Gemeinde finden

Als Kind war das mit der Kirche in meinem Kopf ganz einfach: Alle, die sich der Gemeinde zugehörig fühlten, die gingen sonntags in die Kirche, die am nächsten lag. Und das meine ich ganz wörtlich. In meinem kleinen Kinderkopf hatte jede Stadt und jedes Dorf eine Kirche, die Sonntags Gottesdienst feierte. Dort traf man dann alle, die man eh schon von der Schule, der Arbeit oder dem Jugendkreis kannte.

Das Thema öffnete sich für mich erst, als ich aus meinem 200-Seelen-Dorf nach Berlin zog. Die Facetten und Möglichkeiten, wie und wo ich als Christ meinen Sonntagvormittag verbringen konnte waren überwältigend. Das Modell Kirche, so mit Glockenturm und Altar, war hier anscheinend schon lange überholt. Sogar in einem Kino konnte man sich treffen. Auch an notorische Langschläfer wie mich war dabei gedacht, zu jeder nur denkbaren Uhrzeit war es möglich, mit anderen Christen Gott zu loben. Und mit der Bibel lässt sich das doch auch vereinbaren, oder? Ihr wisst schon, wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen kommen usw…

Aber es gab auch andere Seiten dieser Freiheit. Zum ersten Mal musste ich mich mit Begriffen wie “Charismatisch” oder “Konservativ”, mit “Landeskirche” und “Baptisten” außeinander setzen. Auf der einen Seite überraschte es mich positiv, dass ein Gottesdienst auch dann funktionieren konnte, wenn der Pfarrer nicht in schiefer Stimmlage vorsang, dass “All Fehd” nun wieder mal ein Ende habe. Auf der anderen Seite aber stutzte ich, wenn beim gemeinsamen Beten einzelne Menschen nach vorne gingen, um von dem Prediger extra gesegnet zu werden. Die Kluften, die sich zwischen verschiedenen Gemeinden und Ansätzen auftat, waren unübersehbar; die kindliche Vorstellung von “der Kirche” verschwunden.

Die Notwendigkeit, den eigenen Glauben stärker zu definieren, die Aspekte herauszuarbeiten, die einem persönlich wichtig sind, baute sich vor mir auf. Man kann kurz sagen: Die Vielfalt überwältigte mich. Ich kam mir vor wie ein Mönch, der nach 20 Jahren “Ora et labora” sein Bergkloster verlässt und plötzlich vor einem rieigen Buffet steht, von der Auswahl des Angebots überwältigt.

Hier war ich nun also, erschlagen von Möglichkeiten, meinen Glauben frei zu leben, in einem Land das mir genau das gestattet, mit unglaublich vielen Mitchristen und noch mehr Menschen, die die Gute Nachricht noch erreichen muss. Auf geht’s, oder?

Kurze Zeit später sitze ich nun im ersten Gottesdienst, der sogar in dem Haus stattfindet, wo ich wohne. Eine Treppe runter und schon ist man da. Wunderbar, wie Gott sich um einen sorgt. Wäre da nur nicht diese überaus charismatische Art, die diesem Gottesdienst innewohnt und alle um mich herum “Amen!” rufen lässt, sobald der Pastor eine Bibelstelle rezitiert. Außerdem ist es auch ein wenig schlecht, hier meine Geldsorgen als Gebetsanliegen anzubringen, der Pastor ist nämlich auch mein Vermieter. Offen sein gestaltet sich also schwierig.

Also auf zum nächsten Gottesdienst, der sogar in einer richtigen Kirche stattfindet. Als hier der Wochenspruch verlesen wird, schaue ich gespannt um mich herum. Vereinzelt gesenkte Köpfe, die zustimmend nicken oder ein gemurmeltes “Amen”, ansonsten aber sakrale Ruhe. Wunderbar! Wäre da nur nicht die Tatsache, dass der Kantor wohl ein augemachter Paul Gerhardt-Fan ist. Außerdem ist er Vollständigkeitsfanatiker, falls es das gibt. Nach der 10. Strophe “Wie soll ich dich empfangen” reicht es mir. Google hat schließlich noch 5 andere Gemeinden in meiner Umgebung gefunden.

Am häufigsten traf ich allerdings auf die Hauskreissituation. Man nehme einen Hauskreis, der irgendwann durch Heirat, Evangelisation und eingeladene Freunde den Rahmen sprengte. Dazu gibt es idealer Weise noch einen Pfarrer, Referenten oder sonst irgendwie jemanden, der mal auf einer Bibelschule war und sich “einfach so unglaublich berufen” fühlt, und fertig ist die Laube. Beziehungsweise der Wunsch, gemeinsam eine Gemeinde zu gründen und endlich alles “richtig” zu machen. Zusätzlich kann garantiert noch irgendjemand Webdesign, um die Gemeinde via Internet bekannt zu machen.

So richtig ankommen konnte ich in so einer Gemeinde nie, denn immer passte irgendwas nicht. Die Unerlässlichkeit, den eigenen Glauben mittels der Impulse aus der Gemeinde zu kontrastieren und zu legitimieren, entfiel. Denn passte die Gemeinde nicht zum eigenen Glaubensstil, suchte man sich einfach eine andere, oder noch besser, gründete selbst. Die schiere Anzahl solcher kleinen, abgekapselten Gruppen, die inzwischen in Berlin zu beobachten sind, ist ein Phänomen des “Indeterminiertheits”-Syndrom, dass nicht nur meine Generation heimsucht.

Und so google ich am nächsten Samstagabend wieder nach anderen Gemeinden, wo ich Teil der Familie werden kann. Ich nehme mir wieder einen Teil des großen Buffets auf meinen Teller und hofft inständig, dass es diesmal nicht nur beim Naschen bleibt.