An meinen Sohn M.
Da verbringt man vierzig Jahre damit zu versuchen, die Welt und — schlimmer noch — sich selbst zu verstehen und dann bringt man etwas hervor, ein kleines Menschlein, das mit all dem Mist noch einmal ganz von vorn anfangen muss. Mein Sohn wurde gerade geboren. Es war der unglaublichste Moment in einem Leben. Ich hätte darauf vorbereitet sein müssen, aber als dann dieser kleine fragile Körper, der irgendwie auch zu groß erschien, als dass er gerade aus meiner Frau gekommen sein konnte, ans Licht kam, hat mich das total erschlagen. Mit Tränen in den Augen und einem Riesenkloß im Hals beobachtete ich die ersten Szenen seines Lebens und war weder dabei noch bei mir. Es war ein Schock, der sich erst im Laufe des ersten Tages in Glück verwandelte. Dieser Text ist für meinen Sohn M.

Du bist ein Mängelwesen, lieber M.
Wenn ich sage “ganz von vorn anfangen”, dann ist das noch untertrieben. Der menschliche Säugling ist eine physiologische Frühgeburt, wie es in der Anthropologie heißt. Es ist erstaunlich, wie lebensunfähig du jetzt bist, von der präkeren Geburt als Normalfall ganz zu schweigen. Wenn wir dir nicht pausenlos Unterstützung und Zuwendung geben, überlebst du nicht. Alleine essen, dich verständlich machen, laufen — all das wird Jahre dauern. Kein anderes Tier erlaubt sich solch einen jahrelangen Luxus in der Aufzucht. Pferde laufen nach wenigen Stunden und sogar Affenbabys können sich sehr schnell an der Mutter festhalten, was dir nach vielen Monaten noch nicht gelingen wird. Es gibt einen guten Grund für deine “Frühgeburt”: Die für dein erfolgreiches Leben wesentlichen Entwicklungsschritte können nicht im Leib deiner Mutter vollzogen werden, sondern müssen im Miteinander mit anderen Menschen jahrelang ausgeprägt werden. Deine Instinktarmut, deine lange motorische und intellektuelle Unbeholfenheit und deine Abhängigkeit von uns wird in einigen Jahren durch einen unvergleichlichen Reichtum an Denk- und Entscheidungsoperationen ausgeglichen, die du lange erlernen musst.
Ist es gut, geboren zu werden?
Vielleicht wirst du eines Tages wie jeder vernünftige Mensch wütend deine Eltern fragen: Warum habt ihr das getan? Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden.
Nie wollte ich unbedingt Kinder haben. Im Gegenteil, mir schien es genügend Gründe zu geben, niemanden ungebeten in diese Welt zu setzen. Nicht, um der Welt Willen, sondern um deines Willen. Denn noch besser, als deine Freude zu erleben, schien es mir, dein Leid zu vermeiden. Ich würde es dir nicht zumuten wollen, in einer Welt ohne Wälder aufzuwachsen, in einer Welt der leeren Meere, in einer Welt der toten Seen und der trüben Himmel. Ich würde dir gern den Kampf mit Milliarden Mitmenschen ersparen, der in einer Welt der knappen Ressourcen und der hohen Ansprüche abzusehen ist.
Auch um meiner selbst Willen, war ich mir nicht sicher. Schon ohne dich hatte ich genug zu tun, meine drei Partnerschaften — die mit deiner Mutter, die mit mir selbst und die mit meiner Arbeit — mit der nötigen Hingabe zu leben. Du wirst das nicht einfacher machen. Dann jedoch: Wie viel reicher wird mein Leben sein mit dir? Eine Zukunft schaffen — wann können wir das schon? Etwas initiieren, das wir formen können, das dann aber doch im Wunder der Individuation etwas ganz eigenes werden wird. Welche größere, gottgleichere Tat könnte es geben?
Es ist göttlich und trotzdem ist es das alltäglichste, das man sich denken kann. Beinahe jeder kann so ein Leben in die Welt setzen. Aber die Skala der Qualität ist unermesslich. Jeder kann es, aber nicht jeder kann es gut. Es tut sich also eine neue Sphäre in meinem Leben auf, eine neue Chance, etwas besonders gut zu machen. Wenn zum Beispiel meine eigene Bildungsgeschichte und meine sportlichen oder künstlerischen Talente nur zum Mittelmaß reichten, dann gibt es mit dir plötzlich noch einmal eine Gelegenheit, über mich selbst hinaus zu wachsen. Eine neue Chance. Schon der Umstand, dass du mit drei Sprachen aufwachsen musst, ist doch vielversprechend. Und das Beste ist: Selbst wenn du “nur” ein guter Mensch wirst, ist schon das beste erreicht.
Aus Gesprächen mit Freunden höre ich auch die Verheißung einer dritten Liebe heraus: Die Liebe zu den Eltern ist sozusagen angeboren. Die Liebe zum Partner ist im besten Falle ausgesucht und selbst gemacht. Die Liebe zum eigenen Kind ist eine Naturgewalt, eine eingeborene und in uns schlafende Macht, von der wir keine Ahnung haben, bis sie nebst dem Kind mitgeboren wird. Die Aussicht auf solch eine ungekannte Liebe, auf eine Qualität im Leben, die mir bisher unzugänglich war, macht deutlich, wie gut es ist, dass du geboren wurdest.
Optimismus für dein Jahrhundert
Wenn ich an die größeren Zusammenhänge dieser Welt denke, bin ich weniger optimistisch. Es gibt zwar große Hoffnung, dass das 21. Jahrhundert, das dein Jahrhundert sein wird, weniger schrecklich sein wird, als das 20. Jahrhundert des Holocausts und der Atombombe. Mein Glück war es, nach den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts geboren worden zu sein und wahrscheinlich vor den nächsten globalen Katastrophen wieder abzuleben.
Ich kann dir nicht dieselbe Symmetrie des Glücks versprechen. Dein Jahrhundert wird das sein, in dem die Welt die meisten gleichzeitig auf ihr lebenden Menschen gesehen haben wird. Statistisch ist es also kein Wunder, dass auch du unter ihnen leben musst. Demoskopen erwarten einen Höhepunkt von 10 Milliarden auf der Welt lebenden Menschen noch in diesem Jahrhundert. Afrikas Bevölkerung wird sich vervierfachen, die Bevölkerungen in Asien und vor allem Europa werden schrumpfen und — wenn alles gut geht — durch die steigende Bildung und den Rückgang der Armut wird die Weltbevölkerung sich auf einem erträglicheren Stand einpegeln.
Langfristig ist das eine akzeptable Aussicht. Aber unsere Leben, meins und auch deins, sind kurz- bis mittelfristig. Die Herausforderungen, die auf dich und deine Brüder und Schwerstern zukommen, sind enorm. Alle Menschen wollen den Lebensstandard erreichen, in den du glücklicherweise hineingeboren wirst. Das wird aber nicht für alle 10 Milliarden möglich sein. Da müsst ihr euch etwas einfallen lassen.
Es stimmt mich vorsichtig optimistisch, dass wir welthistorisch einen kontinuierlichen Fortschritt in allen menschlich wichtigen Belangen sehen: Noch nie ging es so vielen Menschen so gut wie jetzt. Noch nie war die statistische Wahrscheinlichkeit für ein Individuum durch Gewalt zu Tode oder zu Schaden zu kommen, so gering wie heute. Noch nie war die Sterblichkeit unter Kindern so gering. Nie zuvor war die Macht von Krankheiten über die Menschen so klein. Noch nie lebten die Menschen so lange wie heute. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass es euch gelingen wird, die zur Verfügung stehende Technologie zum Wohl der Menschheit einzusetzen und einiges an Druck aus der Bevölkerungsentwicklung zu kompensieren.
Selbst, wenn in der Welt einiges schief geht und es zwischenzeitlich sogar noch schwieriger wird, scheint mir, hast du unerhörtes Glück gehabt, jetzt und hier geboren worden zu sein. Wir können dir nichts garantieren und vieles musst du selbst hinbekommen, aber wir versuchen dir, so viel Gutes wie möglich mitzugeben. Vor allem Liebe und unbedingten Schutz, so lange du ihn benötigst. Darauf kannst du dich verlassen.
Es ist dein Leben, dein Glück, deine Welt
Glücklichsein ist immer individuell, die globalen Umstände deines Lebens spielen eine große Rolle, aber mit deiner Befähigung zum Glücklichsein, mit deiner Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit wirst du auch in schwierigen Umständen dein Leben lebenswert finden.
Deine Geburt ist durch nichts zu rechtfertigen, sie ist ihre eigene Rechtfertigung. Sie ist ein Trotzdem und ein Bekenntnis zur Welt, zum Leben und zur Liebe. Herzlich willkommen, mein Sohn! Bienvenue mon fils ! Welcome to this world.