Fail early, fail fast — Leben und Lernen in San Francisco

Hatten wir gerade zwei sichere Jobs in Deutschland für ein Abenteuer in den USA eingetauscht? — Diese Frage stellten mein Mann und ich uns als wir im Herbst 2008 unsere Koffer packten und nach San Francisco zogen. Unser Timing war eher schlecht: die Investment Bank Lehman Brothers meldete im September 2008 Bankrott an und die USA schlitterte in die grösste wirtschaftliche Krise seit dem Platzen der Dot-Com Blase.

Sechseinhalb Jahre und eine wirtschaftliche Erholung (für die wir nicht verantwortlich sind) später, packen wir im Frühjahr 2015 wieder unsere Koffer — diesmal geht es von San Francisco nach Hamburg. Wir kommen allerdings etwas “schwerer” beladen zurück: unsere Tochter, der Hund und unser zweites Kind, dass wir im Juli erwarten, kommen natürlich mit.

Mit im Gepäck sind aber auch viele Erinnerungen an eine spannende Zeit in der sich San Francisco, die USA und wir sehr verändert haben. Mit dem bevorstehenden Umzug nach Deutschland möchte ich darüber nachdenken, welche “lessons learned” ich mit zurücknehme. Was hat mich beeindruckt? Was können Deutsche sich abschauen von den Amerikanern? Wie können wir in einer immer mehr miteinander verbundenen Welt besser zusammen arbeiten und globale Probleme besser lösen?

Lessons Learned: Kultur und Netzwerken

Nach der Wohnungssuche in San Francisco, stand für mich die Jobsuche oben an. Was dabei zählt sind gute Kontakte, ein starkes Netzwerk und namhafte Arbeitgeber oder Universitäten auf dem Lebenslauf. Leider hatte ich zunächst nur eine Handvoll Kontakte in der Bay Area und ein solides berufliches Netzwerk war noch lange nicht in Sicht.

Deshalb entschloss ich mich, zunächst als Freiwillige für Organisationen zu arbeiten, um mein Netzwerk aufzubauen, Berufserfahrung zu sammeln und neue Arbeitsfelder kennenzulernen. Beim World Affairs Council, der Wikimedia Foundation, Room to Read, Women 2.0, und Social Capital Markets, konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln.

Durch meine ehrenamtliche Arbeit konnte ich mich auch mit der West-Coast Mentalität und Arbeitskultur vertraut machen. Drei Ideen stechen dabei besonders hervor:

  • San Francisco zieht Menschen aus aller Welt an und jeder empfindet es als ein grosses Privileg mit so unterschiedlichen Menschen arbeiten zu dürfen: (kulturelle) Unterschiede werden als grosse Bereicherung angesehen. Viele Studien belegen mittlerweile, dass “socially diverse” Teams effektiver, kreativer und innovativer sind.
  • In San Francisco lernt man schnell sehr viele, hilfsbereite Menschen kennen. Nicht schüchtern sein: sag was du brauchst und biete deine Hilfe im Gegenzug an. Amerikaner sind grosse Fans von “giving-back” and “paying-it-forward”. Entrepreneur und Autor Steve Blank beschreibt auf seinem Blog die “Pay-it-Forward” Kultur im Silicon Valley und wie Menschen und letzlich ein gesamtes Ecosystem dadurch schlauer werden.
  • Sei vorbereitet deine “story” zu erzählen: Amerikaner lieben das “Storytelling”. Damit ist nicht gemeint eine Geschichte zu erfinden, sondern sinnvoll darzulegen, wer du bist, was dich bewegt. “Tell your own story before others tell it for you” ist ein sehr guter Artikel, der deutlich macht, warum es wichtig ist seine eigene Geschichte erzählen zu können.

Lessons Learned: Gründen in der Bay Area

Durch meine ehrenamtliche Arbeit beim World Affairs Council, habe ich eine Gruppe junger Menschen kennengelernt, die, wie ich, ebenfalls an International Development (Entwicklungshilfe) interessiert ist. Gemeinsam haben wir eine Non-Profit Organisation gegründet, die Menschen ermöglicht sich ehrenamtlich für “local leaders” in Entwicklungsländern zu engagieren.

Auch wenn es nicht immer einfach war mit vier (am Anfang sogar sechs) Mitgründern Entscheidungen zu treffen, haben Do Good Lab’s Freiwillige etwa 60,000 Euro in Spenden gesammelt und lokale Entwicklungsprojekte u.a. in Uganda, Kenya und Indien finanziert.

Die Bay Area und das Silicon Valley sind bekannt für ihren Gründergeist. Das meiste Geld und Interesse bekommen Tech Start-ups, aber der soziale Sektor steht in Sachen Innovationsfreude den technischen Unternehmen in nichts nach. Sehr oft sogar findet man spannende Kollaborationen und es herrscht eine grosse Offenheit voneinander zu lernen.

  • Auch wenn es von aussen oft nicht so aussieht: die meisten Menschen, die ich im Sillicon Valley kennengelernt habe, sind vielmehr an “purpose” interessiert als an “profit”. Idealerweise lassen sich “purpose” and “profit” verbinden. Begriffe aus der “corporate world” hört man zunehmend auch im sozialen Bereich: Spenden sind Investitionen und man achtet auf den “Return on Investment”. Investoren wollen Erfolgsmetriken sehen und genau wissen, wem ihr Geld hilft. Traditionelle Spendenaktionen werden vermischt mit neuen Ideen: “Buy one — Give One” Modelle, Mikrokredite und Online-Spenden Plattformen verändern wie wir Geld geben und als Spender annehmen/verwenden.
  • Auch die rechtliche Struktur von Non-Profit Organisationen hat begonnen sich zu verändern: das klassiche Modell einer For-Profit oder Not-for-Profit Organisation verschwimmt und es gibt sogenannte hybride Organisationsformen, die “purpose” und “impact” in den Vordergrund stellen, aber der Organisation andere Finanzierungsmöglichkeiten erlauben. Dieser Artikel über die Non-profit/Social Enterprise Embrace, die Baby Inkubatoren für Entwicklungsländer herstellt, zeigt wie schwierig der Weg dorthin sein kann und was die Vor- und Nachteile der jeweiligen Organisationsform sind.
  • Besonders die grosse Kreativität der Menschen in der Bay Area hat mich immer wieder beeindruckt: keine Idee ist zu verrückt, dass sie nicht Unterstützer und Investoren findet. Natürlich setzt sich nicht jede Idee durch, aber manche schaffen es z.T. ganze Arbeitsfelder und Industrien zu revolutionieren: Crowdfunding Plattformen wie Indiegogo und Kickstarter bieten kleinen Unternehmen, Künstlern und Autoren eine Möglichkeit Geld für ihr Projekt oder Produkt zu sammeln. Wer sich weiterbilden möchte, muss das Haus nicht mehr verlassen, sondern meldet sich bei Skillshare, Udemy oder Coursera an. Ein eigenes Auto braucht man in der Bay Area auch nicht, wenn man sich ein Uber oder Lyft Taxi nehmen kann, oder bei Zipcar schnell ein Auto mieten kann. Ein schönes Urlaubszimmer und wenn es sein darf gleich ein ganzes Haus, kann man auf Airbnb mieten.

Viele dieser Modelle sind zwar nicht im Sillicon Valley erfunden worden (die Gründerin von Zipcar bekam die Idee in Berlin, wo es das Konzept des schon länger gibt), aber es sind doch oft Organisationen und Firmen aus Kalifornien, die es schaffen eine Idee massentauglich und erfolgreich zu machen.

Lessons Learned: Big Data und Design

Neben der Berufserfahrung fehlte mir auch der amerikanische Studienabschluss auf meinem Lebenslauf. Ich habe lange überlegt, ob ein zweites Studium sinnvoll ist und ob die hohen Studiengebühren es Wert sind. Während meiner Recherche fand ich eine Reihe von Studiengänge, die die nötigen Fähigkeiten vermitteln in Organisationen zu arbeiten, die an der Schnittstelle von “profit” and “purpose” operieren. Den Bereich finde ich sehr spannend und deshalb habe ich mich für die Presidio Graduate School in San Francisco und einen MBA in Sustainable Management entschieden.

Rückblickend hat sich der MBA für mich gelohnt, da ich sehr viel Neues gelernt habe, ob es sich finanziell auszahlt, werde ich wohl erst in einigen Jahren beurteilen können, bisher allerdings noch nicht☺.

  • “What gets measured, gets done” — dem Leitsatz von Peter Drucker entkommt man in einer Business School nicht. Ich finde den Satz aber nicht nur spannend, wenn man an interne, organisatorische Prozesse denkt, sondern auch an grosse, globale Probleme wie z.B. Menschenrechtshandel, Umweltkatastrophen und die Abholzung von Regenwäldern. Es gibt viele spannende Projekte und Organisationen, die versuchen die wachsende Flut von Daten und Informationen zu nutzen, um soziale und ökologische Probleme zu lösen. Die Global Forest Watch Initiative des World Resource Institute benutzt z.B. verschiedene technologische Methoden, um den Bestand und die Abholzung von Wäldern zu beobachten.
  • Die grosse Offenheit in der Bay Area macht es auch möglich traditionelle Ansätze und Methoden aus einem Bereich auf gänzlich andere Bereiche zu übertragen. Während des Studiums habe ich viel darüber gelernt, wie “Design-Thinking” oftmals simple und elegante Lösungen für soziale und umweltbezogene Probleme hervorbringen kann. Hinter dem Begriff steckt die Idee, Methoden die man üblicherweise beim Produktdesign anwendet auch für komplexe Probleme in den Bereichen Gesundheit, Umwelt, Bildung und Ernährung zu nutzen.
  • Eine besonders spannende Methode des Design-Thinking ist das sogenannte “rapid prototyping”. Das bedeutet, dass man schnell einen Prototypen erstellt und ihn von zukünftigen Nutzern testen lässt. Das Feedback der Nutzer wird in die nächste Version des Prototypen aufgenommen, bevor er wieder getestet wird. Diesen Zyklus wiederholt man, bis der Nutzer zufrieden ist. Das Motto dieser Methode: “fail early, fail fast”. Der Vorteil ist, dass das Produkt schnell unter realen Bedingungen getestet werden kann.

Und jetzt?

Ich hoffe, dass ich viel von der Offenheit, Kreativtät und Risikobereitschaft der Amerikaner mit nach Deutschland nehmen kann. Um aktuelle Herausforderungen angehen zu können, brauchen wir mutige Ideen und innovative Organisationen, die sich für Mensch und Umwelt einsetzen.

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Kathrin Jansen arbeitet als selbständige Beraterin für Unternehmen, Social Entrepreneurs und zivilgesellschaftliche Organizationen in San Francisco/Hamburg. Hier geht es zu ihrer Website, auf Twitter ist sie unter @KathrinJansen zu finden.

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