Digitale Öffentlichkeit im Zeitalter des Überwachungskapitalismus

Julian Jaursch
Nov 7 · 3 min read
Vortrag von Shoshanna Zuboff im November 2019.

Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit — sei es ein erlogener Tweet, eine über verschiedene Facebookprofile vorgetäuschte Massenmeinung oder Propagandavideos auf YouTube von gefälschten Absender:innen — hat in den vergangenen Jahren zu politischen Reaktionen sowohl in Deutschland als auch auf EU-Ebene geführt. Im SNV-Papier Regulatorische Reaktionen auf Desinformation werden diese bisherigen Maßnahmen analysiert und evaluiert. Viele Versuche beziehen sich dabei auf bekannte, analoge Phänome und greifen zurück auf altbewährte Regeln für nicht-digitale Bereiche. Dass dies oftmals unpassend ist, lässt sich theoretisch mit dem Konzept des Überwachsungskapitalismus darlegen.

Die digitale Öffentlichkeit bietet ein völlig neues Umfeld für Desinformation, Hetze und manipulative Stimmungsmache. Nicht einzelne schädliche Inhalte an sich werden zu einem gesellschaftlichen Problem, sondern deren Ausgestaltung und Ausmaß. Nicht Desinformation an sich ist neu, aber das System, in dem sie aufblüht. Dieses System hat Shoshana Zuboff als „Überwachungskapitalismus“ bezeichnet. Die US-amerikanische Philosophin, Wirtschaftswissenschaftlerin und Sozialpsychologin argumentiert, dass ein neues kapitalistisches System in der digitalen Welt entstanden ist, das nach anderen Logiken funktioniert als der Industriekapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie der Industriekapitalismus negative Folgen für die Natur hatte, hat Überwachungskapitalismus negative Folgen für das Menschsein.

Das kommt laut Zuboff daher, dass im Überwachungskapitalismus persönliche menschliche Erfahrung zu einem Rohstoff für Produktion und Verkauf erklärt wird. Menschliche Erfahrung liegt dabei in Form von Daten aus unserem Onlineverhalten vor, sei es aus der Suchanfrage zu einem politischen Thema, der Verkehrsapp für die alltägliche Fortbewegung, dem Sprachassistenten für Einkäufe, dem Videochat mit engen Vertrauten oder der vernetzten Puppe im Kinderzimmer. Ein Teil dieser Daten wird genutzt, um die Dienstleistungen an sich anzubieten. Ein riesiger Teil ist aber auch einfach „Überschuss“, der nicht zur Entwicklung und Verbesserung von Dienstleistungen und Produkten genutzt wird. Sondern, um menschliches Verhalten besser vorhersagen zu können. Damit lässt sich viel Geld verdienen, denn zahlreiche Branchen und Unternehmen sind daran interessiert, menschliches Verhalten — und damit auch Vorlieben und Wünsche — vorhersagen zu können.

Zuboff identifiziert Google und Facebook als die ersten und bis heute stärksten überwachungskapitalistischen Unternehmen. Sie sind es vor allen, die aus dem Überschuss an Verhaltensdaten, die Milliarden Nutzende täglich im Internet als Rohstoff hinterlassen, „Vorhersageprodukte“ erschaffen. Und das geht am besten durch bewusste, zielgerichtete Eingriffe, die Menschen in bestimmte, kommerziell profitable Richtungen drängen. Wenn andere Unternehmen das besser können, werden sie meist einverleibt.

Diese, hier nur sehr verkürzt dargestellte, überwachungskapitalistische Logik, nach der Facebook, Google und viele andere Unternehmen der digitalen Öffentlichkeit funktionieren, ist wichtig für ein Verständnis dieser digitalen Öffentlichkeit. Sie schafft ein anderes Informations- und Nachrichtenumfeld für die politische Willensbildung und den demokratischen Diskurs, als es aus Zeiten der Fernseh- und Printnachrichten bekannt ist. In Zuboffs Worten ist dies „das Beispiellose“. Bezogen auf Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit zeigt sich dieses Beispiellose in vielfältiger Weise:

  • Wie stark überwachungskapitalistische Unternehmen auf die Aufmerksamkeit der Bürger:innen angewiesen sind, um mit Datenrohstoff Geld zu verdienen, ist nicht vergleichbar mit einem privaten Fernsehsender oder einer Boulevardzeitung.
  • Dass ihnen dabei möglichst große Informationsräume für möglichst viele Menschen helfen, die aber gezielt und individuell angesprochen werden können, hat nichts gemein mit dem Ziel einer Zeitung, ihre Reichweite zu erhöhen.
  • Menschen in aller Welt miteinander zu vernetzen und ohne journalistische Redaktion Inhalte bereitstellen zu lassen, ist nicht so, als würde eine Leserzuschrift ungeprüft veröffentlicht.
  • Einer politischen Organisation die Möglichkeit zu geben, an bestimmte Gruppen personalisierte politische Werbebotschaften auszuspielen, hat eine andere Qualität als ein Wahlplakat am Laternenpfahl.

Die digitale Öffentlichkeit wird also von Unternehmen geprägt, für die es keine Entsprechungen in der analogen Welt gibt. Das erklärt auch, warum bisherige Versuche, mit den negativen Auswüchsen der digitalen Öffentlichkeit umzugehen, bruchstückhaft sind. Und warum neue, ganzheitliche Ansätze für die Lösung dieser Probleme nötig sind.

Erste, rudimentäre Lösungsansätze finden sich im SNV-Papier Regulatorische Reaktionen auf Desinformation und werden zukünftig detaillierter ausgearbeitet.


Literatur

  • Shoshana Zuboff. The Age of Surveillance Capitalism: The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power. New York, NY: PublicAffairs 2019.

Für kürzere Zusammenfassungen in Deutsch und Englisch:

Julian Jaursch

Written by

@snv_berlin Projektleiter "Stärkung digitaler Öffentlichkeit" | Project Director "Strengthening the digital public sphere" Formerly @USEUResearch, @DeineDaten

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