Der aktuelle Tarif, aber nicht für die Putzfrau

Wir waren heute im Deutschkurs für Flüchtlinge bei den trennbaren Verben. Um möglichst alltagstaugliche Übungen mit meinen Schülern, 20 Syrern, Eritreern, Pakistanern und Bangladeschi machen zu können, führte ich das Wortfeld „Aufräumen, Putzen“ ein. Meine hochmotivierten Schüler wollten dann den Unterschied zwischen „Putzfrau“ und „Hausmädchen“ wissen. Das war schnell erklärt, und wir stellten fest, dass bei „Putzfrau“ bzw. den entsprechenden Begriffen in den vertretenen Sprachen immer mindestens ein leicht pejorativer Unterklang mitschwingt. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, einmal über eine Frage zu sprechen, die mich bereits seit längerem beschäftigt: Wer kann sich eigentlich eine Flucht nach Europa leisten? Nur die Mittelschicht? Oder auch Menschen aus dem “Niedriglohnsektor”? Meine erste Frage an meine Kursteilnehmer war deshalb: „Kann eine Putzfrau die Flucht nach Europa bezahlen?“ Gelächter und Gesten der Abwehr und Verneinung waren die Antwort. Dann kam meine zweite Frage: „Was kosten die Etappen einer Flucht, zum Beispiel von Eritrea über Libyen nach Italien?“ Einer meiner jungen eritreischen Schüler machte mir bereitwillig die Rechnung mit den aktuellen Preisen auf:

  • Von Eritrea bis Karthoum 5000 $
  • Von Karthoum bis Bengasi 1600 $
  • Von Bengasi bis Italien 1700 $
  • Von Italien nach Deutschland 1000 $

Die Syrer bekamen sich vor Erstaunen nicht mehr ein, als sie den Tarif von Eritrea bis Karthoum hörten. Die Eritreer aber lachten sie aus und gaben uns zu verstehen, dass dies der gefährlichste Teil der Flucht war. Und wieso kostete die berüchtigte Strecke von Karthoum nach Bengasi — immerhin fast 3500 km über Wüstenpisten — „nur“ 1600 $? Das konnten uns die Eritreer auch nicht sagen. Der Rest der Flucht, also mit Booten über das Mittelmeer bis nach Italien und dann mit Schleusern weiter nach Deutschland, war für sie, so stellten sie es jedenfalls dar, ohnehin der leichteste Teil der Reise. Seit dieser Unterhaltung sind die Eritreer die Helden des Kurses. Und der einzige Sudanese im Kurs freut sich jetzt, dass er seine Flucht direkt von Karthoum aus starten konnte.

Aber ich blieb bei der Putzfrau. „Kann eine Putzfrau fliehen?“ „Nein“, kam die Antwort lakonisch, „Wenn du reich bist, kannst du fliehen; wenn du arm bist, hast du keine Chance.“

Ich bohrte weiter: „Kann denn eine Putzfrau etwas gegen Omar Al-Bashid oder gegen Bashar al-Assad sagen?“ Augenrollen, ungläubiges Gelächter, Kopfschütteln…….

Wenn du also arm bist im Sudan oder in Syrien, kannst du nicht fliehen. Wenn du aber nicht fliehen kannst, musst du unter allen Umständen den Mund halten. Was lehrt uns das? Politischen Widerstand oder eine Flucht aus wirtschaftlichen Gründen kann sich nur die Mittelschicht leisten. Und die sitzt mit hochmotivierten und sympathischen Vertretern in meinem Kurs. Ach, eine Frage hatte ich noch: „Wenn jetzt die Balkanroute geschlossen wird, kommen dann weniger Flüchtlinge?“ Das war für meine Schüler die lustigste Frage überhaupt in dieser Stunde. Natürlich nicht!