Mit dem „Schmoeler Hexenstein“ will der Giekauer Bildhauer Jan Koberstein einen Ort der Versöhnung und Einkehr schaffen, um an die im 17. Jahrhundert auf Gut Schmoel (Kreis Plön, Schleswig-Holstein) geführten Hexenprozesse von 1666 und 1686 zu erinnern. Nach fünfjähriger Bauzeit werden die handgefertigten Tonziegel des Denkmals vom 21. bis 25. Juni 2017 im Feldbrand mit offenem Holzfeuer gebrannt. Foto © 2017 Kay-Christian Heine

Die heilende Kraft des Feuers

Der Bildhauer Jan Koberstein schafft mit einem Denkmal für Hexenprozesse einen Ort der Versöhnung und Einkehr

Nur ein paar Steinwürfe von der Ostsee entfernt, auf einem Stück Wiese nahe dem Gut Schmoel im nördlichen Kreis Plön, wird ab Sommerbeginn ein Denkmal an jene Hexenprozesse erinnern, in denen vor 350 Jahren der Reichsgraf und Gutsverwalter Christoph von Rantzau etliche dort lebende Menschen der Hexerei bezichtigte. Nach Verhör, Folter, Prozess und Urteil verbrannten auf Schmoel und Graf Rantzaus anderem Gut Oevelgönne achtzehn Frauen und Männer auf dem Scheiterhaufen. Der damalige Giekauer Pastor Johann Christoph Linekogel erwirkte daraufhin zwar eine Anklage gegen den Grafen wegen Unrechtmäßigkeit der Hexenprozesse. Der aber entzog sich durch Flucht (*). Das Denkmal, der „Schmoeler Hexenstein“, ist ein Entwurf des Giekauer Bildhauers Jan Koberstein. Mit ihm will er am historischen Ort nicht nur an dieses dunkle Kapitel der Geschichte erinnern, sondern den Menschen heute einen Ort zum Nachdenken, sich Versöhnen und der inneren Einkehr schenken.

von Kay-Christian Heine (Fotos & Text)


Viele Menschen sehen die Zeit der Hexenprozesse wohl längst im Lauf der Geschichte verblasst. Jan Koberstein indes bewegen sie als ein, wie er sagt, „durch die Generationen weitergereichten Alptraum“ bis heute. Tief im Geäst seines Stammbaums gab es eine Frau, die Opfer von Hexenverfolgung geworden war. Das ließ Jan Koberstein eine lange, erfahrungsreiche Reise in die eigene Seele unternehmen. Von ihr brachte er vor sieben Jahren den Wunsch mit, einen Ort der Erinnerung für die in den Jahren 1666 und 1686 auf Gut Schmoel geführten Hexenprozesse zu schaffen. Eine wertneutrale Stätte der Erinnerns jenseits von Schuld und Sühne stellte er sich vor, einen „Ort der emotionalen Auseinandersetzung ohne Manifestation des Grauens“, sagte er damals. Möglichst viele Menschen sollten daran mitwirken, ihre Ideen, Gedanken und Fertigkeiten einbringen.

„Hexenprozesse waren Kammerspiel mit vielen Rollen:“ Der Giekauer Bildhauer Jan Koberstein. Foto © Kay-Christian Heine

Mit dem Bau des rund drei Meter hohen, kegelförmig gewölbten „Schmoeler Hexensteins“ hat sich der Bildhauer diesen Wunsch nach fünf Jahren Bauzeit nun erfüllt. Zu Sommerbeginn soll das skulpturale Objekt seine Vollendung finden — gebrannt im Feuer und mit einem mehrtägigen Fest.

Als ein „Kammerspiel mit vielen Rollen“ beschreibt Jan Koberstein die Ereignisse, die „nicht etwa im finsteren Mittelalter, sondern zu Beginn der Aufklärung“ zu den Schmoeler Hexenverbrennungen geführt haben. Ausgrenzung, Denunziation, Verfolgung, wirtschaftliche Interessen, Machtgelüste, Geschlechterungerechtigkeit mögen seinerzeit wichtige Rollen darin gespielt haben, denkt er. Sicher weiß Koberstein: „Der Historiker Rolf Schulte verwendet den Begriff von den drei A‘s; demnach waren Opfer von Hexenprozessen oft arme, alleinstehende und alte Menschen“. Und: „Vor allem Frauen mit besonderen Fähigkeiten und Ansichten sind grausam gehindert worden, zu leben und sich frei zu entfalten.“

„Was muss passieren, bis jemand auf dem Scheiterhaufen brennt? Hätten Hexen heute einen sicheren Platz in unserer Mitte?“

Auch heute noch würden viele Menschen auf ganz unterschiedliche, bisweilen hintergründige Art unterdrückt, erniedrigt und verfolgt, meint der Bildhauer und stellt einen bedrückenden Zusammenhang zum Heute her: „Was muss passieren, bis jemand auf dem Scheiterhaufen brennt? Hätten Hexen heute einen sicheren Platz in unserer Mitte?“ Dieser Gegenwartsnähe wegen gehe es ihm mit dem Denkmal eben nicht um Schuld und Sühne, sagt Jan Koberstein. Der „Hexenstein“ solle vielmehr „ein Ort der Besinnung und der Begegnung von Menschen“ werden, der „Begegnung mit dem eigenen Innern“ und „ein Ort der Aussöhnung und Entschuldigung, wenn der Wunsch danach besteht.“

Hell lodern die Flammen des Feldbrands am Abend des 24. Juni aus dem „Hexenstein“ bei Gut Schmoel. Foto Kay-Christian Heine

Über allem stehe als klammerndes Bild die Verwandlung durch das Feuer: „So, wie es damals Asche, Ruß und Zerstörung von Leben mit sich brachte, soll es heute beim abschließenden Ziegelbrand die Gedanken der am Projekt beteiligten Menschen, deren Erlebnisse und Geschichten symbolisch zusammenschweißen und Gutes bringen.“

Gutes habe der „Schmoeler Hexenstein“ schon jetzt gebracht: „Das Projekt hat Menschen zusammengeführt, die sonst wohl nie zusammengekommen wären“, denkt Jan Koberstein und nimmt sich selbst, verschmitzt lächelnd, davon nicht aus. Dass ihm die Beteiligung anderer Menschen am Entstehungsprozess des Denkmals ganz wichtig sein würde, war ihm schon zu Baubeginn vor fünf Jahren klar. Deshalb warb er früh öffentlich für das Projekt, fand etliche Helfer aus vielen Gewerken für die handwerklichen Arbeiten und überzeugte die Gemeindevertretung, die Wiese für das Projekt zu kaufen. „Das Projekt ist für jeden offen“, sagt Koberstein. „Wichtig ist nur, ob die Leute ganz unabhängig von ihren Anschauungen und Beweggründen einen Punkt zum Andocken für sich finden — und sei es das unbestimmte Gefühl, irgendetwas für die Gemeinschaft zu tun.“ Den Satz, „das musst du aber doch so oder so sehen!“, habe er deshalb niemals gesagt und die Frage, ob jemand etwas beisteuern möchte, ganz gleich, ob Gedanke oder Tat, sei immer offen gestellt. „Ich habe als Künstler bei dem Projekt zwar den Hut auf“, sagt Koberstein lachend, „dränge aber niemanden zu einer bestimmten Haltung dem Thema gegenüber und höre jeden mit seinem Beitrag an.“

Zwölf Tonnen Ton haben diese Menschen nach Gut Schmoel gebracht, dort in Handarbeit zu rund 1.200 Ziegeln geformt, für den Sockel einen Teil davon in einer nach altem Verfahren arbeitenden Ringofenziegelei an der Unterelbe brennen lassen, das Gewölbe aufgemauert, Wege und Einfriedungen angelegt, sieben Bäume gepflanzt und schließlich zehn Kubikmeter Brennholz vorbereitet, um im Feldbrand, also an Ort und Stelle, die Ziegel zu härten. Dafür werden die Flammen das Denkmal wohl fünf Tage und Nächte lang einhüllen. Bei 1.200 Grad. Ein dramatisches, an einen brennenden Scheiterhaufen gemahnendes Bild. Das gebe den Ereignissen von damals eine „ebenbürtige Widerspiegelung“, meint Jan Koberstein. Außerdem finde eine erneute Verwandlung durch das Feuer statt: „Danach“, erklärt der Bildhauer den Vorgang, „sind die Ziegel rot, auf ihre endgültige Größe geschrumpft, tragfähig und wasserfest — und die Gedanken der am Bau beteiligten Menschen in ihnen verewigt.“

Auf die Frage, ob er sich über die lange Bauzeit hinweg selbst verändert habe, überlegt Jan Koberstein nicht lang. „Ich vertrete das Projekt jetzt mit breiterer Brust als anfangs, bin insgesamt selbstbewusster und dem Leben gegenüber weniger melancholisch eingestellt“, sagt er. Wichtiger aber sei ihm die Frage, ob er mit dem Projekt das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen künftig positiv wird beeinflussen können.

Und die Kirche? „Der Giekauer Pastor Linekogel hat sich 1686 klar gegen Graf Rantzau positioniert, Kirche hat sich also eingemischt“, sagt Koberstein. Ähnlich klare Botschaften wünsche er sich auch heute von der Kirche. Vor allem dann, wenn es darum gehe, sich zu gesellschaftlichen Mustern und Prägungen zu äußern, die zu Ausgrenzung und Verfolgung führen. „Mahnung und Erinnerung bedeuten noch keine Heilung“, resümiert Jan Koberstein. „Das Denkmal ist aber ein Schritt in diese Richtung und wird im besten Falle eines Tages überflüssig sein.“

(Erstmals erschienen in der „Evangelischen Zeitung“ für Schleswig-Holstein Nr. 24 vom 18. Juni 2017)


Die Feldmark rund um Gut Schmoel soll vor 350 Jahren Schauplatz von Hexenverbrennungen gewesen sein. Orte wie etwa die „Hexenkuhle“ (Foto 1) erinnern noch heute daran. Der „Schmoeler Hexenstein“, aufgebaut aus noch ungebrannten Lehmziegeln, am 12. März 2017 unter seiner Wetterschutzhütte (Fotos 2–5). Rund zehn Kubikmeter Brennholz sind vorbereitet und liegen am 12. März 2017 wettergeschützt neben dem Denkmal, um zu Sommerbeginn seine Ziegel im Feldbrand zu härten.
Verwandlung durch das Feuer: Hell lodern die Flammen des Feldbrands am Abend des 24. Juni aus dem „Hexenstein“ bei Gut Schmoel. Die Grabplatte des ehemaligen Giekauer Pastors Johann Christoph Linekogel (1656–1717) befindet sich heute im Altarraum der St. Johannes-Kirche zu Giekau (Foto 6). Alle Fotos © 2017 Kay-Christian Heine