Das Passspiel als Kommunikationsmittel

Wie Fussball das Leben abbildet.

Was können Arbeitsteams oder Projektgruppen vom Pass- und Zusammenspiel eines Fussballteams lernen? Welche Parallelen bietet der (moderne) Fussball, anhand derer wir unsere Kommunikation in unseren Arbeitsgruppen reflektieren und beeinflussen können?

Fussballhistorie: Wann hörten die Engländer auf, mit der Zeit zu gehen?

Im August 1884 schrieb der Kolumnist der Zeitung Scottish Umpire, Silas Marner, dass

„…in Schottland die Überlegenheit des Passspiels nichts Neues…(war). Welche erfolgreiche Mannschaft man auch nimmt, sie verdankt ihren Erfolg dem Moment, als man das Durchwühlen durch schnelles und genaues Passspiel ersetzte und sich anstelle des würdelosen Versuchs, den Gegner zu überwältigen, lieber dem Leder widmete.“

(Auszug aus: Jonathan Wilson. „Revolutionen auf dem Rasen.“)

Es war allerdings in der Tat kein kurzer Weg seit diesen Anfängen des (schottischen!) Passspiels, bis es zu dem wurde, was wir heute im modernen Fussball erleben dürfen:

Ursprünglich war das Passspiel verpönt und irritierte die englischen Zuschauer, als die schottische Mannschaft im Jahre 1872 auf dem Hamilton Crescent im Glasgower Stadtteil Partick das erste Fußballländerspiel zwischen England und Schottland austrugen und den hartgesottenen Engländern zeigten, dass der Ball einander zugespielt werden kann.

Das lag einerseits an den damaligen Fussballregeln, die es verboten, den Ball nach vorne zu einem Mitspieler zu spielen, andererseits an der damaligen Vorstellung, was eigentlich “wahrer Fussball” ist. Es war die Zeit, als Fussball und Rugby getrennte Wege gingen und dem Fussball die ersten brutalen Härten genommen wurden. Es waren drei grundlegende Regelpunkte, die damit den Fussball etablierten:

  • Das Handspiel wurde verboten — und Fussball wurde erst jetzt zu einem Ballsport, der ausschließlich mit den Füssen ausgeführt wurde. (Kurz nach der Gründung der englischen Football Association (FA) 1863.)

Das Hacking, der gepflegte kraftvolle Tritt vors Schienbein, sollte verboten werden. Großteils wurde es als unzivilisiert eingeschätzt, war aber noch Bestandteil des Fussballs. F. W. Campbell aus Blackheath, ein einflussreicher Funktionär stand auf der Seite der Befürworter des Hackings, und verließ die FA, nachdem er überstimmt wurde (13:4). Er wurde später ein Mitbegründer der Rugby Vereinigung und meinte,

“wenn man das Hacking abschafft, nehme man dem Spiel einen wichtigen Bestandteil…Mut und Schneid gehen verloren und ich werde dann nicht umhinkommen, einen Haufen Franzosen herüberzuholen, die euch nach einer Woche Training schlagen könnten.”

(Ach Gott, wie ich die Engländer mag — besonders im Fussball!)

  • Und es gab noch Regel Nr. 6, ein Pate der späteren Abseitsregel. Sie sah folgendes vor: „Hat ein Spieler den Ball gespielt, ist jeder, der näher zur Torlinie steht, aus dem Spiel und darf den Ball selbst nicht berühren oder auf irgendeine Weise einen anderen Spieler daran hindern, bis er wieder im Spiel ist …“Zuspiele waren also nur erlaubt, wenn sie quer oder nach hinten gespielt wurden.

Dribblings waren das bevorzugte und erlaubte Mittel, um zum gegnerischen Tor zu gelangen! Mannschaften spielten — sofern man eine moderne Systemsprache heranziehen würde — ein regelrechtes 1–2–7! Die Mannschaft stürmte einfach drauflos, was soviel heißt, dass einer mit dem Ball am Fuss (und dem Kopf nach unten) anstürmte, zuweilen elegant dribbelte und seine Kollegen wie eine Traube hinterherliefen. Zuspiele waren nichts für echte (Individual-) Sportler und englische Fussballheroen.

Die “konzertierte Aktion”, das Pass- und damit Zusammenspiel der Teile einer Mannschaft musste schlichtweg erst erfunden und gegen die vorherrschende Spielweise durchgesetzt werden, damit sie akzeptiert und adaptiert wurde. Das gelang den Schotten, die mit Ihrer sog. “schottischen Furche” (2–3–5) ein ganz neues System im Spielaufbau kreierten und dafür sorgten, dass jeder einzelne Spieler eine feste (An-)Spielposition auf dem gesamten Feld bekam. (Das lag freilich auch an zuträglicheren Abseitsregel…)

Dieser Rückblick verdeutlicht für unser Erkenntnisinteresse, dass zu Beginn eine Ansammlung von Dribblern stand, die nacheinander alle mal ran durften und anzurennen versuchten. Fussball war Heroensport. Weit entfernt, ein Team als Team zu formen oder gar zu fordern.

Passspiel heute: 
Ballbesitz = Kommunikationshoheit?

Im heutigen Fussball, der viele Entwicklungsetappen hinter sich hat, offenbart sich im Passspiel eines der wirksamsten Instrumente des Erfolges. Nicht nur, dass das Passspiel weit überwiegend den Torerfolgen vorangeht. Ballbesitz, was das Passspiel erfordert, ist auch ein Garant dafür, dass gegnerische Tore nahezu “verunmöglicht” werden.

Von dieser Warte aus könnte man das Zuspielen des Balles als die wichtigste aufgabenbezogene Kommunikation in Fussballteams deuten, die nur noch einen Schritt zur Aufgabenerledigung benötigt, quasi den finalen “Pass ins Tor”.

  • Es lässt sich bereits eine erste Parallele zur (restlichen) Arbeits- und Lebenswelt erkennen, in der die Kommunikation an sich auch schon Mal als ein besonders hilfreiches Mittel für jedweden (Team-) Erfolg gepriesen wird. In problematischen Situationen, aufreibenden Konflikten oder dergleichen gibt’s den Ruf, die Parteien müssen nur einfach mehr miteinander kommunizieren, dann würde es schon wieder klappen. Aber genau wie das Passspiel im Fussball ist Kommunikation um ihrer selbst Willen kaum zielführend. Aber es ist so einfach, sich die Bälle zuzuspielen und die Aufgabe darüber hinaus zu vergessen, oder? Im Fussball gibt’s wenigstens die gegnerische Mannschaft, die daran erinnert, dass es Tore zu schießen oder zumindest zu verhindern gilt. In Konflikten kann man schon mal unbescholtene Dritte damit nerven, dass der andere sich unmöglich benimmt und jede Rede (zu und mit ihm) zwecklos sei…

Aber es gibt weitere Parallelen, die aufschlussreich sein können:

  • Der Philosophische Aspekt des Passspiels: Zeitgleich mit der taktischen Marschroute, Ballbesitz sei der (alleinige?!) Schlüssel zum Erfolg, wurde davor gewarnt, dass allein Ballbesitz und die Anzahl der Zuspiele in den eigenen Reihen noch nichts Zählbares, keine Tore und Siege einbringen. Manche hatten Angst, dass Fussball zur lauen Trainingseinheit verkommen würde. Auch die mangelnde Härte wurde schnell vermisst. Tatsächlich gibt es aber einen Zusammenhang zwischen modernem Passspiel und abschließendem Torerfolg, der über die Statistik hinausweist und in der Spielphilosophie begründet ist: Das gegenseitige Zuspiel ist wie ein Brainstorming in Moderationsprozessen: Im Brainstorming lautet die wichtigste Regel, dass die einzelnen Ideenbeiträge nicht zensiert werden dürfen, jede Kritik muss unterbunden werden, damit eine Atmosphäre entstehen kann, bei der alle “ungeniert Herumspinnen” können. Dadurch entsteht — so die Idee — die Kreativität des Teams! Erst, wenn jeder seine Assoziationen zur Problemstellung und -lösung äußern kann, können andere diese Assoziationen aufgreifen, weiterentwickeln und eigene daran entfalten. Erst dadurch lässt sich das gesamte Gruppenwissen aktivieren und ins soziale Leben führen. Der einzelne Beitrag ist dabei für niemanden sogleich als Ansatz der späteren Lösung erkennbar, allenfalls im Nachhinein. So erklärt sich, weshalb moderne Mannschaften das Zusammenspiel zelebrieren, sich in ihrem Spielfluss genießen und noch nicht bei jedem Pass analytisch festgestellt werden könnte, welchen Fortschritt Richtung Tor er bedeutet. Gepasst wird nicht mehr, weil man angegriffen wird oder weil man die entscheidende Lücke gesehen hat, sondern weil man den Ball hat. Ganz simpel und führt praktisch zum one-touch-soccer, die hohe Kunst des Mannschaftssports im Fussball. Scheinbar richtungslos, aber der Teamkreativität vertrauend. (Freilich möchten die Spieler ein Tor schießen und den Ball nach vorne bringen!) Das Team wird erst im Passspiel als Team erkennbar, obschon niemand weiß, wie das nächste Tor erzielt wird, es stellt sich ein. Das Tor mag sich letztlich wie eine Art Nebenprodukt ausnehmen, das sich durch ein verspieltes, absichtsarmes Engagement einstellt. Ähnlich wie Mediatoren, die auch nicht die Konfliktlösung gezielt anstreben, sondern auf eine barrierefreie Kommunikation hinwirken, bei der sich die Beteiligten kommunikativ die Bälle zuspielen können und sich die Konfliktlösung fast automatisch einstellt.
  • Der mannschaftstaktische Aspekt: Das Passspiel ist nicht mehr Ausdruck einer individuellen Not, etwa weil der Gegner angreift und den Ball abluchsen will, sondern weil es Spaß macht, sich gegenseitig die Bälle zuzuspielen. Dabei wird die Freude erhöht, dass der Gegner anwesend ist — und doch immer zu spät kommt. Ganz in der Umkehrung des berühmten Bonmots von Sartre, dass die Anwesenheit des gegnerischen Teams das Fussballspiel verkompliziert. Das könnte man das Prinzip Freude nennen, durch das sich die Mannschaft als Mannschaft be- und erlebt.
  • Der systemische Aspekt: Dahinter steht freilich auch eine systemische Erkenntnis. Jeder Pass verändert das gesamte Stellungs-) System. Wie in der zwischenmenschlichen Kommunikation bzw. im sozialen Zusammenleben verändert eine kommunikativer Stimulus, eine Aktion, das gesamte soziale System der Anwesenden. Alle Beteiligten müssen mit dem kommunikativen Stimulus umgehen und reagieren darauf: In der Anwesenheit anderer gibt es kein Nichtkommunizieren. Im Fussball verändert jeder Pass die Stellungssituation um entscheidende Meter und ermöglicht neue Spielvarianten. Deshalb ist es im Fussball ebenso ein fataler Irrtum, “von nutzlosem Gekicke im Mittelfeld” zu sprechen, wenn sich dort die Bälle scheinbar unmotiviert zugeschoben werden. Wie in der zwischenmenschlichen Kommunikation entwickelt sich eine Sogwirkung durch respektvoller Zuwendung, die zu unterschätzen ein Fehler wäre.
  • Der kulturelle Aspekt: Schnelles Passspiel, sog. one-touch-soccer, ließe sich aber auch als konsequenter Ausdruck moderner Schnelllebigkeit interpretieren, wobei einerlei wäre, ob diese Schnelllebigkeit aufgezwungen und damit eine Reaktion ist oder eine Aktion, die erst zu einer permanenten Geschwindigkeitsanforderung führt. Ob Schnell Langsam frisst, statt Groß Klein, wie es in der Wirtschaft heißt, oder es gemeinsam einfach (und) schneller geht, vermag ich hier nicht zu entscheiden. Doch deutlich ist, dass dieses schnelle Zusammenspiel gleichwohl den Eindruck vermittelt, dass die Spieler langsam seien, was an dem viel schnelleren Ball liegt, der kaum ruhig einem Spieler am Fuss klebt. Früher wie heute war das zwar ein Maß fussballerischen Könnens und Diego Maradona wurde dafür ebenso verehrt wie Lionel Messi. Und aus dem Staunen ist da auch schwer rauszukommen.
Aber wie schaut Leichtigkeit und fussballerische Schwerelosigkeit für ein gesamtes Fussballteam aus?

Wie schaut es aus, wenn nicht nur eine Mannschaft dumm ausschaut, weil sie buchstäblich von einem einzigen Spieler ausgedribbelt wurde, sondern eine Mannschaft Leichtigkeit versprüht? Vielleicht so wie auf dem folgenden Zusammenschnitt, der aus einem Spiel zwischen Barcelona und Madrid stammt?

  • Der Aspekt der Komplexitätsbewältigung: Das moderne Kurzpassspiel ist freilich auch die Lösung eines Problems. Die Mannschaften entwickelten immer bessere Fähigkeiten zu verteidigen, zumal hohe Bälle sind recht leicht zu verteidigen und finale Pässe bereits in ihrer Entstehung, nämlich der eigenen Stellungsschwäche, ausschaltbar. Schnelles Kurzpassspiel löst dieses Problem. Die Mannschaft kann sich “geschlossen” dem Tor nähern und in seiner Vollendung schaut das manchmal wie Handball oder Basketball aus, wenn auch allein die Größe des Feldes die Vielfalt der Möglichkeiten erweitert. (Ausschließen möchte ich aber an dieser Stelle nicht, dass mittlerweile ähnlich wie im Handball nahezu feste Bewegungsabläufe im Angriff eintrainiert und im Spiel mit Ansage ausgeführt werden. Weiß jemand dazu Genaueres? Gibt es im Fussball mittlerweile feste Angriffszüge, deren Namen sich die Spieler vor Beginn gegenseitig zurufen wie im Handball? Ruft man die sich dort noch zu oder gibt’s dafür auch “‘ne App”?!)

Was könnte all das für die Kommunikation in anderen Arbeitsteams bedeuten? Was können Teams lernen, wenn Sie das schnelle Kurzpassspiel übertragen, in ihre Teamkommunikation transformieren würden? Wie könnte das ausschauen, wenn sich Teammitglieder die kommunikativen Bälle derart zuspielen, dass der jeweils andere diese aufnehmen und verwerten kann? Wie müsste zusammengespielt werden, damit das Team funktioniert, leichtfüssig, elegant und zielführend?

Diese und weitere Fragen demnächst hier vertieft!

Welche Assoziationen hast Du, wenn Du an das moderne Passspiel denkst? Und welche Parallelen kannst Du zu Deinen Teamerlebnissen im Arbeitsalltag erkennen? Schreib mir und nutze die Kommentarfunktion.

Was wirst Du mit dem Pass anstellen?

Was ich sonst noch mache: www.inkovema.de