Der Ort, der immer wird

Kultur und Gastlichkeit auf dem Dorf: Der „Lutterbeker“ wird 40

„Dort, wo der Wind weht“, verortet Strupp Marx den „Lutterbeker“. Sie und ihr Mann Wolfgang übernahmen im November 1975 den alten Lutterbeker Dorfkrug, um hier, in diesem kleinen Dorf mitten in der strandnahen Pampa, ihre Idee von Kneipe zu leben. Anfangs gab es noch ein weiteres Paar, das mitmachte; der Wind wehte es bald woanders hin. Geblieben sind Strupp, Wolfgang, der „Lutterbeker“ und ein Lebensweg.

von Kay-Christian Heine (Text & Fotos)


Der „Lutterbeker“ ist ein Ort, der niemals ist, sondern immer wird: Wolfgang Marx hat sich im Laufe der Jahre vom First bis zum Fundament, längs und quer durch das teils 200 Jahre alte Gebäude renoviert, saniert und repariert — und tut dies noch immer. „Wir sind ausbaufähig“, beschrieb Strupp Marx schon früh und mit dem ihr eigenen Humor diesen Zustand. Ulla Plog vermutete 1983 in einem Artikel für die „Brigitte“ weitsichtig: „Mit dem Riesenhaus werden sie wohl nie fertig.“ Nebenbei hat Wolfgang etliche Artefakte aus der Geschichte des alten Dorfkrugs geborgen. Einige sind für den Gast sichtbar, wie etwa der alte Brunnen unter einer Glasscheibe im Fußboden.

immer wieder anders …

Kultur dort, „wo der Wind weht“: der „Lutterbeker“. Foto Kay-Christian Heine

Strupp und Wolfgang Marx haben ihr gelebtes Anderssein und die kühne Idee, ein Kulturzentrum zu schaffen, 40 Jahre lang verfolgt, haben dabei Erfolge gefeiert und Rückschläge erlitten, umgeplant, neu gedacht, verändert, verworfen und erfunden. Was sich heute an kreativer Masse hinter den Fassaden des alten Gebäudes verbirgt, beeindruckt: Der „Lutterbeker“ vereint Kneipe, Küche, Appartements, Laden, Kunstgalerie, Musik, Theater, Ton- und Filmstudio sowie Fotografie.

ein offener ort für alle

Im „Lutterbeker“ wird seit 40 Jahren gelebt, alles hier ist Marx’ scher Pragmatismus und die Formwerdung eines langen Wegs voller Ecken und Kanten. Von Beginn an sollte er für alle sein, für Krawatte und Blaumann, Fahrrad und Porsche, Gummistiefel und Feinstrumpfhose. Das ist die Kneipe bis heute geblieben. Man spricht hier von der „Lutterbeker-Familie“, die manchem so etwas ist wie zweite Heimat, wo sich jeder ausgelassen freuen oder sein übervolles Herz ohne Reue ausschütten darf. Strupp und Wolfgang Marx, Tochter Linn, Mitarbeiter und Freunde — die gehören nämlich auch zur Familie — arbeiten ohne Aufhebens zusammen. Gesche Mumm, Klassefrau und Anker im Sturm, steht seit 36 Jahren hinter dem Tresen, Mathias „Matz“ Wolf gar seit 40.

Mathias „Matz“ Wolf (www.mathias-wolf.de). Foto Kay-Christian Heine

Er ist Künstler und hat den Saal des „Lutterbekers“ Anfang der 80er-Jahre mit 5.000 Metern Garn in ein riesiges Spinnennetz verwandelt. Bis heute stellt er in der „Galerie im Lutterbeker“ regelmäßig aus.

sinnlich wohnen, lecker essen, spannendes entdecken

Wer mit dem Küstenwind hierher segelt, darf für länger festmachen und soll genießen. Die Küche bietet Landgängern Suppen, Salate, Fladen, Gratins, Vollkornpizza, Pasta, Fleisch oder Fischgerichte, lokal oder international gewürzt, quer durch den guten Geschmack. Der „Lutterbeker Laden“ mit seinen Raritäten aus aller Welt und regelmäßige Salonflohmärkte laden zum Stöbern ein. Die phantasievoll, ganz und gar außergewöhnlich und individuell eingerichteten Appartements bieten Heimat auf Zeit, die der Gast nur ungern wieder aufgibt. Zitat: „Wir kommen im Winter, dann müssen wir nicht so oft ’raus.“

kunst in der galerie und auf der bühne

Bis zu drei Veranstaltungen wöchentlich mit Musik, Theater und Kabarett machen den „Lutterbeker“ republikweit zu einer der ersten Adressen in Sachen Kleinkunst. Dirk Bach, Hallucination Company, Georgette Dee, Johnny Melville, Gerburg Jahnke (u.a. „Missfits“), Kay Ray, Funk Connection, Tim Fischer, Arnulf Rating, The Magnets, Bodo Wartke und viele Künstler mehr haben hier ihre Spuren hinterlassen; einige von ihnen, etwa Ina Müller („Queen Bee“), haben sich hier die ersten Sporen vor Publikum verdient. Sie und viele Kollegen fühlen sich dem Haus eng verbunden und kommen hierher, um neue Programme zu erarbeiten, sich zu erden, am Strand Weite zu tanken, unter Freunden zu sein — und um aufzutreten. Dabei gilt ihre Liebe auch dem aus Holz gebauten Saal mit seiner warmen und organischen Akustik.

Der „Lutterbeker“ gilt republikweit als eine der ersten Adressen in Sachen Kleinkunst. Fotos Kay-Christian Heine

Programmgestaltung und Organisation übernimmt seit jeher Strupp Marx, denn: „Sie hat den Überblick“, erkennt der Rest der Familie an. Licht, Ton und Technik im Saal ist Wolfgang Marx’ Gebiet. Videoaufzeichnungen der Veranstaltungen schneidet er im Studio zu Filmen zusammen, unter denen sich mittlerweile rare Zeitdokumente finden. Tochter Linn Marx, mit ihrem Bruder Lasse inmitten des Kulturbetriebs der Eltern aufgewachsen, ist selbst Filmemacherin und Fotografin und hat im „Lutterbeker“ ein Fotostudio für Porträt- und Dokumentarfotografie.

Malerei, Objektkunst, Skulpturen, Installationen oder Experimentelles: Für mehrfach im Jahr wechselnde Ausstellungen holen Linn und Wolfgang bekannte und noch weniger bekannte, aber vielversprechende Künstler in die „Galerie im Lutterbeker“.

„40 jahre — 40 feste“

Dass ihnen vier Jahrzehnte „Lutterbeker“ noch lange nicht genug sind, zeigt die Familie Marx mit den von August bis Januar dauernden Geburtstagswochen. Sie stehen unter dem Motto „40 Jahre — 40 Feste. Lutterbeker gestern, heute, übermorgen“ und machen gespannt auf das, was noch kommen wird. Das Programm ist zu finden auf www.lutterbeker.de.

lutterbeker — der film

Die Fotografin und Filmemacherin Linn Marx hat anlässlich des Geburtstags einen Dokumentarfilm über den „Lutterbeker“ gemacht, der übrigens ihr Elternhaus ist. Premiere ist am 5. November. Um den Film auf DVD zu bringen, hat sie ein Crowdfunding-Projekt gestartet: startnext.com/lutterbeker.


Fotos & Text © 2015 all rights reserved: Kay-Christian Heine

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