Plattes Land muss kulturell nicht flach sein: Die sengpiehl | zepfel _projects — Galerie“im Ostseebad Schönberg rund 30 Kilometer nordöstlich von Kiel. Foto © 2015 Kay-Christian Heine

Neuer Raum für aktuelle Kunst

Kultur auf dem Land: Rosita Sengpiehl und Wolf Zepfel sprechen über ihre Galerie in Schönberg-Holm

Als „a.r.s.+gallery/Galerie am Südfriedhof“ und zuvor mit der „Galerie am Seefischmarkt“ waren die bildende Künstlerin Rosita Sengpiehl und der Kunstmittler Wolf Zepfel über vier Jahre wichtiger Bestandteil der Kieler Kultur-Szene. Nach ihrem Umzug ins Ostseebad Schönberg kurz nach Ostern wollten Sengpiehl und Zepfel das bleiben, was sie schon in Kiel waren: ein unabhängiger Kunst- und Aktionsraum für die Kultur- und — mit dem Aufbau einer eigenen Kunstsammlung — vor allem Künstlerförderung. Als „sengpiehl | zepfel _projects — Galerie“ scheint ihnen das und mehr am neuen Standort am Holmer Marktplatz gelungen zu sein. Nun, zum Ende der ersten Saison auf dem Land, ziehen Rosita Sengpiehl und Wolf Zepfel im Interview eine erste Bilanz und sprechen über weitere Pläne.

von Kay-Christian Heine (Fotos & Text)


Frau Sengpiehl, Herr Zepfel, sie sind gemeinsam vier Jahre lang in Kiel tätig gewesen und in der dortigen Kulturszene gut vernetzt; was hat sie aus der Stadt heraus aufs Land in die Probstei gezogen und welche Erwartungen und Pläne hatten sie im Unterschied zur Stadt an den hiesigen Kulturbetrieb?

Rosita Sengpiehl (RS):Ausschlaggebend war auch die Nähe zur Ostsee, nur wenige Gehminuten vom Strand entfernt, inmitten der einzigartigen Salzwiesenlandschaft — wir beide lieben die Natur und die Kunst gleichermaßen.
Wolf Zepfel (WZ): Dann natürlich die stark verbesserte räumliche und infrastrukturelle Situation: Größere, stilvolle, repräsentative Räumlichkeiten bieten uns hier mehr Möglichkeiten für die Schauen. Schönberg ist außerdem die bedeutendste Tourismusgemeinde im Kreis Plön und zählt inzwischen zu den ersten Kulturadressen. Der Abschied von Kiel war mehr als fällig — auch aus Gründen des dort üblichen Kulturbetriebs.

Haben sich ihre Erwartungen und Pläne erfüllt?

WZ: Ja! Mehr als 1.000 Besucher während unserer vier Ausstellungen und den dazwischen liegenden Breaks hätte man niemals erwarten können.
RS: Und das Publikum war vielschichtig: Touristen wie auch Schönberger, die nun nicht mehr so weit fahren müssen, um qualitätsvolle zeitgenössische Positionen in einem professionellen Rahmen zu erleben, aber auch Besucher beispielsweise aus Kiel, die die Gelegenheit nutzten, sich vor oder nach einem Strandspaziergang aktuelle Kunst anzusehen.

Welche Rolle spielen Galerien wie die ihre heute noch angesichts der vielfältigen Präsentations- und Verkaufsmöglichkeiten für Kunst im Internet? Wie wichtig ist eine ländliche Galerie insbesondere für Künstler aus der Probstei und dem Umland?

Spiel mit der Transparenz: Lichtfänger aus Holz und Glas des wendländischen Künstlers Jürgen F. Schulz. Foto © 2015 Kay-Christian Heine

WZ: Gegenwartskunst im ländlichen Raum ein professionelles Forum zu bieten, ein breites wachsendes Publikum an die vielfältigen und reichen Erfahrungswelten, die Kunst eröffnen kann, heranzuführen und dabei sowohl regionale als auch internationale Künstler zu fördern — das ist unser Anliegen. Ausstellungsmöglichkeiten für ambitionierte, professionelle Künstler sind in der Probstei rar gesät, Hilfen bei ihrer professionellen Vermarktung nicht auffindbar. Außerdem: Internet ist schön und gut, aber Kunst sollte im Wortsinne begriffen werden, bevor ich erwäge, sie zu kaufen — Sehen, Fühlen und Riechen spielen dabei eine große Rolle.
RS: Kunst im Internet fehlt die Lebendigkeit. Sehen sie sich nur die Strukturen in den Holzoberflächen der Objekte von Jürgen F. Schulz hier an (steht auf, geht zu einem der Objekte und streicht darüber) — das ist am Monitor kaum erlebbar. Der Betrachter braucht die reale Begegnung mit dem Werk, um ihm und dem Künstler auf die Spur zu kommen.

Frau Sengpiehl, wie empfinden Sie als Malerin ihre gleichzeitige Tätigkeit als Galeristin und Kuratorin, die in dieser Funktion Künstler, die sich bei Ihnen um eine Ausstellung bewerben, auch einmal ablehnen muss? Was raten sie Künstlern in Sachen Bewerbung?

RS: Voraussetzung einer Bewerbung ist es, sich gut über das Profil einer Galerie zu informieren. Der Künstler muss zu uns passen und das kundtun. Er sollte nicht in einer laufenden Ausstellung mit seinen Unterlagen auftauchen …
WZ: … und damit den Eindruck erwecken, als respektiere er die gerade gezeigte Kunst und die darauf gefallene Wahl des Galeristen nicht.
RS: Qualitativ hochwertige, individuelle, authentische und visionäre Äußerungen und Ausdrucksweisen haben natürlich ihre Chance. Die Entscheidungshoheit hat letztlich Wolf Zepfel.

Welche Rolle spielt der Tourismus für eine Galerie wie die ihre und umgekehrt: Ist die Kultur wichtig für den Tourismus?

WZ: Kultur bestimmt die Qualität einer Region, Kultur ist Element des Tourismus. Das kulturelle Angebot ist ohne Frage ein bedeutender Faktor touristischer Attraktivität einer Region. Kultur spielt also auch bei uns in Schönberg eine nicht zu unterschätzende Rolle. Insofern sollten wir die Ausstellungen hier in Holm sowie etwaige begleitende Schauen als eine überaus erfreuliche Entwicklung für Schönberg ansehen.

Jetzt mal Butter bei die Fische: Wie viel Kunst kaufen die Touristen?

WZ: (lacht) Das können wir nach so kurzer Zeit noch nicht abschließend beantworten. So viel sei gesagt: Für uns und unsere Künstler war es eine erfolgreiche Saison. Und wie gesagt: Wir betreiben als Non-Profit-Initiative vornehmlich Kultur- und Künstlerförderung. Wir geben ausgesuchten Künstlern ein Forum auf Zeit und wollen uns intensiv mit dem hervorstechenden Werk jener Künstler beschäftigen, die wir in unsere eigene Sammlung aufgenommen haben. Ihnen bieten wir ein permanentes Forum auch über die regionalen Grenzen hinaus.

Sie haben im ersten Ausstellungssommer in vier Ausstellungen acht namhafte Künstler gezeigt, haben Ausstellungen in Kooperation mit „Schönberg kulturell“ und dem „Probstei Museum“ konzipiert und daneben mit dem Schönkirchener Skulpturenweg, einer Gruppenausstellung in Preetz und anderen Projekten viel Kulturelles teils weit über die Grenzen der Probstei hinaus bewegt — wollen und können Sie diese Schlagzahl künftig halten?

WZ: Ja! In der kommenden Saison werden wir zwölf neue Projekte ins Rollen bringen, bei denen es uns eine Freude sein wird, wenigstens zehn neue Künstler kennenlernen zu dürfen. Wir entwickeln uns also weiter …
RS: … und möchten auch im übernächsten Jahr mit noch mehr neuen Künstlern zusammenarbeiten, um die Ausstellungen für das Publikum interessant zu halten.
WZ: Wir werden außerdem unseren ersten Galeriekatalog präsentieren — mit 18 Künstlern, viele von ihnen bereits namhaft und auf großen internationalen Kunstausstellungen wie etwa der „NordART“ in Rendsburg zu sehen und in anderen Galerien oder Skulpturenparks präsent, andere dürfen noch als unentdeckte Talente gelten. Der Weg wird uns also weiter bergauf führen.

Wie werden sie vom hiesigen Publikum wahrgenommen? Spricht man über sie auch in der großen Stadt?

WZ: Es gab eigentlich nur Lob von allen Seiten …
RS: … und die Qualität ist überall anerkannt. Da mittlerweile das Publikum von vielen Orten her den Weg zu uns findet, spricht man auch dort über uns.

Was dürfen die Menschen in der kommenden Saison von „sengpiehl | zepfel _ projects“ und der Galerie erwarten?

WZ: Es wird wieder vier Ausstellungen geben — wir starten aber mit der Katalogpräsentation und (lächelt hintergründig) zur Kulturnacht am 15. April kann sich Schönberg auf ein Groß-Event freuen. Auf dem Holmer Marktplatz wird es ganzjährig Skulpturen zu sehen geben, der Skulpturenweg in Schönkirchen wird seine fünfte und bisher umfangreichste Saison erleben, dazu kommen große Ausstellungsprojekte in Nordrein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Frau Sengpiehl, Herr Zepfel, vielen Dank für dieses Gespräch.

Spiel mit der Transparenz: Lichtfänger aus Holz und Glas des wendländischen Künstlers Jürgen F. Schulz. Foto Kay-Christian Heine

Das Interview führte Kay-Christian Heine (Fotos & Text © 2015 all rights reserved)

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