Der Hochzeitsrasenmäher und das Nadelöhr

Ich bin ganz frisch verheiratet! An das Wort Ehemann und Ehefrau muss ich mich erst noch gewöhnen. Das klingt doch so erwachsen. Ja irgendwie fühl ich mich auch erwachsener. Und irgendwie aber auch nicht. Was bedeutet das überhaupt?

Ich habe die Liebe zu meinem Freund oder Verlobten allen bewiesen in einer Zeremonie vor Freunden und Familie. Ich habe eine Party bezahlt für alle und wir haben gefeiert, geweint und gelacht. Ich hatte ein wunderschönes Kleid an und jetzt einen Ring am Finger. Und dieses ganze Hick Hack dafür, dass wir jetzt legal verheiratet sind. Sind wir jetzt wichtiger? Ist unsere Verbindung jetzt wichtiger?

Cheers!

Viele Frauen sagen danach es war der schönste Tag in meinem Leben. Mmh das weiß ich nicht ob er das war, aber es ist sicherlich in den Top 3.

Nein all die Skepsis bei Seite, es war ein mega Tag und ich bin seitdem aufgefüllt bis oben hin. Voll mit Gefühlen und Wärme und Glück. Und es fühlt sich so super an.

Aber so eine Hochzeit bringt auch andere Sachen mit sich. Menschlichkeiten. Dinge zwischen Freunden und Familie die wahrscheinlich vorher da waren, aber die ich wohl ignoriert habe. Oder ich hab einfach nicht so genau hingeschaut.

Es ist als wäre so eine Hochzeit ein Rasenmäher. Ich habe viele Jahre einige Beziehungen einfach so wachsen lassen, frei und naturbelassen. Jetzt komm ich an mit meinem großen Rasentraktor und fahr einfach mal über mein wucherndes Gras. Und da schau her, da fliegen mir doch glatt ein paar Steine in die rotierenden Messer und lassen den Motor absaufen. Ich finde ausserdem Maulwurfshügel, Moos und Hundekacke. Wenn ich die letzten Jahre auf mein schönes wild wachsendes Gras geschaut habe, da war von alledem nichts zusehen. Doch das Wort Hochzeit hat plötzlich etwas ausgelöst, dass mir nicht klar war, dass es auf mich zukommen würde.

Ich weiß nicht was es ist. Aber eine Hochzeit bringt Erwartungen und Ungleichgewicht. Eine toxische Kombination habe ich festgestellt. Erwartungen wachsen auf beiden Seiten plötzlich ins extreme. Was erwartet die Braut von Freunden und Familie und umgekehrt.

Wenn ich reflektiere, jetzt nach meiner Hochzeit, dann war die Planungsphase nicht wirklich schön. Es hat mir viel Gefühlschaos gebracht in Bezug auf Freunde und Familie. Und ich bin leider mit Menschen zusammengeprallt. Das habe ich nicht erwartet — es hat mich knallhart getroffen. Es waren viele unschöne Momente, die mich verletzt haben und mich bis jetzt nicht so richtig loslassen. Ich habe versucht meine eigenen Gefühle klar zu machen, zu sagen was ich mir wünschen würde, aber es war schwierig. Und leider befürchte ich dass meine Hochzeit Dinge verändert hat. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis. Und wenn ich genau hineinschaue in meine Gefühlswelt, dann ist da Enttäuschen und Traurigkeit.

Der Nährboden dafür war vorher schon da nur habe ich mit aller Kraft mich abgelenkt bzw. habe einige Dinge nicht wahr haben wollen vielleicht. Freundschaften die sich einfach verändert haben. Daher kamen Verhalten und Aussagen die mich sehr verletzt haben.

Was bleibt ist die Frage: was mach ich jetzt damit? Hol ich meinen Spaten und Harke raus und geh nochmal über mein Gras und schau mir an, was da alles so keucht und fleucht? Befreie ich mein Stückchen Gras von dem Zeug dass da so rumliegt am Boden? Ja das könnte ich, das würde mich viel Energie kosten und wieder Schmerz wahrscheinlich.

Oder ich kann mich einfach in einen Liegestuhl legen und dem Gras zuschauen wie es wieder lustig vor sich hin wächst. Ich muss ja nicht drin rumlaufen ich kann einfach nur das Gras anschauen. Leider klingt dass momentan nach der einfacheren Variante. Ob es die bessere ist bezweifle ich. Doch es könnte sein, dass ich eben mein Gras so mag und es toll finde wenn es wild wächst, andere jedoch haben einen ganz anderen Garten. Und jeder darf den Garten haben den er sich wünscht.

Aus irgendeinem Grund bringt eine Hochzeit das Beste und schlechteste aus Menschen heraus. Warum dass so ist weiss ich nicht und versteh ich auch nicht. Ich habe natürlich einige Theorien, aber das sind Hirngespinste die keinen realen Beweis liefern.

Eine Aussage hat mich bei dem ganzen Chaos überleben lassen, eine Aussage eines lieben Freundes: Eine Hochzeit ist wie ein Nadelöhr; alle müssen durch dieses Nadelöhr doch nicht jeder kommt da so einfach durch.

Und genauso habe ich es wahr genommen. Manche hatte ich das Gefühl bleiben in dem Nadelöhr stecken und andere versuchen es sogar gar nicht erst durchzukommen.

Das Problem ist vielleicht dass man als Braut alles persönlich nimmt. Aber ich kann nur sagen als Braut, es ist mein Tag und meine Feier also ist es logisch dass ich Dinge persönlich nehme. Ich habe mich ertappt wie ich das Verhalten von anderen verurteilt habe weil ich es gerne anders gehabt hätte. Weil ich dachte es geht nicht um die Bedürfnisse der anderen sondern um meine.

Wenn ich es mir genau überlege kann es sein dass ich dachte: endlich darf ich mal meine Bedürfnisse voll durchsetzen. Ich bin generell ein Mensch der eher auf andere schaut dass es denen gut geht. Meine eigenen Bedürfnisse stelle ich oft hinten an, wobei ich in den letzten Jahren schon besser geworden bin. Aber weil mir nichts anderes übrig blieb, da mein Leben schon chaotisch genug war. Auf jeden Fall war die Hochzeit sicherlich eine Möglichkeit für mich mir selbst zu erlauben mal die Dinge so zu machen wie ich es will.

Wie schon erwähnt bringt eine Hochzeit aber auch das Beste in Menschen heraus. Und da haben mich einige Menschen wirklich überrascht und mir viel Freude bereitet vor und während meiner Hochzeit. Und das überwiegt am Ende auf jeden Fall.

Im Nachhinein war meine Hochzeitsplanung aufregend und emotional, positiv und negativ. Und wohl eine Momentaufnahme von meinen Leben. Es hat mich verändert. Und die Zukunft wird zeigen was sich mit mir mit verändert hat in meinem Umfeld.

Den Rasenmäher stell ich zurück in die Scheune und da kann er von mir aus die nächsten 50 Jahre bleiben. Aber die Nadel mit dem Nadelöhr steck ich ein. Ich habe so ein Gefühl, dass ich und meine Mitmenschen noch durch einige Nadelöhre uns durchzwängen müssen.