Warum ist Bildkommunikation bei Messengern so beliebt?

Von Ilja Pustyrev

Einführung

Seitdem die Smartphone App Snapchat (2011) veröffentlicht wurde, ist die Beliebtheit der Funktion mithilfe von einzelnen, vergänglichen Bildern zu kommunizieren stark angestiegen. So stark, dass sich bereits populäre Messenger wie WhatsApp (2009), Instagram (2010) und Facebook (2004) an dem Konzept von Snapchat orientieren und sehr ähnliche Funktionen in ihre Apps implementieren.

Kleiner Perkins Caufield Byers (KPCB) Internet Trends — Code Conference [online image]. (2014). Retrieved May 14, 2017 from https://www.slideshare.net/Boastcapital/kleiner-perkins-caufield-byers-kpcb-internet-trends-code-conference

Abb.1

Die Bildkommunikation bei Messengern wird dazu verwendet um einen Moment, den der Nutzer erlebt, visuell festzuhalten und ihn mit anderen Nutzern zu teilen. Ein Status, der auf Plattformen, wie zum Beispiel Facebook, sonst in Form eines kleinen Texts gepostet wurde, wird mittlerweile immer öfter in Form eines einzelnen Bildes veröffentlicht.

„Wo Inhalte sprachlich nicht befriedigend transportiert werden können, oder wo geglaubt wird, dass sie nicht ankommen, wird versucht, sie durch Bilder oder Bildfolgen transparent zu machen (Straßner, 2002, S.1).“

Dass die Bildkommunikation bei Messengern aufgrund einer stärkeren Aussagekraft als konventionelle Textkommunikation beliebter ist, wird als eine These betrachtet. Diese gilt es hiermit zu überprüfen und daraus eine Theorie zu entwickeln. Falls ein Wandel der kommunikativen Präferenzen in unserer Gesellschaft von Text- zu Bildkommunikation stattfindet, ist es nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive relevant, sondern auch für Marketingabteilungen ein großes Thema, da es der Bildkommunikation in diesem Bereich einen höheren Wert verleihen würde.

Visuelle Reize

„One look is worth a thousand words (Barnard, 1921, S.1)“ bereits vor 96 Jahren war der Gesellschaft bewusst, dass visuelle Darstellungen eine enorme Aussagekraft haben. Das Zitat ist so populär geworden, dass es heutzutage noch immer in aller Munde ist und sich zu einem Sprichwort entwickelt hat.

„Visuelle Reize weisen bei Wahrnehmungsvorgängen im Vergleich zu einer rein textbasierten Informationsvermittlung erhebliche Vorteile auf. Der Prozess der Bildaufnahme läuft größtenteils automatisch ab und geht daher mit einer geringen kognitiven Anstrengung einher, was sich auf ein schematisches Erkennen zurückführen lässt (Esch/Michel, 2009, S.715; vgl. Kroeber-Riel/Weinberg, 2003)”

Dass Bilder sich in den Köpfen der Menschen einfacher verarbeiten lassen als Texte, lässt vermuten, dass die ansteigende Popularität der Bildkommunikation logisch nachvollziehbar und gar offensichtlich ist. Jedoch erklärt es nicht warum genau seit 2013 ein so rapider Anstieg der Bildkommunikation bei Messengern stattgefunden hat (vgl. Abb. 1). Die Funktion kommunikativ aussagekräftige Bilder mit Freunden und Verwandten zu teilen existiert schließlich nicht erst seit 2013.

Einblick in die Beliebtheit der Bildkommunikation

Seit der Veröffentlichung des ersten Smartphones 1996 (vgl. Schönball, 2017) ging es immer mehr darum zu jeder Zeit und an jedem Ort mit anderen Menschen über das Smartphone verbunden zu sein. Verschiedenste Applikationen wie Facebook, WhatsApp, Instagram und Snapchat haben dies ermöglicht. Zu den konventionellen Methoden mithilfe von Text- und Sprachkommunikation unterwegs mit anderen Menschen in Verbindung zu bleiben, gesellte sich eine weitere Methode dazu — die Bildkommunikation.

Ich habe mich dazu entschieden Interviews mit Nutzern von Messengern mit einer Funktion der Bildkommunikation durchzuführen, da ich der Meinung bin, dass diese Methode am besten dafür geeignet ist in die Hintergründe und Intentionen der alltäglichen Nutzung dieser Dienste hineinzublicken.

„Im Interview kommen in besonderer Weise Kompetenzen der Alltagskommunikation zur Geltung: Geschichten erzählen, einander zuhören, argumentieren, Standpunkte deutlich machen, von Erlebnissen berichten etc. Daher lassen sich mit diesem Erhebungsverfahren nicht nur die Perspektiven und Orientierungen, sondern auch die Erfahrungen, aus denen diese Orientierungen hervorgegangen sind, zur Artikulation bringen (Nohl, 2009, S.7).”

Bei beiden Interviewpartnern, welche ich darüber befragt habe, wann sie angefangen haben die Bildkommunikation bei Messengern zu praktizieren, ist der Messenger Snapchat relevant.

„[…] das kam alles erst irgendwie mit Snapchat. Keine Ahnung, die haben das quasi beliebt gemacht (Giacomo B., 2017).”
„Ähm, Ich glaube erst so richtig als Snapchat rausgekommen ist, also vor drei oder vier Jahren ungefähr (Sophia V., 2017).”

Da sich die Aussagen beider Interviewpartner und die des Diagramms (vgl. Abb. 1) decken, lässt es vermuten, dass der Messenger Snapchat ein Faktor dafür war, dass die Bildkommunikation ab dem Jahr 2013 so populär geworden ist, indem die App den Nutzern eine Plattform geboten hat, auf der die Bildkommunikation zum ersten Mal auf diesem Niveau reibungslos praktizierbar war. Zu klären gilt außerdem was den Reiz ausgelöst hat statt mit Text, über Bild zu kommunizieren.

„Also, wenn mich jemand zum Beispiel bei Snapchat anschreibt, fragt was ich grade mache, und ich bin am Kochen, dann mache ich einfach ein Bild davon statt es ihm zu schreiben. Ich finde das sagt mehr aus als es stumpf zu schreiben. Außerdem sieht er dann auch was ich genau koche und muss das nicht noch fragen. Ach ja, ein Bild sagt mehr als tausend Worte (Giacomo B., 2017).”

Die anfangs aufgestellte These, die Bildkommunikation sei durch ihre hohe Aussagekraft so beliebt geworden, spiegelt sich also auch im Interview wider. Aber nicht nur das, es ist zudem ansehnlicher ein Gesprächsthema mit visuellen Eindrücken zu hinterlegen um das ganze, sonst eher monotone, Gespräch vielleicht sogar interessanter zu gestalten. Der Reiz kann auch darin liegen, nicht nur einer Person einen visuellen Eindruck zu vermitteln, sondern einen Moment, ein Gefühl oder gar eine Stimmung mit all seinen Kontakten innerhalb dieses Messengers mithilfe eines Bildes zu teilen. Das ist im Vergleich zur Veröffentlichung eines schriftlichen Status viel ansprechender und führt häufiger zu Feedback oder zu ganz neuen Gesprächszweigen, die nur durch das Veröffentlichen eines Bildes entstanden sind.

„Ich will halt das, was ich mache mit Freunden teilen. […] damals hat man ja bei Facebook auch einfach einen schriftlichen Status veröffentlicht. Aber da hat es keinen interessiert. Nie hat mich jemand darauf angeschrieben und es sind nie daraus gute Gespräche mit Freunden entstanden wie jetzt (Sophia V., 2017).”

Ein weiterer Aspekt, der zu der Beliebtheit der Bildkommunikation beitragen kann, ist möglicherweise ein Wandel in der Intention des Versendens von Bildern. Snapchat und Co. haben fotografieren nicht erfunden, aber haben es insofern leicht zugänglich gemacht, dass sich die Intention hinter dem teilen von Bildern möglicherweise verändert hat. Es kann nämlich unterschieden werden zwischen der Intention dem Chatpartner etwas zu veranschaulichen, was man schwer in Worten beschreiben kann, und der Intention dem Chatpartner mit einem Bild Informationen übermitteln zu wollen, wie zum Beispiel eine Tätigkeit, die man wiederum leicht hätte in Worte fassen können. Auf die Frage, ob meine Befragungspartnerin bereits vor Snapchat über Bild kommuniziert hat, antwortete sie: „Nur, wenn ich jemandem was zeigen wollte. […] Ich weiß nicht warum das erst jetzt so ist, dass man Bilder von Tätigkeiten macht anstatt es zu schreiben (Sophia V., 2017).“

Erkenntnis

Die Erkenntnis darüber, dass die Bildkommunikation bei Messengern nicht ausschließlich aus dem Grund, dass Visualisierungen aussagekräftig und leicht zu verarbeiten sind, an Popularität enorm zugenommen hat, lässt zu dem Ergebnis kommen, dass ich meine anfängliche These erweitern muss, um eine Theorie aufzustellen, die Hand und Fuß hat. Der Erfolg der Bildkommunikation liegt nämlich nicht nurseiner Praktikabilität und einfachheit der Informationsverarbeitung zugrunde, sondern zusätzlich auch durch eine viel höhere Aufmerksamkeit und Bereitschaft der Interaktion der Nutzer. In Kombination mit einer Plattform, auf der Bildkommunikation reibungslos, ansehnlich und bequem praktizierbar ist, gewinnt diese Art der Kommunikation massiv an Beliebtheit und entwickelt sich zu einer neuen, viel benutzten Ebene der Chat-Kommunikation.

Abb. 2

Dass eine gut gestaltete Plattform bereits vorhandene Attribute einer Kommunikationsart kombiniert und dadurch diese Kommunikationsart derart populär wird, bringt Vorfreude auf zukünftige Ereignisse, die möglicherweise andere Kommunikationsarten ebenso zur Popularität verhelfen. Zu beobachten und zu forschen, inwiefern sich neue kommunikative Ebenen in Zukunft auf die Gesellschaft auswirken und neue Marketinginstrumente sich darauf basierend entwickeln, ist der Traum eines jeden Kommunikationswissenschaftlers. Die Kommunikation befindet sich in einem ständigen Wandel.

Quellenverzeichnis

“Das Erste Smartphone War Ein Nokia.” Accessed May 14, 2017. http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/10-jahre-iphone-das-erste-smartphone-war-ein-nokia/19221898.html.

“Ein Bild Sagt Mehr Als Tausend Worte. — Ostasieninstitut.” Accessed May 14, 2017. http://www.oai.de/de/45-publikationen/sprichwort/811-ein-bild-sagt-mehr-als-tausend-worte.html.

“SMS-Ersatz: Die Mysteriöse Story von Whatsapp | FTD.de,” April 27, 2012. https://web.archive.org/web/20120427072530/http://www.ftd.de/it-medien/it-telekommunikation/:sms-ersatz-die-mysterioese-story-von-whatsapp/70027568.html.

Esch, Prof Dr Franz-Rudolf, and Manuela Michel. “Visuelle Reize in der Kommunikation.” In Handbuch Kommunikation, edited by Prof Dr Manfred Bruhn, Prof Dr Franz-Rudolf Esch, and Prof Dr Tobias Langner, 713–34. Gabler, 2009. doi:10.1007/978–3–8349–8078–6_34.

Fischer, Kurt. Bildkommunikation: Bedeutung, Technik und Nutzung eines neuen Informationsmediums. Springer-Verlag, 2013.

Jongmanns, Georg. Bildkommunikation: Ansichten der Systemtheorie. transcript Verlag, 2015.

Nohl, Arnd-Michael. “Einleitung.” In Interview und dokumentarische Methode, 7–17. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009. doi:10.1007/978–3–531–91539–5_1.

Straßner, Erich. Text-Bild-Kommunikation — Bild-Text-Kommunikation. Walter de Gruyter, 2002.

Abb. 1, Boast Capital. “Kleiner Perkins Caufield Byers (KPCB) Internet Trends — Code Conferen….” Economy & Finance, 17:07:56 UTC. https://www.slideshare.net/Boastcapital/kleiner-perkins-caufield-byers-kpcb-internet-trends-code-conference.

Abb. 2, Eigenkreation.

Giacomo B. (2017, 13. Mai). Persönliches Interview.

Sophia V. (2017, 07. Mai). Persönliches Interview.

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