Switch und Mobile — Freund oder Feind?

Seit der offiziellen Enthüllung der Nintendo Switch, scheint die Diskussion immer auf zwei Punkte zuzusteuern. Punkt 1) Aber wie kann die Switch mit der PlayStation oder Xbox mithalten oder Punkt 2) Aber wie kann Switch mit dem Handy, Tablet oder Phablet mithalten. Punkt 1 ist schnell beantwortet: gar nicht. Direkt mit der PlayStation oder Xbox zu konkurrieren, ist überhaupt nicht Nintendos Anliegen. Auch wenn dies das Unternehmen immer wieder bekräftigt, so scheinen viele Gedankengänge in die Vergangenheit zu reisen. Die Vergangenheit, in der das Nintendo 64 oder der GameCube mit Hardware-Power punkten wollten und beide auf die Nase fielen. Die Zeiten sind vorbei. Punkt 2 hingegen stellt einige spannende Fragen in den Raum. Kann die Switch überhaupt mit Handy, Tablet oder Phablet mithalten und wenn ja, wie möchte Nintendo das anstellen? Ich sehe zwei Szenarien.

Szenario 1: Feind

Nintendo Switch ist ein Tablet mit zusätzlicher Controller-Hardware. Das ist nichts Weltbewegendes, nichts Revolutionäres. Was der Idee Gewicht verleiht, ist Nintendos Software. Zelda auf einem Tablet wäre vor wenigen Jahren noch ein unrealistischer Gedanke, ohne Nintendos Abschied aus dem Hardware-Geschäft undenkbar. Nintendo wird tun, was Nintendo immer tut. Gute Spiele veröffentlichen, egal wie die Hardware aussieht oder wie erfolgreich sie ist.

Aber es ist ein Tablet

Die Produktkategorie Tablet ist mittlerweile Teil des allgemeinen Tech-Verständnisses. Ein Tablet ist ein größeres Nicht-Handy fürs Browsen, fürs Schauen von Videos, für Social Media, fürs Lesen und für das ein oder andere Spiel. Es ist kein Handy und hat daher keinen richtigen “Job”, außer Entertainment. Möchte Nintendo Switch als Tablet verkaufen, birgt das viel Potential. Viele Kinder und einige Erwachsene kennen den 3DS, alle Kinder und Erwachsene wissen, was ein Tablet ist. Mit dem 3DS sitzt kaum jemand in Bus und Bahn, mit einem Tablet schon eher. Zwei Tablets trägt niemand mit sich, also muss Switch das alte Tablet in diesem Szenario ersetzen.

Switch kann nicht ein Tablet sein, Switch muss das Tablet sein

Um etwas ersetzen zu können, muss man besser sein. Ein Tablet muss vieles können, das Fundament ist aber das OS. Nintendo dürfte wohl kaum Android und die Google Services nutzen, dann könnte man sich die eigene Hardware auch gleich sparen. Gleichzeitig kann Nintendo mit keinem OS der Welt gegen Android oder iOS mit ihrer Vielfalt an Apps und Entwicklern konkurrieren. Die Standard-Apps dürften kein Problem darstellen. Netflix, YouTube und Co haben es auch auf die Wii U geschafft. Ein Schritt weiter hört es aber schon wieder auf. Nintendo hat keinen eigenen Service für Bücher wie Google Books oder für Filme wie iTunes Movies. Danach fragt auch niemand, nur weil Switch angekündigt wurde.

Software sells Hardware, but Hardware also sells Hardware

In der Welt der Tablets herrschen andere Gesetze als in der Handheld-Welt Nintendos. Konnte sich der 3DS noch über sein individuelles Design und den exklusiven Spielen verkaufen, wird das für Switch nicht mehr möglich sein. Durch den Formfaktor als Tablet eröffnen sich Nintendo neue Chancen bei dem Verkauf, gleichzeitig auch neue Herausforderungen. Vorbei die Zeiten des sympathisch-nerdigen und pixeligen 3DS. Plötzlich werden Displayauflösungen, verbaute Chips, Batterielaufzeiten und RAM miteinander verglichen. Bei einem Tablet zählen halt nicht nur die Spiele. Wie flüssig laufen die Apps? Wie schnell ist das Multitasking? Was für den 3DS zweitrangig ist, wird bei einem Tablet unweigerlich in den Vordergrund geraten. Was wie ein Tablet aussieht, muss sich den Vergleich mit anderen Tablets gefallen lassen.

Gut genug ist nicht gut genug

Mal angenommen alles würde passen. Natürlich nicht auf iPad-Niveau, aber trotzdem gut genug. Ein gutes OS mit vielen Apps und Entwicklern, schnelles Multitasking mit reibungsloser Bedienung und ein scharfes Display. Für wen wäre dieses Gerät gedacht und wie viel würde es kosten? Nintendos Exklusivtitel waren schon immer das größte Alleinstellungsmerkmal der Videospielindustrie, aber wie sieht das auf dem Tablet-Markt aus? Tablets verkaufen sich als Multimedia-Maschinen mit ein paar Spielen. Videospielkonsolen verkaufen sich als Videospielkonsolen mit etwas Multimedia. Nintendos Mantra “Play the games” reicht hier nicht. Zudem dürfte eine aktuelle Entwicklung auf dem Handy-Markt allen kleineren Tablets generell zu schaffen machen: das Phablet. Größer als ein Handy, kleiner als ein Tablet, deckt das Phablet beide Bereiche ab und ist immer in der Hosentasche, immer voll aufgeladen und immer mit einer eigenen Internetverbindung versehen. Da kann kein kleineres Tablet gegen anhalten, auch kein Tablet von Nintendo.

Szenario 2: Freund

Doch was wäre, wenn es keine Apps für Switch gäbe. Kein Browser, keine Bücher-App, kein Facebook und Twitter. Nur Videospiele. Klingt wie ein Gerät aus einer anderen Zeit. Viele Vorteile eines Tablets wären dahin, ein neuer Vorteil würde sich jedoch ergeben: der Fokus. Heutzutage muss alles, alles können. Doch könnte sich ein neuer Trend entwickeln. Geräte, die nicht alles können und sich stattdessen auf eine Aufgabe konzentrieren. E-Reader wie der Kindle werden immer besser als Tablets für das Lesen von Büchern geeignet sein. Smartwatches müssen in erster Linie gute Uhren sein, der Rest ist zweitrangig. Health Tracker müssen in erster Linie Daten präzise sammeln können, der Rest ist Nebensache.

Aber es ist ein Tablet

Für Videospieler wäre dies der bessere Weg. Die Auflösung ist plötzlich gut genug, der RAM wird fast nur für Videospiele verwendet und damit weniger knapp, der gewählte Chip wäre ein Chip angepasst speziell für Videospiele. Was wie ein Tablet aussieht, muss sich aber den Vergleich mit anderen Tablets gefallen lassen. Ein strikter Fokus auf Videospiele würde viele vor den Kopf stoßen. Doch stellt sich hier eine simple Frage.

Gibt es nicht schon genug Browser in unserem Leben?

Natürlich erwartet man sich beim Anblick eines Tablets einen Browser, braucht man diesen aber überhaupt? Zuhause lässt sich am Schreibtisch Browsen fürs Arbeiten, am Laptop oder auf dem größeren Tablet auf der Couch und sogar auf dem TV mittels manchen Videospielkonsolen, keine Ahnung wieso. Unterwegs reicht das Handy vollkommen aus. Es ist immer in der Hosentasche, immer voll aufgeladen und immer mit einer eigenen Internetverbindung versehen. Selbst wenn Switch einen eigenen mobilen Browser anbieten sollte, wie viele würden einen weiteren Vertrag für einen eventuell schlechteren Browser als den Browser ihres Handys abschließen? Wie viele würden Bücher auf Switch lesen, wenn sie einen viel günstigeren Kindle oder Tablets mit besser Display-Auflösung kaufen könnten? Es erinnert ein wenig an die Wii und die fehlende DVD-Funktion. Natürlich macht es sich auf dem ersten Blick nicht besonders gut, wenn etwas so Grundlegendes fehlt. Wer hat es denn im Endeffekt aber tatsächlich vermisst? Sollte Nintendo diesen Weg einschlagen, muss der japanische Entwickler sehr von seinen Videospielen und dem Konzept der Switch überzeugt sein. Und noch ein Ass im Ärmel haben.

Das Trojanische Pferd im App Store

If you can’t beat them join them. Nintendo weiß, wo Spieler aller Altersklassen Videospiele spielen. Auf ihrem Smart Device. Von einem Nintendo-Handy dürften wir wenn überhaupt Jahre entfernt sein, ein Nintendo Tablet wie in Szenario 1 beschrieben, müsste direkt mit den Platzhirschen des Luxussegments und den spottbilligen Android-Tablets konkurrieren. Doch was wäre, wenn man sich den Feind zum Freund machen könnte? Wenn man sich die eigenen Gadgets ansieht, merkt man schnell, dass sie alle auf ein zentrales Gerät zulaufen. Ein Health Tracker sammelt unermüdlich Daten, die sich daraus ergebenden Informationen für ein gesünderes Leben stecken aber in der App auf dem Handy. Eine Smartwatch ohne Handy ist das Gegenteil von Smart. Bücher lesen auf dem Kindle-Display funktioniert fantastisch, Bücher kaufen eher nicht, dafür wird eher zum Handy gegriffen. Das Handy ist das zentrale Gerät unseres digitalen Lebens, sei es für unseren Beruf oder für unsere Unterhaltung. Was wäre also, wenn Switch auch auf unserem Handy existieren würde?

Gut genug ist gut genug

Eine Switch-App auf dem Handy. Mit dem MyNintendo-Account und Miiverse als zentrales Hub für Switch, das immer mit dabei ist. Der eingebaute Pedometer könnte den alten Pedometer des 3DS ersetzen. Ein neues StreetPass könnte das alte StreetPass auf dem 3DS ersetzen. Plötzlich weiß Nintendo, dass Spieler ihr “zweites” Switch-Gerät immer bei sich tragen. Es ist immer in der Hosentasche, immer voll aufgeladen und immer mit einer eigenen Internetverbindung versehen. Da kann kein anderes Gerät mithalten, auch nicht der in Japan besonders beliebte 3DS. Pokémon GO für iOS oder Android ließe sich mit der Switch-App verlinken und Boni im Pokémon für Switch freischalten. Schon spart man sich eine zweite Internetverbindung und GPS in der Switch-Hardware. Selbst wenn Switch Pokémon GO abspielen könnte, wer würde das denn mit einem kleinen Tablet überhaupt machen wollen? Wie viele neue Pokémon GO-Spieler könnten mit einer Switch-Version denn überhaupt erreicht werden?

Seit der Wii sieht sich Nintendo als Anbieter einer Zweitkonsole zur PlayStation oder Xbox. Da fühlt sich Nintendo wohl. Direkt mit Apple und Android zu konkurrieren, könnte schnell nach hinten losgehen. Hier wären Kompetenzen gefragt, an denen Nintendo nicht wirklich interessiert ist. Stattdessen ließe sich Switch als freundschaftliches Gerät mit dem allmächtigen Handy und den eigenen Handy-Apps positionieren. Mit dem unverkennbaren Nintendo-Charme und einer guten, unterhaltsamen App könnte das Haus des pummeligen Klempners mehr Spieler erreichen und sie zum Kauf der eigenen Hardware und Spiele motivieren. Die Switch-App könnte, so unscheinbar sie auch klingen mag, viele Probleme Nintendos auf einen Schlag lösen. Switch als kompromissloser Handheld ohne halbgare Facebook-App, die ohnehin kaum jemand nutzen würde. Keine Kompromisse, um irgendwelche Features anzubieten, für die ohnehin schon jeder ein perfektes Gerät immer bei sich hat. Stattdessen ein klarer Fokus auf das, was Nintendo eben zu Nintendo macht. Videospiele.


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