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Blick über die Stadt Lüdenscheid
Blick über die Stadt Lüdenscheid
Blick über die Stadt Lüdenscheid

Die Stadt klingt jetzt anders

Jens Schlüter
Mar 23 · 3 min read

Ich wohne am südlichen Stadtrand von Lüdenscheid, einem der höchsten Punkte der Stadt, unmittelbar in Waldnähe. Also in einer Traumlage zwischen der endlosen Natur des Sauerlandes und dem Trubel der sonst üblichen Geschäftigkeit einer 73.000-Einwohner-Stadt. Bei meinen täglichen Hunde-Spaziergängen habe ich einen fantastischen Blick über die Stadt und genieße das seit vielen Jahren — jeden Tag aufs Neue.

Fast noch spannender, als dieser grandiose Ausblick, ist aber das, was man vielleicht als den “Klang der Stadt” bezeichnen könnte. Es ist gerade so, als ob hier alle Geräusche der Stadt zusammenlaufen würden. Genau hier an diesem Punkt. Ein gleichmäßiges, kaum zu definierendes Rauschen als Summe des pulsierenden Lebens. Im Sommer, im Winter, am Morgen, am Abend oder in der Nacht. Es klingt immer wieder ein wenig anders, aber es ist da. Bis jetzt.

In den letzten Tagen hat sich der “Klang der Stadt” deutlich verändert. Zeitweise ist es fast still und man kann sogar einzelne Geräusche wahrnehmen. Das “große Rauschen” fehlt. Es ist einfach weg. Stattdessen hört man plötzlich das Knacken der Äste, wenn sich Tiere im Wald bewegen oder Hämmern eines Spechts irgendwo aus der Ferne und manchmal sogar das Flügelschlagen einer Fledermaus, wenn man in der Dämmerung unterwegs ist. Dinge, die sonst einfach im Rauschen untergingen.

An vermeintlichen Kleinigkeiten wie diesen erkennt man sehr deutlich, wie gründlich ein nur 0,12 µm großes Virus unser Leben gerade umkrempelt. Gefühlt und bildlich gesprochen liegt im Augenblick wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Eigentlich könnte man diese Stille ja genießen, aber offen gesagt freue ich mich schon jetzt auf den Tag, an dem die Stadt wieder richtig lärmt und rauscht. Dann weiß ich “Wir haben es geschafft”.

Genau genommen ist diese Stille ja sogar ein gutes Zeichen, zeigt sie doch deutlich, dass die Menschen verstanden haben und jeder seinen Teil dazu beiträgt, dass wir am Ende vielleicht doch noch mit einem blauen Auge davonkommen.

Nein, natürlich kann man dieser Situation nichts und gar nichts Positives abgewinnen. Es ist ein Albtraum, aus dem wir wahrscheinlich so schnell nicht aufwachen werden. Zumindest nicht heute und auch nicht morgen.

Trotz allem gibt es immer wieder kleine Lichtblicke. So habe ich in den vergangenen Tagen zum Beispiel festgestellt, dass viele Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis plötzlich anfangen nachzudenken. Das wird gerade in Gesprächen, die sich zurzeit leider auf das Telefon oder den Videochat beschränken, sehr deutlich. Werte scheinen sich zu verschieben und der eine oder andere überlegt, was wohl wirklich wichtig ist und ob man den Fokus in seiner “Normalwelt” auf die richtigen Dinge gerichtet hatte. Das geht mir nicht anders. Völlig unerwartet rufen zudem “Freunde” an, die man seit Jahren nicht gesehen oder gesprochen hat. Einfach so.

Diese Reflexion scheint außerhalb solch ungewöhnlicher Ereignisse kaum stattzufinden. Umso besser, dass es jetzt passiert.

Bei allem Schlechten, was uns diese Krise gerade beschert, nehmen wir vielleicht zumindest in diesem Punkt etwas Positives daraus mit.

Jens Schlüter

Written by

Strategist, Autor und Referent zu Themen des digitalen Wandels in der Unternehmenskommunikation. www.emandu.com

Jens Schlüter

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