Die Traurigkeit mitnehmen

In den letzten Tagen habe ich eine unheimlich kraftvolle Erfahrung gemacht, die ich hier auf meinem Blog teilen möchte. Ich befand (und befinde mich immer noch) in einer sehr schwierigen Lebenssituation, da ich mit einer alten Geschichte aus der Vergangenheit konfrontiert wurde, die sehr brutal ist und mich extrem traurig macht. So habe ich in dieser Zeit auch viel geweint.
Ein Problem tauchte dann auf: Ich hatte an dem anschließenden Wochenende eine Einladung zu einer Tanzveranstaltung, auf die ich mich eigentlich schon seit Wochen gefreut habe. Und so stand ich vor einem scheinbar unüberwindbaren Zwiespalt. Auf der einen Seite blockierte mich die Traurigkeit; auf der anderen Seite wollte ich unbedingt auf die Veranstaltung, zumal ich auch wusste, dass mir der Umgang mit Menschen gut tun würde. Aber wie sollte ich in der Verfassung bloß tanzen gehen und Spaß haben? Ist es nicht vollkommen unmöglich, ausgelassen Spaß zu haben und gleichzeitig tief traurig zu sein?
Da fiel mir ein Trick meiner Therapeutin ein. Sie würde sagen: “Dann nimm die Traurigkeit doch einfach mit, wenn du tanzen gehst.” Das klingt zunächst verrückt und ein wenig paradox. Und ich hatte ziemliche Zweifel, ob das so überhaupt funktionieren würde. Aber ich versuchte es. Ich ging auf die Veranstaltung mit der Einstellung, Spaß zu haben und mir dadurch etwas Gutes zu tun. Ohne dabei aber die Traurigkeit zu bekämpfen oder zu ignorieren, sondern ich würde sie zeigen, wenn sie hoch käme. Es war eine gewisse Jetzt-Erst-Recht-Trotzdem-Scheiß-Egal-Haltung. Und diese Einstellung war der Schlüssel für einen tollen Abend, der Balsam für die Seele war. Tatsächlich musste ich gar nicht weinen und hatte den Spaß meines Lebens. Ich war froh, mich so entschieden zu haben. Am darauf folgenden Tag widmete ich mich dann ganz meiner Traurigkeit in einer Therapiegruppe.
Für mich hat sich in dieser Geschichte eine Weisheit bestätigt, die ich schon so häufig von Therapeuten zu hören bekam: “Wenn wir die Gefühle mitnehmen und zulassen, dann können wir heilen. Wenn wir sie jedoch wegdrücken, macht es uns nur krank und wir berauben uns unseres Lebens.” Eine weitere Sache, die ich häufig zu hören bekam, hat sich ebenfalls bestätigt. Eine, die ich lange Zeit nicht glauben konnte. Nämlich dass man jederzeit aus seiner Stimmung heraustreten kann, anstatt in eine Spirale nach unten zu geraten. Das Gute ist, dass man dies sogar lernen kann. Ich werde diesbezüglich noch einen Artikel über die Kellerkinder-Methode von Johannes Galli schreiben.
Übrigens funktioniert der Trick ebenfalls bei anderen Gefühlen. So kann man zum Beispiel auch seine Angst oder Wut überall hin mitnehmen, wo man möchte und trotzdem einer bestimmten Tätigkeit nachgehen.

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