Kreativität und Elternschaft

Photo: Danielle MacInnes
“Ich habe viele kreative Projekte gesehen, die zu einer Totgeburt führten, weil die Schaffenden an sich selbst zweifelten.” – Moby

Während ihrer Tournee zum Anlass der Veröffentlichung ihres Buches Big Magic sprach Elizabeth Gilbert angehende Autoren an und sagte: “Dein Buch ist nicht dein Baby!” Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, nahm sie ihr Buch und ließ es auf den Boden fallen.

Nachdem ich mir die Szene mehrmals angesehen hatte, wollte ich zu ihr gehen und sagen, ‘aber Liz, kreative Menschen haben oft das GEFÜHL als ob ihre Arbeit ihr Baby ist!’

Als wir ein Webatelier hatten, wollte ich die ‘Kunstwerke’, die bei uns im Atelier gewebt wurden, photographisch dokumentieren. Die meisten Weberinnen und Weber hatten dagegen nichts einzuwenden.

Eines Tages kam eine Frau zu uns. Weben war für sie ein lebenslanger Traum. Jenny (Name hier geändert) war ganz verzückt von dem Webstuhl, den schönen Garnen, der inspirierenden Farbpalette… ihr Traum hatte sich erfüllt.

Als ihr erstes Stück fertig war, fragte ich Jenny, ob ich ein Photo davon machen dürfte. Sie gab mir den gewebten Stoff und brach daraufhin ganz plötzlich in Tränen aus.

“Es fühlt sich an, als hättest du mir mein Baby weggenommen!” schluchzte sie.

Schnell gab ich ihr den Stoff wieder zurück. Überraschenderweise ließ sich Jenny gern zusammen mit ihrem ‘gewebten Baby’ photographieren.

Zwischen uns und unserem kreativen Schaffen besteht eine intime Bindung. Sie ist der Verbindung zu einem eigenen Kind erstaunlich ähnlich. Das Konzept ist sogar mit unserer Sprache verwoben:

Marianne Williamson hat einmal gesagt, sie sei nicht ‘schwanger mit einem Buch.’

Kreative Ideen kommen zu uns in einem Akt der Empfängnis.

Wenn der Samen einer Idee in die Gebärmutter einer fruchtbaren Phantasie fällt, begegnet er darin womöglich einer Eizelle von kreativem Potential. Eine Zelle von befruchtetem Potenzial kann sich zu einer embryonischen kreativen Idee, entwickeln, und dies kann — nach einer Entwicklungsphase der emotionalen Pflege und Ernährung — zur Geburt eines kreativen Projektes führen.

Im Frühstadium sind alle kreativen Projekte in der Säuglingsphase. Viele kreative Menschen haben für ihre kreativen Projekte gern einen besonderen Raum. Dies liegt zum Teil daran, dass diese ‘Säuglinge’ hochempfindlich auf Fremde reagieren können, und zum anderen weil sie viel Unordnung stiften können — ganz ähnlich wie kleine Kinder.

Dies erklärt den Umstand warum ‘Eltern eines kreativen Projektes’ immer wieder in ihrem Spielzimmer verschwinden, denn sie müssen sich um eines dieser Babies kümmern.

Ohne die liebevolle Zuwendung eines ‘Elternteils’, kann ein kreatives Projekt nicht gedeihen. Es kommt entweder zu einer Totgeburt, oder es verliert seinen Lebensfunken. In einer Rede über ‘Kreativität und die Freiheit zu versagen’ sagt der amerikanische Musiker Moby: die häufigsten Todesursachen von kreativen Projekten sind Selbstzweifel und Geringschätzigkeit gegenüber der eigenen kreativen Arbeit.

(… Stell dir vor wenn wir gegenüber einem wirklichen Baby so kritisch wären…)

Ein kreatives Projekt wird leicht verworfen, wenn wir intuitiv sein Potential kennen, ohne zu begreifen, wie viel Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit es braucht, um heranzureifen. Dies ist höchst wahrscheinlich der Grund, aus dem wir enttäuscht sind und unser Projekt voreilig ablehnen.

Wir sind auf unsere kreativen Projekte ebenso sehr angewiesen wie sie auf uns. Sie bringen Freude in unser Leben. Sie lassen uns in Liebe und Leidenschaft aufleuchten. Sie beflügeln unseren Geist und halten uns im Herzen jung.

Kreative Fruchtbarkeit ist nicht auf das Schreiben von Büchern oder das Erschaffen von Kunstwerken beschränkt. Jede Art des eigenen Ausdrucks, der aus einer gesunden Quelle stammt, alles was dir das Gefühl gibt lebendig zu sein und dich bei klarem Verstand hält, erfüllt denselben Zweck.

Im Verlauf ihrer Entwicklung durchlaufen kreative Projekte mehrere natürliche Phasen. Im Frühstadium sind sie oft nicht besonders kooperativ. Sie können sich wie ein starrsinniges Kleinkind verhalten. Das ist ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass sie einen starken Willen haben. Sie wissen, wo sie mit ihrer unbändigen Energie hin wollen — auch wenn es ihnen noch nicht recht gelingt, ihre Absicht klar verständlich zu machen.

Dieselbe jugendliche schöpferische Energie ist der Anlass dafür, dass sich kreative Projekte rebellisch verhalten, wenn sie in die Pubertät kommen. Wenn du nachts nicht schlafen kannst, weil du dir Sorgen machst, ob aus diesem ‘Sprössling’ jemals etwas wird…, das ist normal.

Manche kreative Projekte schaffen es nie, das Elternhaus zu verlassen und stopfen uns den Dachboden voll … (dies könnte wieder mit Selbstzweifeln und Geringschätzung gegenüber dem eigenen kreativen Potential zusammenhängen).

Letztendlich muss ich Liz Gilbert doch zustimmen. Wenn ein kreatives Projekt soweit ist, dass es das Elternhaus verlassen und auf eigenen Beinen stehen soll — damit du auf dein schöpferisches Werk stolz sein kannst — dann ist es mit Sicherheit kein Baby mehr.

Erstveröffentlichung dieses Artikels auf selfknowledgemanagement.org

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