Auf dem Weg zu einem besseren Gesundheitssystem

Henrik Matthies
Apr 3 · 7 min read

/// short english summary below ///

Nach 4,5 Jahren als Mitgründer und Geschäftsführer verlasse ich die Mimi Hearing Technologies GmbH um den Health Innovation Hub des Bundesministeriums für Gesundheit mit-aufzubauen. Warum, jetzt?

2005–2018 - wie ein möglicher Quantensprung verpufft

Im Jahr 2005 hatte Deutschland die einzigartige Chance das fortschrittlichste und effizienteste Gesundheitssystem der Welt aufzubauen, eine neue Leit-Industrie mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen zu entwickeln und vor allem die Gesundheit der Menschen dieses Landes nachhaltig zu erhalten, Krankheiten besser zu behandeln und Fehler und Missmanagement in der Behandlung früher zu erkennen.

Mit Gründung der gematik entstand damals Europas größtes und ambitioniertestes IT-Projekt, die Welt schaute und staunte wozu sich deutsche Ingenieure, Gesundheitswissenschaftler, Ärzte und Politiker anschickten.

14 Jahre später sind wir Europas Schlusslicht in Sachen Digitalisierung, der Steuerzahler musste mindestens 1,5 Mrd. EUR aufwenden, das Ergebnis ist statt einer elektronischen Gesundheitskarte mit dazugehöriger Telematik-Infrastruktur eine Plastikkarte mit einer Nummer drauf. In den letzten 14 Jahren konnten sich die Gesellschafter der gematik (die Vertreter der Selbstverwaltung also Ärzteschaft sowie die Krankenkassen) auf so gut wie nix einigen, und blockierten mit ihrem jeweiligen 50%-Anteil damit jede technologische Entwicklung.

Photo by Francisco Delgado on Unsplash

2018 — Konsequenzen des Stillstands

Dass komplexe IT-Projekte immer länger dauern als geplant, mehr kosten als vermutet und nicht das Ergebnis bringen das ursprünglich mal erwartet war - geschenkt. Dass jedoch 80 Millionen Patienten im Jahr 2019 immer noch säckeweise Aktenordner zu Fachärzten tragen müssen um sämtliche Befunde händisch zu übermitteln, dass hunderttausende Doppelt- und Fehluntersuchungen unternommen werden, weil notwendige Gesundheitsdaten nicht vorliegen, dass zehntausende Menschen durch Mehrfach- und Falsch-Medikation sowie überflüssige oder falsche Eingriffe sterben ist in keiner Weise nachvollziehbar - da komplett überflüssig. Die fehlende sichere Infrastruktur für Kommunikation und Datenaustausch führt dazu, dass Klinikärzte in ihrer Not zu Apps wie vor allem WhatsApp greifen um untereinander Patientendaten auszutauschen und Befunde zu diskutieren. Nichtstun hat seinen Preis, insbesondere wenn es um unsere Gesundheit geht.

Dabei waren gerade Argumente wie Datenschutz und Sicherheit die häufigst genannten Gründe um im Verhältnis zu all unseren Nachbarländer im deutschen Gesundheitswesen möglichst nichts zu verändern.

2019 - das Potential einer Zäsur

Sehr lange wurden neue Technologien, innovative, digital unterstütze Behandlungsmethoden sowie Unternehmen des Digital Health Bereichs insgesamt mit zumindest Skepsis wenn nicht gar purer Ablehnung von den etablierten Akteuren angesehen. Das ändert sich gerade.

Dabei sind aus meiner Sicht vier Entwicklungen maßgeblich:

  1. Zunehmende Anzahl wissenschaftlicher Studien zu Digital Health

Immer mehr Digital Health Lösungen können nicht nur auf wachsende User-Zahlen, erste Pilotprojekte über z.B. Selektivverträge mit einzelnen Krankenkassen sowie prominente akademische Fürsprecher verweisen, sondern haben die letzten Jahre genutzt um wissenschaftliche Studien mit unabhängigen Institutionen wie Unikliniken oder einem Netzwerk von Arztpraxen erarbeiten zu lassen.

Grundsätzliche Skepsis gegenüber neuen Methoden oder Technologien in der Gesundheitsversorgung sind absolut angebracht und nachvollziehbar. Durch wissenschaftliche Studien können die erwachsenen Lösungen sich nun klar differenzieren und eine Anwendung in der Regelversorgung rechtfertigen.

2. Wachsende Akzeptanz von Digital Health bei deutschen Versicherten

Weltweite Digital Health Unternehmen fragen weder die deutsche Politik noch die Selbstverwaltung ob sie ihre digitalen Gesundheitslösungen in Deutschland anbieten dürfen. Viele v.a. deutsche Anbieter haben ihre Lösungen bereits als Medizinprodukt in Europa CE-zertifizieren lassen. Millionen Versicherte nutzen bereits heute Apps um ihr Diabetes besser zu managen, ihre Migräne im Alltag zu minimieren, frühe Unterstützung im psychologischen und psycho-therapeutischen Bereich zu erhalten oder ihre Familienplanung zu verbessern. Apps aus dem deutsch-sprachigen Raum wie Clue, mySugr oder Ada haben jeweils mehrere Millionen Downloads.

Das von mir mit-gegründete Unternehmen Mimi z.B. konnte gemeinsam mit der Barmer Krankenversicherung innerhalb von zwei Jahren mehr als 300.000 Versicherte motivieren zu Hause per App einen Hörtest zu machen um so für Hörgesundheit sensibilisiert zu werden.

3. Rasante technologische Entwicklung

Die Kombination aus Cloud Computing, künstlicher Intelligenz, die atemberaubende Entwicklung von Rechnerkapazitäten und die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Smartphones ermöglichen heute, dass jeder Mensch nicht nur auf sämtliches medizinisches Wissen in strukturierter Form zugreifen kann, sondern das viele, bisher manuell durchgeführte Prozesse wie die Analyse eines CTs besser und schneller durch selbst-lernende Algorithmen erledigt werden können.

War Technologie lange nur für jüngere, technologie-affine Menschen zugänglich ändert sich dies gerade durch Spracherkennung als neue, mächtige Mensch-Maschinen-Interface. So können schon heute Senioren per Alexa, Google Assistant o.ä. sprechen und z.B. einen Notfall absetzen, Einkäufe auslösen, oder Bekannte anrufen.

4. Realisation der Unumstößlichkeit bei handelnden Akteure

Anfänglicher breiter Ablehnung und Skepsis ist bei den allermeisten Verantwortlichen der Ärzte-Vertretung, den Pflegenden, den Krankenkassen, der Politik sowie in Teilen auch bei den Apothekern allmählich die Erkenntnis gewachsen, dass die Digitalisierung und fortschreitende technologische Entwicklung nach fast allen anderen Bereichen unseres Lebens wohl nicht vor dem deutschen Gesundheitswesen Halt machen wird.

Anders als frühere Minister möchte Jens Spahn darüber hinaus augenscheinlich die Digitalisierung des Gesundheitswesens aktiv gestalten. Bislang fehlte solch ein zentraler Akteur, der Veränderung wagt.


Photo by Juli Moreira on Unsplash

Was ist zu tun?

Das Risiko in solch einer komplexen Gemengelage zu scheitern ist wesentlich größer als ein durchschlagender Erfolg. Es gibt nicht die eine allumfassende Lösung, allein aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung kann keiner verlässlich vorhersagen wie wir auch nur in drei Jahren mit welcher Technologie interagieren. Bis zum 26. Oktober 2016 hätte sich auch kaum jemand in Deutschland vorstellen können sich mit einem Lautsprecher zu unterhalten.

Drei Leitfragen zum kommenden Veränderungsprozess:

  1. Was nützt es?

Technologie und der Wunsch nach Digitalisierung darf nie Selbstzweck sein. In die Regelversorgung darf nur, was entweder die Behandelnden effizient unterstützt und entlastet, die Behandlung verbessert oder das Leben mit der Krankheit für den Patienten erleichtert. Technologie hat das Potential die Behandelnden von Routine-Tätigkeiten wie Dokumentationen zu entlasten und überhaupt wieder Raum für die sprechende Medizin zu leisten. Alle Veränderungen werden nur erfolgreich sein, wenn sowohl die Behandelnden wie auch die Patienten einen Mehrwert spüren.

2. Wie binde ich alle relevanten Akteure ein?

Veränderung wird derzeit vor allem als Bedrohung wahrgenommen. Bisher hat kaum ein Akteur des deutschen Gesundheitswesen die Veränderung als seine Chance begriffen den gesundheitlichen Auftrag seines Bereiches zu verbessern, die Arbeit zu erleichtern, die Behandelnden zu entlasten.

Mein Wunsch ist, dass alle Akteure Zielvorstellungen entwickeln, wie sie sich unser Gesundheitssystem im Jahr 2025 vorstellen. Dafür müssen alle aus ihren Komfortzonen, nicht nur sagen was nicht geht, sondern unter Berücksichtigung unseres heutigen Wissenstands erarbeiten wie wir das Gesundheitssystem verändern müssen um es für den demographischen Wandel, ein längeres Leben aber auch den kontinuierlichen Schutz sensibler Gesundheitsdaten zukunftsfest zu machen.

Im Ergebnis benötigen wir als Gesellschaft dann eine gemeinsame Zielvorstellung die sowohl von den Behandelnden wie den Behandelten getragen wird und auf die wir konstruktiv hinarbeiten können.

3. Wie gehe ich mit konstanter Veränderung um

Zu keinem Zeitpunkt wird unser Gesundheitssystem ‘fertig’ sein. Der medizinische wie technologische Fortschritt wird eher zu- als abnehmen. In Folge werden wir, wird sich das Gesundheitssystem kontinuierlich verändern müssen. Deutsche bauen Produkte und Systeme, die ein Leben lang halten. Kontinuierliche Veränderung, womöglich sogar mit sprungfixer Intensität liegt uns eher nicht. So wurde auch das deutsche Gesundheitssystem vor allem unter der Maßgabe entwickelt solide zu funktionieren. Es gibt kaum Anreize etwas Neues zu wagen, birgt das Neue doch auch das Risiko des Scheiterns.

Nur so kann ich mir erklären, warum in den letzten 14 Jahren fast nichts voranging in der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens. Diese Grundhaltung, im Zweifel das Bewährte zu verteidigen statt offen für alternative Wege zu sein, keine Zielbilder für unser Gesundheitssystem in den nächsten Jahren zu entwickeln, hoffen, dass der technologische Umbruch nicht kommt oder ausschließlich irgendjemand zentral dafür verantwortlich ist nur nicht man selbst - all das können wir uns im Jahr 2019 schlicht nicht mehr leisten, wollen wir nicht noch weiter abgehängt werden.


Länder wie Estland, Canada, Israel oder Dänemark zeigen welchen immensen positiven Mehrwert erprobte Technologien und innovative Digital-Lösungen für Patienten und Behandelnde haben können. Diese Chancen zu nutzen, dafür möchte ich mich jetzt mit all meinem Herzblut einsetzen.

Deshalb habe ich zu Ende Februar 2019 die Geschäftsführung des von mir mit-gegründeten Unternehmens, der Berliner Mimi Hearing Technologies GmbH, aufgegeben, um mich ab jetzt Vollzeit um den Aufbau und Betrieb des Health Innovation Hubs des Bundesministeriums für Gesundheit zu kümmern.

Die letzten 4,5 Jahre waren die schönsten, intensivsten und lehrreichsten Jahre meiner bisherigen beruflichen Tätigkeit. Ich hatte das Privileg ein Digital Health Unternehmen der ersten Stunde mit-aufzubauen, unser Gesundheitssystem als externer Innovator kennen zu lernen, zahllose Mauern und Hürden zu überwinden bevor wir Deutschlands erstes digitale Präventionsprojekt launchen konnten.

Der Abschied von Mimi fiel mir emotional schwer, ich hoffe aber in neuer Funktion einen noch größeren Hebel zu haben um unser Gesundheitssystem im Sinne der Patienten konstruktiv weiter zu entwickeln und es für sinnvolle Technologien und Innovationen zu öffnen.

/// english summary ///

The positive impact of Digital Health has been shown by countries such as Estonia, Canada or Israel who consequently implemented proven technologies and innovative health solutions into their healthcare systems. Germany is lagging significantly behind, despite a head start in 2005, mainly due to a very limited willingness and very low incentives for any kind of change.

However, many players have realized now that Digital Health will not bypass Germany, and especially patients and the political class are ready for change.

I have decided to step down as managing director from Mimi Hearing Technologies to invest now all my time and dedication to help support the digitalization of our national healthcare system. Since March 2019, I am establishing the Health Innovation Hub of the Germany Ministry of Health to support the Ministry in the next years in their ongoing digitalization process.

Henrik Matthies

Written by

Managing Director @hih2025 (health innovation hub of the German Ministry of Health), Founder @MimiHearing & @JodelApp

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