Die Zukunft der Mitbestimmung

Die Strukturen von Politik und Wirtschaft sind unter Druck. Das, was im 20. Jahrhundert Bestand gehabt habt, ist nicht gebaut für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Bei der Jahrestagung der United Leaders Association im Juni 2018 habe ich zur Frage gesprochen, wie wir den Kern von Demokratie und Mitbestimmung in die Zukunft übersetzen können.

Meine These: wer Demokratie und Mitbestimmung verteidigen will, sollte sich nicht auf die heutigen Strukturen und Prozesse versteifen. Sie sind nur Mittel zum Zweck. Vielmehr geht es um den Sinn und den Wesenszweck der demokratischen Strukturen. Absehbar müssen wir sie in völlig neue Strukturen übersetzen, um sie in transformativen Zeiten zu erhalten und zu stärken.

Mein voller Redetext: hier.

Mitbestimmung in transformativen Zeiten

Meine Damen und Herren,

unsere Zeit ist gekennzeichnet durch zwei Gefühle:

Zum einen Unbehagen. Wir haben den Eindruck, als lebten wir in einer falschen Gegenwart. Wir haben das wachsende Gefühl, dass die politischen und unternehmerischen Strukturen, in denen wir leben und arbeiten, keine Antwort bieten auf die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Die Logik und Grundfunktionsweisen unserer Gesellschaft und des Marktes sind mit immer größeren Fragezeichen versehen. Gleichzeitig sehen wir, wie schwer es ist, den Status Quo zu verändern und fühlen uns in ihm gefangen. Das fühlt zu einem andauernden, fundamentalen Unbehagen.

Das zweite Gefühl ist Angst. Diese Angst erwächst aus der Erkenntnis, dass wir das Unbehagen zu lange ertragen haben, ohne Konsequenzen daraus zu ziehen. Wir sehen, dass eine veränderte Welt den Strukturen der Nachkriegszeit den Boden entzieht. Wie sich politisch und wirtschaftlich Kräfte breit machen, die sich wenig scheren um den Rahmen, der uns jahrzehntelang Sicherheit gegeben hat. Und das — macht Angst.

Meine Damen und Herren, ich will die kommenden Minuten nutzen, um nach einer produktiven Haltung für den Umgang mit diesen Gefühlen zu fragen. Dazu gehe ich auf die Debatte über die Verteidigung der Demokratie ein — und werde versuchen, Paralellen zu ziehen zur Debatte über die Zukunft der innerbetrieblichen Mitbestimmung.

Dabei werde ich zwischen zwei Perspektiven wechseln. Zum einen spreche ich als Policy fellow des Progressiven Zentrums, wo wir zur Zukunft der Demokratie und zu demokratischer Transformation arbeiten. Zum zweiten als Selbständiger, dessen Unternehmen zu Kulturwandel und neuen Formen von Führung und Selbstführung berät.

Systeme, die sich vom Schöpfer emanzipieren

Meine Damen und Herren,

Lassen Sie uns anhand dreier Beispiele schauen, wo wir stehen.

Wir haben in den letzten Dekaden ein kraftvolles globales Wirtschaftssystem geschaffen. Es hat im Rahmen eines historischen Wimpernschlags ungeahnten materiellen Reichtum produziert. Gleichzeigt stört es die Selbst-Regulation des Ökosystems fundamental, und bedroht damit die Menschheit existenziell.

Wir haben die Menschheit enger vernetzt denn je — nur um jetzt zu realisieren, dass wir dieser Vernetztheit nicht mehr Herr werden. Die Komplexität des Marktes, die Komplexität unserer vernetzten Weltgemeinschaft, die Volatilität unserer ungleichen Welt — all das ist menschengemacht, aber scheint uns dennoch nicht mehr durch menschliche Entscheidungen kontrollierbar.

Wir haben machtvolle, hoch effiziente Unternehmen gebaut, die mit immer weniger Menschen immer mehr produzieren. Diese Unternehmen dienen perfekter denn je den Bedürfnissen des Marktes — und gehen gleichzeitig immer stärker an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, aus denen diese Unternehmen bestehen.

Das sind beispielhafte Phänomene, die zeigen: wir haben in den vergangenen Jahrzehnten Systeme gebaut, die sich nicht nur von ihren Schöpfern, sondern auch von ihrem ursprünglichen Sinn emanzipiert haben.

Unerfüllbare Wünsche und gefährliche Illusionen

In dieser Situation ist unsere Gesellschaft geprägt von einem unerfüllbaren Wunsch und einer Illusion.

Es gibt den Wunsch, die Uhr zurückzudrehen oder zumindest anzuhalten. Es besteht die Sehnsucht danach, dass wir zurück können zu scheinbar kontrollierbareren, ruhigeren Zeiten. Zurück in die Zeiten der ruhigen Bundesrepublik, zurück in die Zeiten der prosperierenden Nachkriegsökonomie.

Die Illusion ist, dass viele dem Glauben anhängen, wir könnten in die Vergangenheit zurückkehren. Und zwar dann, wenn wir unsere Gegenwart so lange reformieren, bis sie wieder heil ist. Wir behandeln unsere Realität, als sei sie ein kaputter Heizkessel. Wenn wir mit den richtigen Mitteln flicken, dann wird das Ding wieder heil.

Das geht natürlich in die Irre. Die politische und ökonomische Krise, in der wir heute stecken — das ist kein behebbares Oberflächenproblem. Diese Krisen sind Zeugnis für die übergeordnete Systemkrise, in der wir stecken. Die Krisen unserer Zeit — das sind Symptome einer komplexen Transformationsbewegung, die uns gesamtgesellschaftlich erfasst.

In anderen Worten: Die Art und Weise, wie wir Politik organisieren — die Art und Weise, wie wir wirtschaften sind keine Antworten auf die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen. Die Strukturen unseres politischen und wirtschaftlichen Alltags sind Antworten auf Herausforderungen, vor denen wir in der Vergangenheit einmal gestanden haben.

Dafür sind die Art und Weise, wie wir heute die nationale Demokratie und die innerbetriebliche Mitbestimmung organisieren, ganz gute Beispiele. Das waren richtige Antworten für eine andere Zeit. Aber gleichzeitig stellt sich die dringende Frage, welche Demokratie und Mitbestimmung wir einer Zeit brauchen, in der sich der Rahmen unseres Lebens und Wirtschaftens fundamental verschiebt.

In dieser Situation ist es potenziell tödlich, die Uhr zurückzudrehen oder das Bestehende einfach nur so lange zu flicken, wie es irgendwie geht.

Von How to Why

Meine Damen und Herren,

die Herausforderung ist nicht, das Bestehende zu verteidigen. Die Herausforderung ist, den Wesenskern der politischen und wirtschaftlichen Mitbestimmung zu übersetzen in eine neue, äußerst transformative Zeit.

Ich will das am Beispiel der Debatte zur Demokratie verdeutlichen. Heute rede ich überall mit Menschen, die angesichts der illiberalen Bedrohung die liberale Demokratie verteidigen wollen. Sie verteidigen leidenschaftlich die Strukturen der Bundesrepublik, werfen sich ins Zeug für Parlamentarismus, Repräsentativität, die föderale Verwaltungsordnung.

Die heutigen demokratischen Strukturen und Prozesse werden für sakrosankt erklärt. Und damit Architekturen, die gebaut sind für eine andere Welt in einer anderen Zeit.

Aus meiner Sicht schießen wir mit dieser Linie am Ziel vorbei. Können wir denn den Sinn der Demokratie wirklich schützen, indem wir die Architekturen des 20. Jahrhunderts für heilig erklären? Sind denn die politischen Strukturen, die wir heute haben, wirklich die richtigen, um die Demokratie zu befördern, und den Willen der Mehrheit im Sinne des Allgemeinen zu begrenzen?

Wir dürfen doch nicht vergessen: Institutionen, Strukturen und Prozesse, die Demokratie selbst ist doch letztlich nur Mittel zum Zweck. Wir haben Parlamente und Ministerien, Gerichte und die Regierung doch nicht um ihrer selbst willen. Wir haben sie, damit sie den Wesenskern der Demokratie schützen und mit umsetzen.

Worum geht es uns denn wirklich, wenn wir über die Demokratie sprechen? Aus meiner Sicht geht es um

· den Schutz vor staatlicher Willkür,

· das Verhindern des Missbrauchs der Macht der Mehrheit,

· das Schaffen angstfreier gesellschaftlicher Räume, in denen individuell und kollektiv Entwicklung und Entfaltung möglich sind.

Es geht um eine Gesellschaft, die ihre Freiheit nutzt, um individuelles Wohlergehen und das Wohlergehen der Allgemeinheit mit selbstorganisierten Mitteln herbeizuführen.

Die Demokratie als Instrument

Die Demokratie ist letztlich ein Instrument, um einen Raum zu bauen, in dem wir uns als Gesellschaft zum Wohle des Einzelnen UND des Ganzen organisieren können. Sie ist das Werkzeug, mit dem wir die Balance suchen zwischen den Interessen des größeren Ganzen und den Interessen der Einzelnen.

Darum geht es. Und erst dann stellt sich die Frage: Wie machen wir das? Welche Institutionen, welche Prinzipien und Prozesse brauchen wir denn, um diesen Sinn mit Leben zu füllen?

Welche grundlegenden Spielregeln wollen wir uns als freiheitliche Gesellschaft geben, die sich als Teil und nicht als Zerstörerin des Ökosystems versteht?

Was soll in diesem Kontext die Demokratie sein? Wofür dient sie, wo müssen wir ihre Begrenzungen überwinden?

Und wofür hat der Markt zu dienen?

Von diesen Fragen bekommen sie genau KEINE beantwortet, wenn Sie einfach nur das Bestehende verteidigen. Da mögen Sie sich moralisch auf der sicheren Seite fühlen. Aber eigentlich spielen Sie der Gegenseite in die Hände.

In anderen Worten: Wer die Demokratie schützen will, muss darüber sprechen, wie wir sie so verändern, dass sie in unsere Zeit passt. Eine Demokratie, die mit Hilfe neuer Strukturen und Prozesse den Wesenskern beschützt, den wir erhalten wollen. Die Würde des Einzelnen, Pluralismus, den Schutz der Minderheiten vor dem Mehrheitswillen… das ist es, was wir schützen müssen. Nicht das Mehrheitswahlrecht oder die Struktur der Ministerialbürokratie.

Die Zukunft der Mitbestimmung

So.

Und jetzt lassen Sie uns über die Zukunft der innerbetrieblichen Mitbestimmung sprechen. Ich erlebe auch hier viele Menschen in Verteidigungshaltung, die aus bestem Motiven heraus die heutigen Strukturen mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Dabei lassen sie ebenfalls außer Acht, dass diese Strukturen kein Selbstzweck sind.

Worum geht es, wenn Sie Mitbestimmung verteidigen wollen? Geht es wirklich um die heutigen Strukturen und Prozesse der Mitbestimmung? Oder geht es nicht eigentlich um den Kern, um die Verteidigung des Sinns der Mitbestimmung?

Sie wissen hoffentlich besser als ich, was der Sinn der Mitbestimmung ist. Mir fällt ein:

- Perspektivvielfalt in der Unternehmenssteuerung sicherstellen, um die Strategie- und Steuerungsfähigkeit zu erhöhen

- Individuelles Profitinteresse und menschliches Wohlergeben ausbalancieren

- Langfristigkeit in Führungsentscheidungen erhöhen, gerade in quartalsgetriebenen Konzernen

All diese Punkte machen gerade in globalisierten Zeiten viel Sinn. Aber es ist eben auch so, dass Sie diesen Sinn nicht im Rahmen der Mitbestimmungsarchitektur erhalten werden, die in der Nachkriegszeit entstanden ist.

Mitbestimmung in Organisationen neuen Typs

Das ist nicht nur wegen globalisierter Konzernstrukturen der Fall. Sondern auch, weil das Organisations- und Führungsmodell unserem Erleben nach gerade fundamental umbricht. Das, was wir heute als „normal“ in einer Organisation erachten, wird in 15 Jahren sehr anders aussehen als heute.

Ich gebe Ihnen zwei Beispiele:

1. Wir sind in konservativen Konzernen unterwegs, die Teams in zentralen Funktionen das komplette Self-Management ermöglichen. Führungskräfte aus der Linie fallen in diesen kollegial geführten Strukturen einfach weg. Und damit auch der Gegensatz zwischen Führung und Belegschaft, weil auf einmal ganz viele mitführen.

2. Wir arbeiten mit Organisationen daran, fluide Strukturen mit einem äußerst hohen Grad an Selbstorganisation zu bauen. Entscheidungen über Investitionen, Strategie, das Eröffnen neuer Geschäftsbereiche — das ist hier auf einmal nicht mehr Aufgabe eines isolierten Management, sondern fluider Kreis- und Projektstrukturen, die cross-hierarchisch und cross-funktional funktionieren. Das geht quer gegen jede Logik der klassischen Mitbestimmung.

All das geschieht wegen und nicht trotz Komplexitätszuwachs, gewachsener Volatilität und globaler Verflechtung. Ich glaube, wir sehen hier die Kehrseite der Krise der Mitbestimmung. Wo bei Ihnen der Raum enger zu werden scheint, wird er an anderer Stelle weiter.

Es wird Sie nicht überraschen, dass die Vertreter der Betriebsräte in solchen Prozessen oft alles andere als vorne dabei sind. Die sehen ihr Mitbestimmungs-Monopol wanken.

Nun weiß ich, dass Sprechausschüsse keine Betriebsräte sind. Aber diese Beispiele sollten Ihnen doch zu denken geben. Wenn sich radikal verschiebt, was wir unter Organisation, Führungskraft und Mitarbeiter verstehen — dann muss sich zwangsläufig auch die Grundstruktur der Mitbestimmung verschieben.

Ich glaube, dass hier eine zentrale Aufgabe und Chance für Sie liegt. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Trends sehen und klug interpretieren. Dass Sie überlegen: wie können wir die fundamentalen Transformationsbewegungen der kommenden Jahre nutzen, um das Kernanliegen der Mitbestimmung zu stärken? Und sei es in einer ganz neuen Architektur, mit anderen Strukturen, Rollen und Prozessen.

Ja, Sie halten als politisch denkende Menschen natürlich fest und verteidigen, wo es gerade Sinn macht. Aber bitte sehen Sie zeitgleich zu, dass Sie strategisch und langfristig zur Frage arbeiten, wie sich Mitbestimmung transformieren muss. Einfach weil sie in einer Zeit, in der Politik und Ökonomie sich fundamental verändern, gar nicht anders kann.

In anderen Worten: nutzen Sie Ihr Unbehagen, nutzen Sie die Angst, die Sie vielleicht haben, als kreative Triebkräfte. Nehmen Sie die gesellschaftliche Transformation als Triebfeder für das Neuerfinden der Mitbestimmung.

Herzlichen Dank

Die United Leaders Association repräsentiert leitende Führungskräfte und ist Dachverband der deutschen Führungskräfteverbände. Neben Hanno wurde die Jahreskonferenz im Siemens Conference Centre von Ralf Fücks und dem Politikwissenschaftler Jürgen Falter eröffnet.