Industrialized creativity - A postmortem on software engineering industry
Prabhu PS
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Spieglein Spieglein

Photo: Drew Patrick Miller

was uns die Symbolik von Schneewittchen lehren kann, und wie die Suche nach Anerkennung von außen ein kreatives Koma auslöst

Märchen sind eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration — nicht die Disney-Versionen, sondern die rohen und manchmal grausamen Erzählungen, in denen der Hauptdarsteller von einem anscheinend ungerechten Schicksal ereilt wird.

Die junge schöne Prinzessin wird von einer schlimmen Stiefkönigin verraten; oder eine böse Hexe belegt den unschuldigen Prinzen mit einem Fluch. Der Bann lässt sich nur durch wahre Liebe brechen.

Diese zeitlosen Geschichten sind so beliebt, weil wir sie nachvollziehen können. Wir können uns mit der jungen unschuldigen Prinzessin identifizieren, die sich von einem Mitglied der eigenen Familie verraten fühlt, oder mit dem unglücklichen Prinzen, wenn man in eine hoffnungslose Situation geraten ist, und einem das ganze Leben wie verhext vorkommt.

Wir neigen dazu, uns mit dem Opfer zu identifizieren und hoffen darauf, dass unser Prinz oder Prinzessin kommt und den Bann für uns auflöst. Doch im wirklichen Leben passiert dies selten. Das liegt nicht daran, dass Märchenerzähler notorische Lügner waren.

Der Grund, aus dem das wahre Leben nicht das Märchen ist, das wir gern erleben würden, liegt darin, dass wir nicht die vollständige Geschichte erfassen. Wenn wir nur die Partie des Opfers herauspicken und den Rest verwerfen, dann ist es kein Wunder, dass wir am Ende diese Rolle spielen.

Die Macht der Märchen liegt in ihrer Symbolik. Die Geschichte von Schneewittchen, zum Beispiel, entfaltet sich um die Thematik von Schönheit, Selbstwert und Anerkennung.

Das Schlüsselsymbol, der Spiegel der Königin, steht für Reflexion, Eitelkeit und Selbsterkenntnis. In diesem Zusammenhang repräsentiert er außerdem die Suche nach Bestätigung von außen.

Der Spiegel ist das magische Werkzeug der Königin. Mit ihm misst sie den Grad ihrer Schönheit, und das Urteil des Spiegels bestimmt ihr Leben.

Wir identifizieren uns gern mit Schneewittchens Unschuld und Schönheit, doch die Eitelkeit der Königin ist höchstwahrscheinlich ein Zug, den wir ebenfalls in uns selbst erkennen können.

Das Wort ‘Schönheit’ ist gegen jedes beliebige wünschenswerte Ziel austauschbar:
 Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Erfolgreichste, Beliebteste, Friedlichste, Geduldigste, Klügste, Schnellste, Reichste, ……………………… (das passende Wort einfügen) im ganzen Land?

Wir haben alle das Bedürfnis, von anderen anerkannt zu werden uns suchen instinktiv nach Bestätigung von außen. Dies ist die Rolle der Königin in unserer Innenwelt.

Und was macht diese böse Frau?

Sie verkleidet sich als alte Vettel, spürt Schneewittchen auf und versucht sie zu töten.

Beim ersten Mal bindet sie ihr einen Gürtel um die Taille und schnürt ihn so fest, dass es der Prinzessin den Atem verschlägt und sie ohnmächtig umfällt.

Beim zweiten Mal steckt die böse Hexe einen vergifteten Kamm in ihr Haar, die Prinzessin verliert die Besinnung uns stürzt zu Boden.

Beim dritten Mal gibt sie ihr einen vergifteten Apfel, Schneewittchen beißt hinein und verfällt in ein tiefes Koma.

Unser Bedürfnis nach Bestätigung von außen hat eine dreifache Wirkung auf uns:

1. Wirkung — Wenn wir uns selbst am Urteil von anderen messen, so schnürt es uns den eigenen Lebensatem ab, der sich nur von innen schöpfen lässt. Es erdrosselt uns und beschneidet unsere Freiheit.

2. Wirkung — Die Suche nach äußerer Bestätigung lähmt unsere Empfindsamkeit für uns selbst. Es trübt unsere Wahrnehmung von unserer eigenen inneren Schönheit.

3. Wirkung — Wenn wir uns auf Anerkennung von außen verlassen, drosseln wir unseren eigenen schöpferischen Ausdruck, und unsere Kreativität verfällt in ein Koma.

Wir sind alle mehr oder weniger empfänglich für die giftigen Eigenschaften der schwarzen Magie der bösen Königin, die in unserer Innenwelt lebt. Auch die Königin ist in ihrem eigenen Drama gefangen. Sie ist Gefangene einer fixierten Definition ihres eigenen Selbstwerts.

Doch nicht alles ist verloren. Irgendwo muss auch noch der innere Prinz sein. (Aus irgendeinem Grund wartet er immer bis ganz am Schluss, bevor er als Retter auftritt …)

Das Erleben von Eifersucht und anderen üblen Machenschaften der inneren Königin signalisiert die Gegenwart der inneren Schönheit, die schlafend in einem gläsernen Sarg liegt. Es ist eine Gelegenheit, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, die innere Schönheit aus ihrem Koma zu erwecken und glücklich bis ans Ende zu leben.

Erstveröffentlichung dieses Artikels auf selfknowledgemanagement.org

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