Entstehung der Sonnensysteme und die Vielzahl der Welteninseln

Im Jahre 1755 erschien die “Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels” des deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804). Darin behauptete er, unser Sonnensystem sei auf natürliche Weise entstanden, als eines unter vielen.
Sterne und ihre Planeten bilden sich nach der Theorie von Kant aus Gas- und Staubwolken, die sich unter dem Einfluss ihrer eigenen Schwerkraft zusammenziehen und verdichten.
Dabei beginnen sie zu rotieren, drehen sich wegen der Erhaltung des Drehimpulses immer immer schneller (wie eine sich drehende Eisläuferin, die ihre Arme anzieht) und werden gleichzeitig im Zentrum immer dichter und wärmer bis sich schließlich ein Stern bildet. Infolge der Eigenrotation formt sich um den Stern herum eine langsam abkühlende Gas- und Staubscheibe, aus der sich durch zufällige Verdichtungsprozesse und unter dem Einfluss der Schwerkraft die Planeten bilden.
Die Theorie von Kant zur Entstehung von Sternen und Planeten kann inzwischen als bestätigt gelten. Bei jungen Sternen wurden immer wieder auch Gas- und Staubscheiben (protoplanetare Scheiben) entdeckt. In einigen gibt es sogar ein oder mehrere Lücken entdeckt, ein deutlicher Hinweis auf bereits fertige Planeten, die alle Materie auf ihrer Umlaufbahn eingesammelt haben.
Ausgehend von den Beobachtungen des englischen Astronomen Thomas Wright (1711–1786), der das am Himmel sichtbare Band der Milchstraße als Querschnitt durch eine riesige rotierende Scheibe von Sternen ansah, welche sich auf Grund der Schwerkraft zusammengefunden hatte, folgerte Kant, daß die zahlreichen runden, elliptischen oder spiralförmigen Nebel, die man damals in immer größerer Anzahl entdeckte, nichts anderes waren als ferne Welteninseln, ähnlich wie die Milchstraße. Die Milchstraße und das Universum waren also nicht dasselbe, sondern es gab viele Welteninseln (Galaxien) in einem Universum, das unendlich viel größer war als zuvor gedacht.
Mit seiner Theorie von den vielen Welteninseln vertrat Kant damals eine Minderheitenmeinung. Die meisten Astronomen hielten die Nebel für Objekte innerhalb der Milchstraße. Man dachte an von nahen Sternen beschienene Gas- und Staubwolken oder an Planetensysteme in ihrer Entstehungsphase (protoplanetare Scheiben). Erst mehr als 150 Jahre später wurden die revolutionäre Welteninseltheorie von Kant durch Beobachtungen bestätigt, als es dem Astronomen Edwin Hubble gelang, den Spiralnebel Andromeda (und später auch andere Galaxien) in Einzelsterne aufzulösen.
Jens Christian Heuer