„Malerei ist meine Art der Meinungsäußerung“: Eberhard Oertel in der sengpiehl | zepfel Galerie. Foto Kay-Christian Heine

Von der Seele gemalte Missstände

Eberhard Oertel in der „sengpiehl | zepfel _projects Galerie“

Die Bilder des Kieler Malers Eberhard Oertel beeindrucken mit räumlicher Grafik, konstruktivistischer Geometrie und lebendiger, mitunter dramatischer Farbigkeit — auch ganz ohne Wissen um das inhaltliche Anliegen des Urhebers. Oertels Botschaft indes rüttelt auf: Er wendet sich in subtilen Andeutungen und feinen stilistischen Brüchen gegen die Gefährdung der Natur, gesellschaftliche Missstände und die aus eigenem Verhalten erwachsenen Bedrohungen der Menschheit. Eine Auswahl Oertels verstörend ästhetischer, meist großformatiger Bilder zeigt die „sengpiehl | zepfel _projects Galerie“ noch bis zum 11. September in ihren Räumen am Holmer Marktplatz im Ostseebad Schönberg/Holstein.

von Kay-Christian Heine (Fotos & Text)


Seit beinahe 60 Jahren stellt der 1937 in Magdeburg geborene Eberhard Oertel aus. Schon deshalb dürfen die von Galerist Wolf Zepfel mit Bedacht für die Ausstellung ausgewählten Bilder, obgleich sie der vergangenen Dekade entstammen, durchweg als Oertels junges Werk gelten. Und trotz des vielleicht anderes vermuten lassenden Titels „Bildzeichen eines gestörten Gleichgewichts“ wirkt die Ausstellung mit großen Formaten, spannender Farbigkeit und strenger Grafik zwar stark, gleichwohl ausgewogen und harmonisch. Zudem bietet Oertel handwerklich und kompositorisch allerfeinste Malerei — was für sich genommen schon einen Besuch der Ausstellung lohnt.

Aber da ist mehr. Da ist Inhalt. Inhalt, der eine Botschaft jenem vermittelt, der vor den Bildern verweilt und sich auf sie einlässt. Das scheint bemerkenswert, denn im modernen Kunstbetrieb scheuten Künstler wenigstens hierzulande häufig die Botschaft, bemerkte „art“-Chefredakteur Tim Sommer in der Juli-Ausgabe 2013 des Magazins. Denn was als Kunst von vornherein zu deutlich sei, erscheine dem Publikum naiv, sorgten sich die Künstler.

Dabei, das zeigt Oertel, muss sich eine künstlerische Botschaft keineswegs in den Vordergrund drängen, um anzukommen — was auch gar nicht in seinem Sinne sei, versichert er. Zwar befasse er sich in seinen Bildern mit der Gefährdung von Natur und Menschen und greife dabei auch aktuelle Themen auf wie etwa die Entsorgung von Weltkriegsmunition in der Ostsee („In den Netzen“), aber — darauf legt Oertel wert — „weder moralisierend noch mit erhobenem Zeigefinger“. Die subtilen grafischen Brüche und feinen kompositorischen Ungleichgewichte in seinen Bildern sollen die Betrachtenden nicht etwa provozieren, sondern möglichst Denkanstöße liefern.

„Habe viel von meinen Schülern gelernt“

„Ab 1968 habe ich viel von meinen Schülern gelernt“, sagt der frühere Gymnasiallehrer Eberhard Oertel. In langen Gesprächen habe er von ihnen „viele in ihrem Wahrheitsgehalt unangenehme Antworten“ auf damals brennende gesellschaftliche und politische Fragen bekommen. Ob die zweifelhafte Entsorgung von Atommüll („Asse“, „3 Kreuze für Gorleben“), die Folter von Gefangenen im irakischen US-Militärgefängnis Abu Ghraib („Zelle mit roter Leine“) oder andere bewegende Themen: Solche „Wahrheiten“ verarbeitet Eberhard Oertel noch heute in seinen Bildern — für den, der sehen will, in klarer, scharfer und augenöffnender Bildsprache.


Die Ausstellung „Bildzeichen eines gestörten Gleichgewichts“ mit Malerei von Eberhard Oertel ist in der „sengpiehl | zepfel _projects Galerie“ (Kapellenweg 37, 24217 Schönberg-Holm, Ladenzeile am Holmer Marktplatz) noch bis zum 11. September 2016 zu sehen. Öffnungszeiten sonnabends und dienstags 15 bis 18, sonntags 15 bis 21 Uhr sowie nach Vereinbarung. Infos telefonisch unter 0171–1546997 oder im Netz auf rositasengpiehl.de.

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