beruf erlernen und fing als Schlosserlehrling im VEB Lokomotiv- und Waggonbau Bautzen an. Von den Arbeitern wurde sie als Kandidat in die SED aufgenommen und ein Jahr später auf die Technische Hochschule nach Dresden zum Studium des Maschinenbaues, Fachrichtung Werkzeugmaschinen, delegiert.
Unter vierzig Studenten waren sie damals nur zwei Mädchen. Nach fünf Jahren schloß sie ihr Studium als Diplomingenieur ab. Sie wurde eine der heute 160000 Frauen in der DDR mit Hoch-und Fachschulbildung.
Im letzten Studienjahr heiratete sie einen Kommilitonen aus ihrer Seminargruppe. Ein Jahr später kam ihr erstes Kind zur Welt. Sie zogen nach Erfurt, in die Stadt der Zypressen (auf der Gartenbauausstellung) und der Ziehpressen (im größten Maschinenbaubetrieb, wie man in Thüringen witzelt). Sie begann als Berechnungs-und Versuchsingenieur, ihr Mann als Konstrukteur. Heute ist er Leiter der Konstruktionsabteilung im gleichen Betrieb. Wilma Ettlich brauchte keine lange Anlaufzeit. Man übertrug ihr bald verantwortliche Aufgaben, an denen sie wuchs. Erfahrene Genossen der Partei und das Kollektiv des Werkes waren ihr Lehrer und Helfer. Als sie das erstemal durch den Betrieb ging, sagte ein junger Arbeiter: „Was, das soll ein Diplomingenieur sein, das ist doch was zum Heiraten!“ Sie nahm es als Scherz und bewies, daß sie beides war.
In den folgenden Jahren bereiste sie im Auftrag ihres Betriebes viele Länder Europas, und sie kam sich, wie sie sagt, dabei immer ein bißchen wie ein Botschafter vor. In der Vitrine ihres Zimmers steht ein Miniatur-Eiffelturm neben einem Soldaten der Königlichen Wache aus London, ein schottischer Dudelsackpfeifer neben einem Pilsner Bierglas. Ein ganzes Fach in ihrem Schrank füllen die Farbfotos, die sie oder ihr Mann von ihren Reisen mitbrachten. Als sie vor Jahren als erste Vertreterin ihres Betriebes nach England kam, wurde sie von einem Kunden stundenlang mit auffallender Hartnäckigkeit nach technischen Details ausgefragt. Zum Schluß sagte er: „Entschuldigen Sie bitte, aber ich wollte doch einmal sehen, was eine Frau Ingenieur wirklich weiß.“
Was Wilma Ettlich wirklich weiß und was sie kann, davon konnte sich inzwischen nicht nur der hartnäckige englische Kunde überzeugen. Daß sie außerdem bemüht ist, jung und schön zu bleiben, daß sie sich pflegt und geschmackvoll kleidet, im Sommer regelmäßig schwimmen geht und im Winter Ski läuft, daß sie leidenschaftlich gern Auto fährt und fotografiert, am liebsten in Farbe, das alles ist hier ein bißchen zu kurz gekommen, fast so kurz, wie die Zeit, die ihr die Arbeit für Liebhabereien läßt. Die wissenschaftliche Tätigkeit zwingt sie, ihren Tag rationell einzuteilen, den Ablauf der Hausarbeit nach technologischen Grundsätzen zu organisieren, um Zeit zu finden für ihre Familie und für gemeinsame Erlebnisse mit ihrer zehnjährigen Tochter Vera. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, daß ich sie so lange von ihrer Arbeit abhalten mußte. Aber schließlich trifft man nicht jeden Tag eine so charmante Frau, die noch dazu in ein paar Monaten der erste weibliche Dr.-Ing. im Werkzeugmaschinenbau unserer Republik sein wird.

Über den weiteren Werdegang diese Ingenieurin informiert Wikipedia: “1969 wurde sie zum Dr.-Ing. promoviert und zum Mitglied des Forschungsrates der DDR berufen. Von 1970 bis 1973 war sie ordentlicher Professor und Leiterin des Weiterbildungszentrums ‘Werkzeugmaschinen’ an der TH Karl-Marx-Stadt. Seit 1973 wirkte sie als ordentlicher Professor für Technologie und seit Januar 1978 als Direktorin des Instituts für Hochschulforschung an der Hochschule für Ökonomie Berlin-Karlshorst. Von 1971 bis 1981 war sie als Mitglied der Kulturbund-Fraktion Abgeordnete der Volkskammer der DDR und Mitglied des Ausschusses für Industrie, Bauwesen und Verkehr. Wilma Podewin trug bis 1973 den Namen Ettlich. Sie war verwitwet und hatte ein Kind. Nach schwerer Krankheit verstarb sie im Alter von 56 Jahren”.
In dem über tausendseitigen, mit Unterstützung der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 2001 von Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs und Dieter Hoffmann herausgegebenem biographischen Lexikon “Wer war wer in der DDR?” findet man zu ihr keinen Eintrag.