Die Chebli-Methode: Trollen mit rechts

Quelle: Pelz — Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74455517

Staatssekretärin Sawsan Chebli und andere Linke kämpfen auf Twitter vermeintlich gegen rechte Trolle. Tatsächlich herrscht aber eine unfreiwillige Allianz dieser Kontrahenten: Die häufig unausgegorenen oder absichtsvoll polarisierenden Inhalte bieten Trollen eine willkommene Angriffsfläche. Gleichzeitig geben wütende Rechte Chebli und co. erst die Relevanz, nach der sie streben. Leidtragende sind nicht nur alle, die sich einen differenzierten und problemorientierten Diskurs wünschen, sondern auch und gerade diejenigen, die vermeintlich geschützt werden sollen. Es ist Zeit, mit der Chebli-Methode aufzuräumen.

Kampf gegen rechts oder Trollen mit rechts?

Wikipedia definiert als Troll, „eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielen.“ Das klingt nach einsamen verbitterten Tastaturkämpfern. Die gibt es sicherlich, aber ein viel ernsthafteres Problem ist es, dass Trollen zu einer zentralen Strategie politischer Debatten geworden ist. Gestützt wird dies durch die Logik der sozialen Medien, die vor allem auf eine Maximierung von Interaktion und nicht etwa auf einen differenzierten Austausch von Argumenten ausgelegt sind. Es geht um Klicks, Likes und Follower und nicht um Überzeugung politischer Gegner. Diese Logik ist auch zunehmend im Journalismus anzutreffen. Dabei finden sich Trolle auf beiden Seiten des politischen Spektrums, denn sie sind aufeinander angewiesen: Sie geben sich gegenseitig die Aufmerksamkeit, nach der sie beide gieren. Das offenbart sich besonders deutlich im „Kampf gegen rechts“ der deutschen Twittersphäre, der eigentlich eher ein Trollen mit Rechts ist, wie ich zeigen werde.

Galionsfigur Sawsan Chebli

Eine Galionsfigur dieser Szene ist Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, SPD-Mitglied und frühere stellvertretende Sprecherin des Außenamtes. Von den einen wird sie als Musterbeispiel gelungener Integration gefeiert, andere schmähen sie für verharmlosende Aussagen über die Scharia oder das als Dekadenz gewertete Tragen einer Rolex. Besondere Aufmerksamkeit bekam Chebli für einen Tweet im Kontext der Ausschreitungen von Chemnitz, in dem sie zu mehr Radikalität im Umgang mit Rechten aufrief.

Gelöschter Tweet von Sawsan Chebli

Später löschte und relativierte sie diesen Tweet. Ein Muster lässt sich aber weiterhin in ihren Tweets beobachten: Ein Großteil ihrer Inhalte richtet sich gegen rechts, meistens gegen die AfD und ihre Anhänger. Dabei wirft man ihr so häufig Polarisierung vor, dass sie diese Kritik bereits deutlich vernommen hat, wie ein Tweet impliziert. Darin zitiert sie aus einem Spiegel-Artikel und stellt eine Frage an ihr Publikum:

„Durchschnittlich vier Übergriffe pro Tag auf Geflüchtete im ersten Halbjahr 2018. 2017 registrierten die Behörden 312 Straftaten gegen Asylunterkünfte.“ Polarisiere ich, wenn ich das twittere?
Polarisierender Tweet?

Frau Chebli glaubt nun offenbar, dass sie mit diesem und ähnlich gelagerten Tweets lediglich vermeintlich klare und wichtige Sachverhalte wiedergibt, beziehungsweise „ein Zeichen setzt“. Ähnlich verhält es sich mit dem anlässlich eines Tweets von ZDF-Journalistin Nicole Diekmann viral gewordenem Hashtag #NazisRaus, das auch von Sawsan Chebli verschiedentlich zur Anwendung kam.

Was sollte nun polarisierend daran sein, sich gegen Nazis und ihre Untaten zu stellen? Wenn man hier spaltet, dann doch wohl zwischen Nazis und Demokraten, oder etwa nicht? Die Nazis, die anlässlich solcher Tweets regelmäßig und vorhersagbar ans digitale Tageslicht kommen, scheinen die Relevanz und Dringlichkeit solcher Inhalte nur zu unterstreichen. Reden wir nicht darum herum: Es gibt sie, die Unverbesserlichen, die Frau Diekmann wünschen, vergewaltigt zu werden und die bei Übergriffen gegen Flüchtlinge applaudieren. Allerdings wäre es eine eklatante Verzerrung, den kritischen Diskurs anlässlich solcher Tweets auf diesen Teil zu reduzieren. Tatsächlich findet sich genauso regelmäßig eine Vielzahl differenzierter Beiträge, die alles andere als menschenverachtender Natur sind. Nutzer indescribably12 fragte etwa bei Frau Chebli nach:

Können Sie die Daten nachliefern die aus dem Artikel nicht zu ersehen sind? Mich interessiert was die Hintergründe für die Angriffe auf die Geflüchteten und wer die Täter waren. Zu den Straftaten gegen Asylunterkünfte gleiche Frage: Hintergründe und Täter? Vielen Dank!

Eine Antwort von Frau Chebli gab es nicht. Dabei war diese Frage nicht nur höflich und sachlich, sondern auch hochgradig relevant. Widmen wir uns ihr in einem kurzen Exkurs.

Exkurs: Gewalt gegen und durch Zuwanderer

Tatsächlich verkompliziert ein genauerer Blick auf die Daten die von Spiegel Online und Frau Chebli suggerierte Einfachheit. So werden etwa in der Statistik rechts motivierte Angriffe und solche, die sich nicht zuordnen lassen, zusammengefasst (siehe Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2017, S. 56). Weiterhin werden auch einfache Schmierereien dazu gerechnet. Gewaltdelikte werden gesondert erfasst und sind deutlich seltener (2017: 46 Fälle). Rechtsextreme, die diese Angriffe gutheißen, waren aber unterhalb von Frau Cheblis Tweet praktisch nicht zu finden. Die überwiegende Mehrheit setzte sich hingegen für eine Kontextualisierung (vielleicht auch Relativierung) solcher Zahlen ein.

Dies ist eine absolut legitime und angesichts der Faktenlage auch notwendige Forderung. Das zeigt sich insbesondere mit Blick auf den schweren Deliktbereich Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen. 2017 wurden 38 Asylbewerber/Flüchtlinge Opfer dieser Taten, wenn mindestens ein Deutscher beteiligt war (ebd., S. 54). Bei all diesen Taten handelte sich um versuchte Vergehen, denn kein Opfer wurde dabei getötet. Zweifellos ist jede dieser Taten zu verurteilen. Aber es scheint Frau Chebli und ähnlichen Kommentatoren nicht wirklich um das Leid der Opfer zu gehen, denn sonst würden sie eine andere Zahl hervorheben: Im selben Zeitraum wurden 230 Asylbewerber/Flüchtlinge zum Opfer dieses Deliktbereiches, wenn dabei mindestens ein Zuwanderer beteiligt war. 38 Opfer wurden in dieser Konstellation tatsächlich getötet. Um es nochmal deutlich zu machen: 38 Zuwanderer wurden 2017 Todesopfer anderer Zuwanderer, kein einziger starb durch einen Deutschen.

Im selben Zeitraum wurden derweil 112 Deutsche Opfer des Deliktbereichs Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, wenn mindestens ein tatverdächtiger Zuwanderer beteiligt war. 13 Opfer wurden dabei getötet. Diese Zahl ist umso frappierender, wenn man bedenkt, wie gering der Anteil der Zuwanderer an der Gesamtbevölkerung ist. Demnach müsste man eigentlich erwarten, dass wesentlich mehr Asylbewerber/Flüchtlinge Opfer von Deutschen werden als umgekehrt. Das Gegenteil ist der Fall. Was ich hier exemplarisch gezeigt habe, gilt auch für diverse andere Tatbereiche, insbesondere für Sexualdelikte (siehe dazu der oben verlinkte Bericht des BKA).

Keine Hilfe für die Opfer, aber eine Steilvorlage für Rechte

Nein, es müsste nicht polarisierend sein, Angriffe auf Zuwanderer zu problematisieren. Es ist aber polarisierend, Zahlen aus dem Kontext zu reißen um ein vollkommen ideologisch verzerrtes Bild der Lage zu zeichnen. Es ist schlimm genug, wenn sich ein Großteil der Medien an dieser Stimmungsmache beteiligt. Wenn aber eine hochrangige Beamte dies unkritisch wiedergibt, besteht ein ernsthafter Grund zur Sorge. Dabei hilft Frau Chebli nicht mal denjenigen, denen sie zu helfen vorgibt. Denn den statistisch gravierendsten Tatbestand „Zuwanderer als Opfer von Zuwanderern“ beachtet sie gar nicht erst. Dass sie die ebenfalls statistisch wesentlich signifikantere Konstellation „Deutsche als Opfer von Zuwanderern“ unterschlägt, ist derweil eine Steilvorlage für Rechte, die diese nur zu gerne annehmen. Wenig überraschend schießen dabei einige über das Ziel hinaus und verfallen in Extremismus oder Beschimpfungen — was wiederum von Frau Chebli und ihren Anhängern als Bestätigung ihrer Weltsicht verwendet wird. So funktioniert die zirkuläre Chebli-Methode: Man trollt rechte Trolle, um Aufmerksamkeit zu bekommen und seine eigene krude Haltung zu legitimieren. Angesichts ihrer offensichtlichen Unfähigkeit (beziehungsweise ihres Unwillens), gravierende Probleme in ihrem Tätigkeitsbereich wahrzunehmen und zu thematisieren, hat sie diese Ablenkung offenbar nötig.

Immer auf die Deppen

Dabei ist Sawsan Cheblis Tweet kein Einzelfall, sondern symptomatisch — sowohl für ihr eigenes Verhalten, als auch für weite Teile der Linken in ihrem „Kampf gegen rechts“. Ich könnte diverse Einzelpersonen aufführen, etwa Nasir Ahmad, Flüchtling und Publizist, der die Chebli-Methode in Reinform beherrscht. Man könnte sogar sagen, er perfektioniert sie, da er sich nicht dafür zu schade ist, den bedeutungslosesten Twitter-Nutzern durch Retweets Relevanz zu schenken:

Retweet eines Twitter-Nutzers mit 4 Followern durch Nasir Ahmad

Gleichzeitig ignoriert Nasir fundierte Kritik so gut es nur geht (ich habe wiederholt erfolglos versucht, mit Nasir in Diskussion zu treten. Zwar hatte ich ebenfalls die zweifelhafte Ehre eines Retweets, eine Diskussion kam dennoch nicht zustande).

Weiterhin gibt es diverse Gruppen bzw. Kanäle, die auf die einfachsten Gegner zielen, die man sich vorstellen kann: Rechtsradikale mit schlechter Bildung. Dazu gehören etwa die Perlen aus Freital, die Volksverpetzer, Hass hilft und die Hooligans gegen Satzbau. Letztere scheinen dabei besonders erfolgreich zu sein: Ihre Facebook-Gruppe verzeichnet über 162.000 Follower, sie verfügen über einen Online-Shop mit Fanartikeln und bekamen 2016 den Smart Hero Award, welcher von Facebook, der Stiftung Digitale Chancen und der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ausgelobt wurde (darauf verweisen sie auf ihrer Webseite, obgleich sie diesen Preis heftig kritisierten).

Hip gegen rechts: Shopartikel der „Hooligans gegen Satzbau“
 Quelle: Aalfons [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Ich möchte nicht abstreiten, dass diese Initiativen einen gewissen Unterhaltungsfaktor haben. Während bei Doku-Soaps wie „Frauentausch“ bei vielen Mitbürgern ein Schamgefühl angesichts der Unterhaltung auf Kosten geistig und finanziell Zurückgebliebener aufkommt, kann man hier herzlich lachen, denn es sind ja Nazis! Immerhin verzichten die „Hooligans“ seit Jahresbeginn darauf, die Denunzierten mit Klarnamen bloßzustellen.

Verlierer der Chebli-Methode sind die Verletzlichsten

Ob man nun über rechte Dumpfbacken lachen möchte oder nicht, im Kampf gegen rechts taugen diese Initiativen herzlich wenig. Es scheint mir jedenfalls unwahrscheinlich, dass sich Nazis bekehren lassen, indem die (vermeintliche) Bildungselite sich über ihre mangelhaften Sprachkenntnisse lustig macht. Genauso wenig wird die Chebli-Methode Erfolge bringen. Denn man erreicht mit diesen Strategien immer nur die, die ohnehin bereits überzeugt sind. Leidtragende sind dagegen vor allem diejenigen, die auf den Schutz von links dringend angewiesen wären. Das sind in erster Linie die Minderheiten in der Minderheit, etwa Atheisten, Andersgläubige und Homosexuelle unter den Zuwanderern. Die Säkulare Flüchtlingshilfe hat hierzu einige Berichte parat. Diese Gruppen sind sowohl den Angriffen von rechts als auch den Anfeindungen ihrer eigenen Communities ausgesetzt. Thematisieren sie dies allzu laut, wie etwa der schwule ex-Moslem Ali Utlu, müssen sie sich zudem auch noch auf Angriffe von links einstellen.

Aber letztlich werden sowohl Flüchtlinge als auch ihre Gastgeberländer insgesamt im Stich gelassen, wenn man Gewalt und Kriminalität durch Migranten ignoriert und tabuisiert. Von der Chebli-Methode profitieren nur zwei Gruppen: Frau Chebli und ihre Anhänger und die Rechten, die durch sie permanent mit Steilvorlagen versorgt werden. Das ist kein Kampf gegen rechts, sondern ein Trollen mit rechts.