Dieter Henrich läd sich ins Marburger Collegium gentium ein

Re-education: Dieter Henrich im Collegium academicum und Collegium gentium

Ein Briefwechsel der 50er Jahre zwischen Heidelberg und Marburg

„Ein reiches, sich mitteilendes Weltverhältnis“ schätze er als Eigenschaft bei einem Mann am meisten, ließ der Philosoph Dieter Henrich, der Anfang Januar 90 Jahre alt geworden ist, uns im Fragebogen des F.A.Z.-Magazins Nummer 616 vom 20. Dezember 1991 wissen. Zu seinem 60. Geburtstag fragte Mathias Schreiber in der F.A.Z. vom 5. Januar 1987, ob „Henrich somit ein optimistischer, am freundlichen Dialog interessierter, traditionsbewußter Rationalist“ sei, und beantwortete die selbstgestellte Frage mit: „Nein.“ Dieser Tage, im Artikel zum 90. Geburtstag am 5. Januar 2017, verwies F.A.Z.-Herausgeber Jürgen Kaube auf „den Sinn des argumentierenden Nachdenkens“ bei Henrich.

Wir veröffentlichen hier erstmals ein Dokument aus Henrichs früheren Jahren, das seine Wertschätzung des Dialogs, des „mitteilenden Weltverhältnisses” und des „argumentierenden Nachdenkens“ belegt.

Erinnert sei auch an Henrichs 1990 erschienenen Aufsätze über Eine Republik Deutschland zu Chancen der deutschen Wiedervereinigung. Darin konstatierte er bei der Reorganisation der Geisteswissenschaften im DDR-Gebiet eine „bleierne Stummheit in Verständigungsfragen, mit der sich das westliche System nach Osten verschiebt“. Das war fast anderthalb Jahrzehnte bevor sein großes, zweibändiges Werk Grundlegung des Ich (Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus / Tübingen — Jena 1790–1794) erschien, in dem er plausibel darlegte, warum sich die philosophische Entwicklung von der Französischen Revolution bis zur Schlacht von Jena und Auerstedt zwischen Jena und Tübingen abspielte; eine Darstellung des philosophischen Lebens seinerzeit, die zusammen mit dem Buch des US-amerikanischen Forschers Theodore Ziolkowski über Das Wunderjahr in Jena — Geist und Gesellschaft 1794/95 an die kurze Zeit erinnert, in der Jena Hauptstadt von Dichtung und Philosophie war. Die Jenaer Universität dankte Henrich, dem „Begründer der Konstellationsforschung“ (Gustav Falke), 2005 durch Promotion zum Doktor honoris causa.

“Der Anfang in Jena — Aufschluss und Aufnahme”

Hintergrund der hier veröffentlichten Henrich-Briefe ist, daß dieser in Marburg an der Lahn geboren wurde und daß im amerikanisch besetzten Nachkriegsdeutschland sowohl in Heidelberg als auch in Marburg ein Collegium zwecks reeducation eingerichtet worden war. In einem Hochschulführer Mitte der sechziger Jahre, in dem Peter Wapnewski die Rupprecht-Karl-Universität Heidelberg vorstellte, erwähnte Wolfgang Abendroth in seiner Präsentation der Philipps-Universität Marburg die „antiquierte Behausung des Collegium gentium“, die Brutstätte des von ihm protegierten Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (Petra Kipphoff, Thomas von Randow, Dieter E. Zimmer [Hrsg.]: Hochschulführer, Hamburg 1964). In Heidelberg wie Marburg war das Collegium in einer ehemaligen Kaserne untergebracht. In der Heidelberger Einrichtung namens Collegium Academicum begann nach „Ostkontakten“, insbesondere nach Leipzig, von wo sogar eine Theatergruppe ins CA kam, auf „Initiative des damaligen Leiters, des Philosophen Dieter Henrich … eine zunächst zaghafte Marx-Rezeption; Arbeitsgemeinschaften diskutieren das ‚Kapital‘, Ernst Bloch spricht zweimal im Haus, im Sommer 1959 ist Marx eine Kolloquienreihe gewidmet“ (Bertram Eisenhauer: Wenn der Boden dröhnt / Von der „re-education“ zur Studentenbewegung: Wie es dem ersten College der Bundesrepublik erging, F.A.Z. vom 4. Juli 1998). Henrich selbst verwies in einem Gespräch auf den militärischen Hintergrund seiner Anfänge in Heidelberg und Marburg. Er habe Hans-Georg Gadamer „zu Anfang meines Studiums in Marburg … zufällig auf einem Ferienkurs der Militärregierung“ kennengelernt; Henrich hob hervor, dass Heidelberg „das europäische Hauptquartier der amerikanischen Armee war“, und berichtete: „ich erinnere mich noch an einen Vortrag, den ich als Privatdozent dort über Rechtsphilosophie in Deutschland nach 1945 nur vor amerikanischen Offizieren hielt — mein erster Vortrag auf Englisch.“ (Wie leicht die Universität sein konnte, als sie einmal jung war / Heidelberg als geistige Lebensform: ein Gespräch mit dem Philosophen Dieter Henrich, F.A.Z. vom 15. Oktober 2014.)

Zu schweigsam, die Damen und Ausländer

Collegium gentium hieß in Marburg die dem Heidelberger CA entsprechende Einrichtung. In dieser Versammlung der Völker (zu meiner Zeit als CG-Bewohner, in der ich u.a. die Henrich-Briefe vor der Müllentsorgung rettete, gab es eine Ausländerquote), dort sollte Demokratie eingeübt werden, indem das Heim sich selbst verwaltete, es wurden Tutoren gewählt, über die Aufnahme neuer Mitbewohner entschied die Heimversammlung, Verbindungsstudenten waren unerwünscht, es gab eine Bibliothek, in der Tageszeitungen und Zeitschriften auslagen und periodisch Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen stattfanden. Henrich imponierte, dass „die Gemeinsamkeit der Entwicklung und des Stils unserer Kollegienhäuser so auffällig und doch keineswegs gelenkt ist“, aber es bekümmerte ihn, „dass offenbar weder die Damen noch die Ausländer des Hauses zur Mitarbeit zu bewegen waren“.