Depeche Mode — “Spirit”

Politisches Statement. Musikalische Neuerfindung. Spätwerk. Meisterwerk.

Von Peter Killert.

Das 14. Studioalbum von Depeche Mode. Artwork: A. Corbjin.

Als Kind der 80er Jahre, als jemand, der sämtliche Entwicklungen seines Lebens mit dem Soundtrack einer Band in seinen Erinnerungen untermalt, ist es ein alle vier Jahre wiederkehrendes Ritual. So lange dauert es, bis Depeche Mode wieder da sind. Manche Elemente dieses Rituals sind feststehend, andere nicht. Irgendwann, Monate vorher, eine Pressekonferenz, live im Internet, vielleicht schon mit einem kompletten Appetizer oder nur Soundschnipseln. Immer aber mit der Ankündigung einer gigantischen Welttournee, stadienfüllend, wie es nur ganz wenige Bands fertigbringen. Dann die Diskussionen der Fans auf den einschlägigen Seiten, Vermutungen, langsam eintröpfelnde Fakten, die erste Single und dann … ein Leak! Einige Songs oder das ganze Album sind online. Das passiert heutzutage wenige Tage vor dem Verkaufsstart — als Napster noch etwas Neues war, auch schon Monate vorher. Spätestens mit dem Leak hat man Gewissheit. Wer will dann noch warten?

Der Augenblick ist da und es passiert etwas, was immer gleich ist und sich nie unterscheidet: der gebannte erste Eindruck von einem neuen Depeche Mode Album brennt sich in das Gedächtnis. „Spirit“, das vierzehnte Studioalbum der Band, ist da und wieder scheint es unmöglich, dass dieser erste Eindruck schlecht sein könnte. Zumindest bei mir. Manchmal frage ich mich, ob ich gänzlich unkritisch bin, ob Depeche Mode ins Mikrofon furzen könnten und ich würde das immer noch gut finden. Vielleicht ist aber auch mit mir alles in Ordnung und Depeche Mode machen ganz einfach immer, egal in welcher Phase ihres oder meines Daseins, gute Musik.

„Spirit“ ist als politisches Album angekündigt worden. Das ist auch so. Seit 1986 gab es kein politisches Statement der Band mehr. Damals hatte Martin Gore, der Songwriter, voll ins Klo gegriffen. In dem Song „New Dress“ stempelte er Prinzessin Diana als dummes, schlagzeilengeiles Modepüppchen ab. Man darf ihm das nicht übelnehmen und muss das aus der Zeit heraus betrachten. Damals ahnte noch niemand, dass Prinzessin Diana zu einer Persönlichkeit mit sehr lobenswertem, gesellschaftlichen Engagement heranreifen würde. Aber er hat ihr damals Unrecht getan. Das hat Gore eingesehen.

Aber jetzt, 2017, mit diesen paradigmatischen Veränderungen in der Welt, da kommt man an politischen und gesellschaftlichen Statements nicht vorbei. Ein zweites „Faith and Devotion“ würde thematisch einfach nicht in die Zeit passen. Es würde geradezu lächerlich wirken. Und dann immer wieder die Frage, ob Depeche Mode noch einmal begeistern können. Auf musikalischem Neuland vielleicht. Sich, mal wieder, wie selbstverständlich, neu erfindend. Ich wurde in den letzten Jahren in meinen Zweifeln immer lügengestraft. Vermutlich überraschen Depeche Mode noch, wenn sie mit Rollatoren und Krücken die Bühne betreten.

Aber jetzt mal ganz konkret: „Spirit“ hat mir vom ersten Hören an sofort gefallen. Man hört die Songs durch, merkt sich die Highlights und stellt fest, dass man den einen Song, den anderen, diesen dann auch noch, direkt wieder hören muss. Alle Songs sind Highlights — nein, nicht ganz. „The Worst Crime“ fällt etwas ab. Das scheint ein Soulsaver-Relikt von Dave Gahan zu sein. (Anmerkung nach Erscheinen des Album und Blick ins Booklet: Dieser Eindruck war falsch. Der Song stammt aus der Feder von Martin Gore und hat mit Soulsavers nichts zu tun — in den Fettnapf sind einige Rezensenten von “Spirit” getreten).

Und ein weiterer Song fällt auf, allerdings extrem positiv. „Fail“, ganz am Ende des Albums, ist der mit Abstand beste Song, den Martin Gore je gesungen hat. Ja — das kann ich so stehen lassen. Besser als „Somebody“. Besser als „Home“. Besser als „Question Of Lust“. Das ist natürlich Geschmackssache, aber für mein Empfinden ist diese Komposition aus extrem kreativen synthetischen Klängen bisher einzigartig im Gesangsrepertoire des Martin Gore.

Zurück auf Anfang. Mit „Going Backwards“, ein „John The Revelator“ in Slowmotion, beginnen Depeche Mode das Album. Es ist ein düsteres Statement zum Zeitgeist. Die düstere Stimmung prägt dieses tiefschwarze Album. Der Song endet mit Gores Backgroundvocals, so wie wir es aus den 80er und 90er Jahren kennen. Dann folgt der tatsächlich einzige radiotaugliche Song, die Single “Where´s The Revolution”. Nach der kurzen Soulsavereinlage “The Worst Crime” kommen tatsächlich nur gute Songs, mit viel Tiefgang, vielen Dingen, die man beim zweiten, dritten, vierten Mal erst hört. Jeder Song absolut ungewöhnlich und untypisch, eben völlig überraschend. “So Much Love” könnte man noch als Mischung aus “She´s Lost Control” von Joy Division und einem Depeche Mode Song wie “Lilian” bezeichnen. Dann aber muss man sich schon neue Vokabeln ausdenken, denn Vergleiche, auch als Selbstreferenz auf die seit gut 36 Jahren andauernde Karriere, fallen da keine ein. “Poorman” ist pure Elektronik mit melodischen Schnörkeln von denen man sich fragt, warum man sie vorher noch nie gehört hat. “You Move” scheint das Highlight vieler Fans zu sein. “Scum” ist verzerrt, irgendetwas zwischen Wut und Verblendung. Der Refrain “Pull The Trigger!” in diesem Song ist hintergründige Zweideutigkeit. Man könnte es mit “Schalter umlegen” oder “Abzug betätigen” übersetzen.

Mal schauen, wie sich “Spirit” in die bisherigen Werke einreihen wird. Ich bin jedenfalls richtig begeistert und würde wirklich daran scheitern, die Depeche Mode Alben nach 1985 in ihrer Qualität aneianderzureihen. Auf Platz 1 steht “Music For The Masses” — alles andere steht bei mir auf Platz zwei. Gleichrangig. Groß und breit verschafft sich da auch “Spirit” seinen Platz. Jetzt schon.

“Spirit” erscheint am 17. März 2017.

www.killert.de

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