Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

November days: Peter Weiss und Donald Trump

Gestern wäre Peter Weiss hundert Jahre alt geworden. Heute wurde Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt.

Gestern gab es in den Feuilletons die obligatorischen Würdigungen zum Hundertsten eines Schriftstellers; außer der Dietmar Daths in der F.A.Z., meist Weiss entpolitisierende Pflichttermin-Schreibübungen. Ullrich Kastens Film »Der Unzugehörige. Peter Weiss« (2003), dessen Drehbuch Jens-Fietje Dwars — als Johannes-R.-Becher-Biographie ausgewiesener Kenner kommunistischer Intellektuellenbiographien — schrieb, 2004 mit einem Grimme-Preis bedacht, lief in keinem der zahlreichen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Immerhin brachten einige Radiosender hörenswerte Sendungen. Auf der Homepage des Bayerischen Rundfunks kann die 2007 zusammen mit dem Westdeutschen Rundfunk produzierte, 12-teilige Hörspielfassung »Die Ästhetik des Widerstands« heruntergeladen werden.

Heute werden im Hör- und Sehfunk von früh bis spät der Wahlsieg Trumps über Hillary Clinton und Möglichkeiten des Widerstands gegen die internationale Welle des Rechtspopulismus erörtert. Und schon heute ist Weiss wieder vergessen, ein “Unzugehöriger”, wie zu seinen Lebzeiten. Daß Weiss und Trump zusammengedacht werden könnten, wurde nirgends erwogen.

Der westdeutsche Literaturwissenschaftler Klaus Scherpe schrieb 1978, zum Erscheinen von Peter Weiss’ ›Ästhetik des Widerstands‹, in der DDR-Zeitschrift Weimarer Beiträge über die Rezeption dieses Werks: »Günter Platzdasch folgt dem Anspruch des Autors, indem er den Roman der kritischen Selbstverständigung der Linken zuführen will.«i

Der dreibändige Roman hatte damals in der west- und ostdeutschen Linken (für letztere bezeugt etwa von Ingo Schulze oder Heiner Müller) eine Virulenz, die heute kaum noch vorstellbar ist. Ich wurde nicht zuletzt wegen der Rezension dieses Peter-Weiss-Werks aus der Deutsche Kommunistischen Partei ausgeschlossen (F.A.Z. vom 32. März 1978: »Die DKP hat Schwierigkeiten mit eurokommunistischen Tendenzen«). Dem jetzt gemeinhin als ›unlesbar‹ bezeichneten Roman eignet Aktualität; etwa zur Migrationsdiskussion, wenn es im zweiten Band (S. 86 ff.) um das Ausländerrecht geht, »das den Begriff des politischen Asyls nicht definiert, sondern den einzelnen Behörden die Entscheidung überließ, ob ein Ankömmling aufgenommen oder ausgewiesen werden sollte« — der in Schweden lebende Peter Weiss schreibt da über das sozialdemokratisch regierte Schweden und dessen Politik zu Zeiten des Nationalsozialismus, »das Land von unerwünschter Einwandrung freizuhalten«. Es ist aktuell vor allem hinsichtlich des Erstarkens der Rechten und der Niederlagen der Linken. »Und dies ist genau der Aspekt, der diesem Roman eine so große Wirkung beschieden hat. In ihm wird man nämlich aufgefordert, selbst nach Niederlagen und dem Auseinanderlaufen der Kämpfenden an dem ›Trotzalledem‹ des Widerstands festzuhalten und nicht einem hilflosen Defätismus anheimzufallen. […] Dieser Roman ist daher fast so etwas wie ein Sammelpunkt aller Veteranen der Studentenbewegung, die Peter Weiss nachträglich doch als einen entscheidenden ›Befreiungsversuch‹ anerkannt hat […], und damit ein linker Heimatroman geworden.« So interpretierte 1983 ein anderer Literaturwissenschaftler, Jost Hermand, die immense Bedeutung der Triologie.ii

Nachfolgend meine Rezension, die im Februar 1977 eine ›eurokommunistische‹ Zeitschrift veröffentlichte:

Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands, Frankfurt/M. 1975, Suhrkamp Verlag, 360 S., br. DM 24,–

Die Meinungsmacher lassen ›Geschichte‹ zum Geschichten-Erzählen verkommen, darum kann was vorm Mai 1968 lag nicht mehr konkret nachvollzogen werden, zwar kennt man Staeck, aber kaum Heartfield und hängt Zingerl- statt Grosz-Plakate an die Wand. Angesichts dieser Selbstentwaffnung gilt die Forderung des Philosophen Sandkühler: »Praxis und Geschichtsbewußtsein.«iii Peter Weiss hat dazu nun den ersten Band eines Lehrbuchs geschrieben, das er im Untertitel »Roman« nennt, Andersch korrigierte: »Roman d’essai« und Koeppen spricht von einem »Roman besonderer Art, wachsend aus dem Essay«. Also: keine Liebesgeschichten, wohl Diskussionen über ›SexPol‹, keine Hautfalte wird beschrieben, nirgends eine Haarfarbe.

Um Faschismus geht es, aber nicht um die Unmenschlichkeit dieses Systems, die bekannt ist, diskutiert wird die adäquate Form des Widerstands. »Einem politisch bewußten Menschen brennt die Thematik doch auf der Haut. Deshalb glaube ich, daß Menschen, die politisch denken, sich für dieses Buch interessieren können: wie es dazu gekommen ist, so wie es heute aussieht.«iv

Also ists das Buches eines Linken für Linke, ein schwieriges überdies: für Dogmatiker, die bei einem Marxisten nicht eine surrealistische Passage vermuten.v Schwierig auch, wo erläuternd ein Absatz mit Namen eingefügt wirdvi, denn: »Alle Figuren im Buch sind authentisch.«vii

A propos — ›Figuren‹! Ein namenloses ›Ich‹ erzählt alles, geht es doch um Kollektiv-Beschreibungen. Ich, das heißt auch: »Es ist eine Wunschautobiographie«.viii

Man stolpert über inhaltliche und formale Schwierigkeiten: keine direkten oder indirekten Dialoge, sondern erlebte Rede; Unterdrückung unbetonter Vokale, Verkürzungenix — der Reichtum des Widerstands liegt in den Inhalten, nicht in den Formen. Woher kannte schon Mewis die erst 1968 der CSSR geborene Vokabel »Sozialismus mit menschlichen Antlitz«? Wie konnte Münzenberg etwas mit den modernen »Massenmedien« zu tun haben? Wir stolpern über solche beispielsweise idiomatischen Schwierigkeiten, tun uns aber nicht weh: die Vokabel »Massenmedien« macht die Aktualität der Rück-Besinnung deutlich, die seitenlangen Blöcke ohne Absatz gehören zur inhaltlichen Geschlossenheit.

Der »Roman« selbst ist nur in zwei Teile unterteilt, wobei der erste mehr Theorie beinhaltet, während im zweiten die Praxis (das Ich im spanischen Bürgerkrieg) dominiert; weiteres Unterteilen fällt schwer. Man wird ein Lexikon nicht rezensieren, indem man die einzelnen Artikel vorstellt. Und Weiss hat — nach 10 Jahren Arbeit für die Bühne — etwas geschrieben, das oft als Nachschlagewerk benutzt werden wird, beispielsweise, um sich die Ablösung der Philosophie vom (religiösen) Mythos erklären zu lassen mit Bezug auf die Vorsokratiker Thales und Anaximander: »Die beiden Vorgänger, …waren weniger Philosophen, als Bauleiter, Naturforscher, Mathematiker, Astronomen und Politiker gewesen. Sie gehörten zum Stande der Handelsherrn und Seefahrer, und ihre Untersuchungen gingen stets von konkreten Aufgaben aus… zu diesem Zweck mußten sie die Eigenschaften der Elemente kennenlernen und die Welt in einem Sinn erklären, der auf alle Aus-schweifungen in mystische Regionen verzichtete.« (37)

Wir schlagen in der Geschichte der Arbeiterbewegung fast vergessenes nach: Das Chaos der Novemberrevolution, »vom Balkon des Berliner Schlosses rief Liebknecht die Freie Sozialistische Republik aus, und Scheidemann proklamierte gleichzeitig auf der Reichstagsrampe die Deutsche Republik« (108); den Bremer Aufstand von 1919; die Barrikaden am Wedding 1929; dazwischen taucht Herbert Wehner als Befürworter der Aktionseinheit von KPD und SPD auf.

Beim Stichwort ›Alexander der Große‹ und seine Eroberungen denkt man sofort: Hitler! »Zur Ablenkung von den eigentlichen Zwecken der Aktionen ließen die Propagandisten Pergamons aufs neue das Geschrei los über wilde und minderwertige Rassen, über Barbaren, die eliminiert werden müßten« (47), wir assoziieren: ›Endlosung der Judenfrage‹.

Da wird von Herakles erzählt, der die neunköpfige Hydra und anderen Hokuspokus besiegte, und man meint, es ginge um Uri Geller und die Aufgabe des Intellektuellen, nämlich den »Schritt, den Herakles getan hatte, weg vom Privileg eines Bündnisses mit dem Olymp auf die Seite des Irdischen«. (18) Womit dieser »verdeutlicht, daß allen Zaubersprüchen begegnet, daß alles sagenhafte Getier überwunden werden konnte, und ein Sterblicher sei es, der solches vermochte.« (25) Außerdem: »mit seinen Reaktionen hatte er uns gezeigt, daß die Gewalt notwendig war, um das feindliche Getümmel zu besiegen.« (314)

Schauplatz des zweiten Teils ist Spanien. »Und Spanien war ja das Vietnam für die Generation, zu der ich damals gehörte.«x Bedeutete der Vietnam-Krieg für Linke einen Prozeß der Politisierung, Differenzierung und Selbstverständigung, so begnügt Weiss sich nicht damit, ein heroisches Bild kämpfender Inter-Brigaden zu zeichnen. — Er nennt die Verdienste der anarchistisch orientierten Linken im Bürgerkrieg, klärt auf über deren Einflußxi und soziale Basis in einem Land, wo es außer »den Kohlengruben in Asturien und den baskischen Stahlwerken und Werften« kaum größere Industrien gab (232), was sogar zu anarchoiden Zügen in der Kommunistischen Partei führte: »Zu den Zusammenkünften der sechzig Kommunisten in Madrid, berichtete Gomez, kam ein Genosse jedesmal mit einer großen handgefertigten Bombe, die er unter seinen Stuhl legte… Die Mitglieder des Zentralkomitees fuhren in ein paar gemieteten Kutschen zur Plaza Major in Madrid, um dort, zusammen mit den angetretenen fünfzig Genossen, zu Streikaktionen, zum bewaffneten Kampf, zur Vorbereitung der Rätemacht aufzurufen.« (232) Einst schickte Marx zu den Anarchisten Lafargue nach Madrid und dieser irrte im Lande umher, denn »dies lag im Wesen der Untergrundbewegung, daß sich niemand als zuständig erwies, daß keine Leitung ausfindig zu machen war« (231), jetzt im Bürgerkrieg waren die Anarchisten für »Autorität und Disziplin« und die »Wiedereinführung von Rangstufen«, denn die Spontanität hatte »zu schnellen Niederlagen geführt«. (204) Und es heißt von Boaventura Durruti, »vor seinem Tode noch habe er die Forderung auf eine einheitliche Militärverwaltung gestellt und die sowjetischen Waffenlieferungen begrüßt, auch wenn er, seinem ganzen Wesen nach, Anarchist blieb.« (242) — Das ist das Problem des adäquaten Widerstands, dessen Lösung gar dazu führte, daß »in Barcelona über hundert Anarchisten in der Stadt verhaftet worden waren« und es militärische »Aktionen gegen die Anarchosyndikalisten in Aragon« gab! (198)

Probleme nicht nur zwischen den Fraktionen der Revolutionäre: da beklauen sich Genossen in der Küche und somit fehlt »Geflügel als Diätkost für Schwerkranke« (216); da ist »Soldat Hornung, bleich, blutig um den Mund«, zusammengeschlagen von — Genossen; da floriert Prostitution und »Soldaten, die für die Befreiung der Ausgebeuteten kämpften, strichen gebückt, wie auf schwappendem Boden, durch das Halbdunkel der Gassen, sahen sich verstohlen um, ehe sie sich hineinziehen ließen in das System, das sie teilhaben ließ an der Plünderung des Menschen durch den Menschen« (211); es kommt sogar vor, daß »sie über die Genossin her[fielen], die die gleiche Uniform trug wie sie« (276); ausführlich diskutiert der Arzt Hodann die Sexualprobleme von Soldaten im Volkskrieg, er empfiehlt Onanie »bei unsrer Ablehnung der Prostitution als natürliches prophylaktisches Mittel« und meint, »daß diese Fragen, die für viele mit puritanischen Rückhalt oder mit dem Gefühl von Unsicherheit verbunden seien, mit jener wissenschaftlichen Klarheit zu behandeln wären, die zu unserer politischen Überzeugung gehöre« (261); da ist anachronistisches Preußentum: »Skandinavier, nach verlustreichen Gefechten zurückgekommen,seien von deutschen Befehlshabern gestellt und auf korrekte Jackenknöpfung untersucht worden, und einige, die sich über die Verweise ungebürsteter Stiefel wegen empörten, hatten eine mehrtägige Arreststrafe erhalten.« (262)

»Die Ästhetik des Widerstands soll andeuten, daß es darum geht, sich kulturelle Werte zu erobern und gleichzeitig gegen den Faschismus zu kämpfen.«xii Wir finden im Buchtitel Angekündigtes: von mehr als 20 Seiten über den Pergamonaltar bis zur Interpretation von Picassos Bild über den spanischen Bürgerkrieg ›Guernica‹.

Wohlgemerkt: ›Ästhetik‹ ist nicht Synonym für »das Schöne«xiii (Altar und Bild stellen Gräßliches dar) und linke Kunst nicht bloß die strahlende LPG-Bäuerin in der Abendsonne! »Das Heroische, das Pathetische in der sowjetischen Kunst war der Epik des Geleisteten genau angemessen« (255), hatte konkrete historische Parallelen, wie etwa in Magnitogorsk, wo »der Zug von Pferdekarren mit den in Amerika erstandenen Ausrüstungsteilen für das neue metallurgische Kombinat heranfuhr«, wo ehemalige »Kahnschlepper und nomadisierende Viehhirten… zwei Jahre am Fuß des Bergs in Zelten lagerten« und wo dann schließlich doch eine Industrie entstand, »die einmal Bagger, Traktoren und Turbinen erzeugen sollte.« (254) Einzelprobleme werden diskutiert: da polemisierte Ehrenburg gegen die Polit-Schreibe und sagte, es seien »unbehelligt von Aktualitäten, poetische Visionen möglich, die mehr über ihre Zeit auszusagen vermochten als die informativsten Reporte.« (264) Oder: warum wird im Volk mündlich überliefertes (Lieder, Fabeln und Märchen) aber kaum Visuelles rezipiert? (352) Anhand reichlichen Bildmaterials wird die Genese des sozialen/sozialistischen Realismus analysiert, gleichzeitig wird die positive Darstellung der ins Bild drängenden Arbeiterklasse problematisiert: werden nicht »die widerspruchsvollen Prozesse, in denen Neues entsteht« verdeckt? (65) Oft gibt ›moderne Kunst‹ »tieferen Aufschluß über die Mechanismen, zwischen denen wir leben, als die statische Anordnung es vermochte.« (336)

Ist drum nicht der Surrealismus progressiv, weil er »auf die Zusammenhänge aufmerksam machte, zwischen sozialen Verhältnissen und Motiven der Krankheiten, den Traumimpulsen«? »Auch der Dadaismus… er hatte in die feinen Stuben gespien, er hatte die Gipsbüsten von ihren Sockeln gestürzt und die Girlanden der kleinbürgerlichen Selbstverherrlichung zerrissen«. (57) — Weiss vergleicht das Buch des Arbeiterautoren Neukrantz »Barrikaden am Wedding« mit Kafkas »Das Schloß«, findet in Letzterem beim Landvermesser »Arbeitersein«, entkräftet den Dekadenz-Vorwurf, also Kafka habe »unsre Beherrscher in ein mystisches, fast religiöses Dunkel« gehüllt »und nicht die Vorbereitungen zu dessen Sturz« gezeigt, all das seien bedeutungslose Einwände, »denn das Prinzip, das er beschrieb, war einsichtig genug und rief gerade durch die Konsequenz der Darstellungsweise eine noch stärkere innre Beteiligung hervor«, Weiss resümiert: »Was Kafka geschrieben hatte, war ein Proletarierroman.« (175 ff.) »Wir bestanden darauf, daß Joyce und Kafka, Schönberg und Strawinski, Klee und Picasso der gleichen Reihe angehörten, in der sich auch Dante befand, mit dessen Inferno wir uns seit einiger Zeit beschäftigten.« (79) Die Linke muß sich ›ihre‹ Werke erst noch heimholen, ein Museum für moderne Kunst in Moskau ist längst überfällig, derweil hängt Picassos ›Guernica‹ noch in New York!

Ist es nicht absurd, wenn unterm Dröhnen von Manövergeschwader und inmitten von Armut und Kampf Arbeiter die Antike erobern? »Warum, sagte ich mir, müssen wir uns immer wieder dazu treiben lassen, daß wir uns auch noch das absprechen, was uns nichts andres kostet als unser Grübeln, nur um zu bestätigen, daß wir ein für alle Mal enteignet sind.« (88 f.)

Voilà — da haben wir »Die Ästhetik des Widerstands«, wobei hier der genitivus objektivus ebenso am Platz ist, wie der genitivus subjektivus; oder mit Lenin: Ziel ist, »sich jene Summe von Kenntnissen anzueignen, deren Ergebnis der Kommunismus selbst ist«.xiv Weiss läßt sie Akteure begreifen, daß »jedes gelesene Buch einen Sieg bedeutet… Sie wenden sich damit gegen einseitige Agitpropparolen, deren taktische Notwendigkeit sie zwar begreifen, doch wer die komplexe Realität nicht kennt, der kann kein Sozialist sein im Sinne von Überwindung auch der Ideologien, im Sinne des Neuaufbaus von Kultur.«xv

Ein letztes Stichwort, welches nachgeschlagen werden soll: »Le drame du phénomene Stalinien«.xvi — Das ist das Problem, wie sozialistische Kultur reingehalten werden soll »von der Verrohung im kapitalistischen Kulturgeschäft« usw. (79) und schon kommt das Problem der ›Verrohung‹ sozialistischer Kultur auf. Beim Lesen dieser Partien fällt Weiss’ Brief in die DDR aus den 60er Jahren an Wilhelm Girnus ein, in dem er für Wolf Biermann eintrat, oder sein zweiter Brief in dieser Angelegenheit aus diesen Tagen.xvii Da geht es um den Kultur-Dogmatismus, wo »viele Künstler, die uns mit revolutionären Erfahrungen bekannt gemacht hatten, plötzlich Abschaum genannt [wurden], dekadent, bürgerlich verseucht, Bücher wurden eingestampft, Filme zerstört, Theater geschlossen, manche, wie Babel, Mandelstam, Meyerhold wurden verhaftet, waren vielleicht schon erschossen, liquidiert.« (70) — Ja, der Glaube saß so tief, daß dies »Autoren wie Feuchtwanger, Heinrich Mann, Lukács, Rolland und Barbusse, Aragon, Brecht und Shaw« nicht zweifeln ließ! (71) Man wird beklommen bei Münzenbergs »Fall« (im doppelten Sinn!): KPD-Mitgründer, neben Lenin im Schweizer Exil, Aufbau der Internationalen Arbeiterhilfe, Leiter der Sozialistischen Jugendinternationale, ›der rote Hugenberg‹, »schloß sich der linksbürgerlichen liberalen Deutschen Freiheitspartei an«, von der KP verstoßen. Übrigens: »die meisten derer, die aus dem Spartakusbund die Kommunistische Partei gegründet hatten, waren ausgestoßen worden… nur Zetkin war weggestorben… Flieg, Eberlein hatten die eigenen eben in Moskau gerichtet«. (116) Bestürzung stellt sich ein beim Prozeß gegen Bucharin, von Lenin der Liebling der Partei genannt: »In den direkten, nackten Faschismus sind Sie gesunken, sagte der Ankläger Wyschinski zu ihm.« (291) Nicht nur vom spanischen Bürgerkrieg darf gesprochen werden, »so müssen wir auch sprechen von dem andern Krieg, der gleichzeitig in den eigenen Reihen gegen die Vertreter abweichender Meinungen ausgekämpft wird, von einem Krieg, dessen Waffen ich nie billigen kann.« (313)

All das schreibt Weiss uns Linken ins Stammbuch, damit aus den eignen Fehlern gelernt wirdxviii: »Wehren müssen wir uns dagegen, fertige Ansichten zu übernehmen und weiterzugeben, die dümmste Reaktion ist besser als ein pflicht- bewußtes Nachbeten respekteinflößender Litaneien oder unser Schweigen zu Taten, die wir nicht hinnehmen können.« (123)

Denn »die Vorstellung des freien, selbstbewußt eingreifenden Proletariats« ging verloren, dort »wo die Partei nicht für die Entwicklung der Urteilsfähigkeit des einzelnen wirkte, sondern zu einer Kirche wurde, in der das Ich aufzugehen hatte.« (125 f.) Jeder, postuliert er, »gehöre zu den Kräften, die an der Zukunft arbeiten.« Und so zeichnet sich ein Marxist nicht dadurch aus, daß er Unstrittiges in falsch verstandener Loyalität wiederkäut, vielmehr: sich »an das heranmachen, was noch unbestimmt, ungenau ist« (223 f.), das Negative interessiert, um so zur ›Negation der Negation‹ zu gelangen!

Günter Platzdasch

Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus
1–77/Heft 10/Februar 1977, S. 192–196 (VSA)

FUSSNOTEN:

i Peter Weiss’ »Ästhetik des Widerstands« — Antworten eines lesenden Arbeiters? In: Weimarer Beiträge H. 1, 1978, S. 155 ff. Weitere Veröffentlichungen in: Kontext 2. Geschichte und Subjektivität, hg. v. Marlies Gerhardt und Gert Mattenklott. München 1978, S. 164 ff. sowie Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag. In memoriam Werner Krauss, hg. im Auftrag des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften der DDR von Vizepräsident Prof. Dr. Heinrich Scheel, Akademie-Verlag, Berlin/O. 1978, S. 261 ff.

ii Obwohl. Dennoch. Trotzalledem. Die im Konzept der freien Assoziation der Gleichgesinnten aufgehobene Antinomie von ästhetischem Modernismus und sozialistischer Parteilichkeit in der »Ästhetik des Widerstands« und den sie begleitenden »Notizbüchern«, in: Alexander Stephan (Hg.), Die Ästhetik des Widerstands, Frankfurt am Main 1983, S. 99.

iii (Hervorhebung d. Verf.) So der Titel seines in der edition suhrkamp erschienen Buches. Lenin mahnt, geschichtsbewußt zu wirken, das »ist etwas ganz anderes als die Wiederholung irgendeiner Losung, losgelöst von der Gesamtheit der Bedingungen, unter denen sie entstanden war und Erfolg hatte, als die Anwendung dieser Losung auf wesentlich andere Verhältnisse.« (LW 13, 27) Geschichtsbewußtsein »befähigt zur richtigen Beurteilung der gesellschaftlichen Entwicklung und zu entsprechendem Handeln. Es vermittelt die unerschütterliche Oberzeugung von der Richtigkeit unseres Weges, von der Lenin einmal sagte, daß die ›hundertfach die revolutionäre Energie und den revolutionären Enthusiasmus‹ verstärkt.« (Helmut Meier, Sozialistisches Geschichtsbewußtsein in unserer Zeit, Einheit 6/1973, 706)

iv Interview mit P. Weiss, Die Zeit vom 10. 10. 1975

v S. 92 ff. ›trifft‹ das Ich den verstorbenen Vater.

vi Ganze 10 Zeilen auf S. 159; sechs auf S. 224 usw.

vii Interview mit P. Weiss, Die Zeit vom 10. 10. 1975

viii Interview mit P. Weiss, Die Zeit vom 10. 10. 1975

ix S. 194: aus ›etwas‹ wird ›was‹.

x Interview mit P. Weiss, Die Zeit vom 10. 10. 1975

xi Im Juli 1936 hatte die PCE 30 000 Mitglieder, über 1 Million waren im anarchosyndikalistischen Verband.

xii Interview mit P. Weiss, Die Zeit vom 10. 10. 1975

xiii Nach Liddell/Scott, Greek-English Lexicon, hat das Adjektiv ›aisthetikos‹ wie auch das Nomen ›aisthetes‹ erkenntnistheoretische Qualität: »of or for sense perception« bzw. »one who perceives«, beschreibt also eine bestimmte (sinnliche) Art der Umwelt-Aneignung.

xiv LW Bd. 31, 275

xv Frank Benseler in Deutsche Volkszeitung Nr. 46/11.11.1976, S. 11

xvi So der Titel eines Aufsatzes in der Humanité-Dimanche (№242/1975, p. 37) von Jean Elleinstein, der auch eine »Histoire du phénomène Stalinien« (gerade in deutscher Ubersetzung erschienen: Geschichte des »Stalinismus«, VSA, Hamburg/Westberlin 1977) geschrieben hat. Da es relevante deutschsprachige Literatur außer der mittlerweile vergriffenen Vorstudie von W. Hofmann nicht gibt, beackert Weiss auch hier Neuland.

xvii Abgedruckt in FAZ vom 19. 11. 1976, S. 25. Immerhin hat sich mittlerweile die Situation geändert: nicht nur ›von außen‹, sondern auch aus SED und DKP erfolgen offen Stellungnahmen pro und contra Biermann: Vgl. beispielsweise die vom Rezensenten mitunterzeichnete »Erklärung von 29 Mitgliedern aus Marburger Grundeinheiten der DKP« (Berliner Extra-Dienst Nr. 92/X vom 23. 11. 1976, 2 ff.)!

xviii Insofern ist die bisherige Rezeption dieses Weiss-Buches insbesondere durch deutsche Kommunisten von Relevanz. Einige facts geben da nun Anlaß zu neuer Kritik:

Die vorliegende Besprechung wurde ursprünglich als Auftragsarbeit für mein Verbandsorgan Rote Blätter des MSB SPARTAKUS (Nr.2/1976) geschrieben, jedoch erschien dann mit Verzug in der Juli/August-Nummer eine weniger pointierte Rezension vom Genossen Oskar Neumann.

Mein Parteiorgan, die DKP-Zeitung ›UZ‹,nimmt erst nach fast einem Jahr das Buch zur Kenntnis (16. 9. 1976, S. 7) und verschweigt dabei Weiss’ Ausführungen etwa zur Stalinschen Abweichung. Es wird gar befürchtet, durch die differenzierende »Darstellungsform« etc. entstünde »die Schwierigkeit, insbesondere für den jungen Leser, sich zurechtzufinden und seine eigenen Folgerungen zu ziehen.«

Manfred Haiduk schreibt über eine halbe Seite »Peter Weiss zu seinem heutigen 60. Geburtstag« eine Würdigung im Neuen Deutschland (8. 11. 1976, S 4), in der »Die Ästhetik des Widerstands« überhaupt nicht erwähnt wird!