Voll gut mit Hirn und Schnauze

Vorpremiere: Thomas Nicolai testete neues Programm URST im „Lutterbeker“

Mit seinem neuen Programm URST beweist der Berliner Parodist Thomas Nicolai einmal mehr die Verlässlichkeit seiner Spürnase für breitenkompatiblen Humor, unterhaltsames Talent bei der Nachahmung bekannter Zeitgenossen und ein Herz für Sachsen. Kürzlich testete er URST im „Lutterbeker“ und machte damit das Vorpremierenpublikum vor lauter Vergnügen atemlos. Nebenbei zeigte er, dass alte Bekannte keineswegs immer älter und langweiliger werden müssen.

von Kay-Christian Heine (Fotos & Text)


Sind sie es oder sind sie es nicht? Gespannte Erwartung lässt die gut vorgewärmte Luft im knackevollen „Lutterbeker“ sprichwörtlich knistern. Auf der Bühne sprechen sich zwei ganz in weiß gekleidete, hinter großen, weiß umrahmten Sonnenbrillen verborgene Musiker gestikulierend und flüsternd miteinander ab. Nun tritt der eine hinters Keyboard, der andere ans Mikrofon. Stille. Dann dröhnen schwere Beats aus den Boxen und Elektrosounds durchflirren den Saal. Der Sänger windet sich und haucht enorm poppige Belanglosigkeiten wie „Tonight everything is all right, tonight, Baby hold me tight“ ins Mikro – eine musikalische Zeitreise zurück in die 90er-Jahre, die das Publikum begeistert mitmacht. „Welcome to my World“ — erster Punkt gemacht.

„Süperrböö, ämäising“: Thomas Nicolai (rechts) und Bühnenpartner Robert Neumann als Elektroduo „Traffic Noir“ aus Belgien. Foto Kay-Christian Heine

Aber ist das wirklich dieses mysteriöse, gerade am Pophimmel erstrahlende Duo „Traffic Noir“ aus Belgien? Kenner sind sich wohl vom ersten Ton an sicher; als sich der gelenkige Frontmann in gebrochenem Französisch mit Etienne Lambertine vorstellt und den Keyboarder an seiner Seite als Zwillingsbruder Serge, wird allen klar: Hier spricht Thomas Nicolai über Bühnenpartner Robert Neumann, der übrigens seit 20 Jahren sein musikalischer Anker ist.

Wow, schön. Doch nun zu URST. Was ist URST überhaupt? URST ist ein Wort aus der DDR-Jugendkultur für supergut oder einfach saugeil, erklärt Nicolai, bevor Robert Neumann den Saal erneut mit Beats flutet. „Steht auf!“, ruft Nicolai cool tänzelnd ins Mikro. „Tanzt, seid urst!“ — „jahhh!“, antwortet ein entflammtes Publikum vielstimmig. Zweiter Punkt, das Eis ist gebrochen.

Stimme und Habitus für Satire und Parodie: Thomas Nicolais Repertoire an komödiantischen Charakteren scheint unerschöpflich. Foto Kay-Christian Heine

So füllt sich Thomas Nicolais Punktekonto beinahe minütlich. Zwar erfindet er sich selbst mit URST nicht neu, aber die alten Bekannten, die er in der Schau zu Wort kommen lässt, sind alles andere als abgenutzt. So tut Dieter aus Kreuzberg mit deftigster Berliner Schnauze seine bescheidene Meinung und haarsträubende Alltagserlebnisse kund und der Schkeuditzer Sachse Patrick Schleifer will seiner Carmen aus der Betriebsküche nach 9½ Jahren endlich den ersten Kuss geben. Besonders glänzt Nicolai, wenn er in zwerchfellstrapaziöser Weise eine Künstler-WG aus Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, Klaus Kinski, Martin Semmelrogge und anderen Promis parodiert. Ob Stimme, Habitus oder Gestik: Nicolai hat dabei den Blick für das Wesentliche. Ein zusätzliches Accessoire wie Hut oder Brille braucht er oft nicht einmal, um das begeisterte Publikum die gemimte Person augenblicklich erkennen zu lassen.

URST ist Hochgeschwindigkeitscomedy der Extraklasse, ganz nah am Publikum und in der Kleinkunstwelt ohne Vorbilder. URST ist dazu ein erfrischend leichter Genuss, mit dem Thomas Nicolai zwar aktuelle gesellschaftliche Fragen nicht ausklammert, seinem Publikum aber keine zu schwer im Magen liegenden Politikhappen zumutet. Wenn er als Chansonnette Madame Giselle von Flüchtlingen als „Schwaben in Berlin“ singt, macht das enorm Spaß und zeigt doch, dass Nicolai und Neumann neben glänzender Unterhaltung und Musikalität eine Menge Hirn im Angebot haben.

Alle Fotos & Text © 2014 all rights reserved: Kay-Christian Heine

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