Logik schützt vor Dummheit nicht

Nur ein weiteres Beispiel für verquere Sublimation — wer die eigenen Widersprüche in die Welt hineinprojiziert und sie dort zu lösen sucht, landet im Irrenhaus, wird Diktator oder vegetiert als ein Mittelding zwischen beiden. Ted Kaczynski, der Unabomber, ist so einer. Und damit sie keine Zeit mit der Lektüre seines Manifestes verschwenden, hier eine Zusammenfassung.

Bei Netflix lief die erste Staffel von Manhunt mit dem Titel „Manhunt: Unabomber“. In dieser Serie geht es um reale Fälle des FBI. Ein Linguist soll die Texte des sogenannten Unabombers analysieren und die Eigenheiten herausarbeiten. Diese Rolle spielt der Schauspieler Sam Worthington und er hat in seiner Rolle mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Seine Methode der „Forensischen Linguistik“ findet zum ersten Mal Anwendung und kann sich nicht so wirklich gegen die etablierten Methoden durchsetzen.

Am Ende kann der Unabomber jedoch überführt werden. Allerdings um einen Preis, der den Unabomber wie einen Sieger aussehen lässt. Der Unabomber verspricht, alle Anschläge einzustellen, wenn sein Manifest „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ komplett in der New York Times und der Washington Post abgedruckt wird. Der Unabomber hat bis dahin, zwischen 1978 und 1995, drei Menschen mit seinen Briefbomben getötet und unzählige zu Krüppeln gemacht. Gibt man der Forderung nach und hofft auf die Chance, dass irgendjemand den unverwechselbaren linguistischen Stil der Sätze wiedererkennt, oder riskiert man den Triumph eines Irren, der nur über Leichen seine Ideen verbreiten konnte?

Wir wissen heute, dass die Veröffentlichung des Manifestes tatsächlich zur Überführung von Kaczynski geführt hat. Die Frage, die sich nun stellt, ist: Hatte Kaczynski etwas Substanzielles zu sagen, was die in den ersten Folgen der Netflix-Serie sich aufbauende Sympathie für diesen Mörder rechtfertigt? Dazu muss man für sich selbst erst beantworten, ob man für sich verantworten kann, dieses Manifest zu lesen. Der Autor Lutz Dammbeck hat eine deutsche Übersetzung des Textes in seinem Buch „Das Netz“ im Angebot. Um Menschen, die nach dem Anschauen der Netflix Serie, vor genau dieser Frage stehen die Entscheidung abzunehmen — ich habe das Manifest gelesen und kann nur davon abraten, darin Zeit zu investieren. Kaczynski ist ein ausgesprochen dummer Mensch. Und ich hätte zunächst nicht gedacht, dass dies mein abschließendes Urteil sein könnte.

Kaczynski ist Mathematiker. Wenn man den Einträgen in Wikipedia und auch weiteren Artikeln trauen darf, sogar ein ausnahmslos guter Mathematiker, dessen Fähigkeiten vermutlich nur von ganz wenigen Menschen auf der Welt verstanden werden. Mathematiker gehen sicher mit Präzision und Logik an ihre Unternehmungen. Und prinzipiell wird es immer spannend, wenn Mathematiker von ihrer konkreten Logik einen Weg in die abstrakte Logik suchen und die wirklich wichtigen Zusammenhänge einer Gesellschaft erklären wollen. Das beste Beispiel dafür ist die Wandlung des Naturwissenschaftlers Immanuel Kant hin zum Ontologen — die Ergebnisse seiner Denkprozesse sind herausragend. Das Gegenbeispiel dazu ist Kaczynski — was für ein verquerer, geistiger Dünnschiss.

Kaczynski baut sein Manifest logisch auf. Es ist in Themen und Kapitel aufgeteilt und die einzelnen Abschnitte sind — zwecks gedanklichem selbstreferenzieren für jedermann — fortlaufend nummeriert.

Zunächst beginnt Kaczynski mit einer Definition von Schuldigen. Der Mathematiker Kaczynski definiert die „Psychologie der modernen Linken“. Die Linken und ihre Ideologie symbolisieren einen Teufelskreis. Menschen, die vom Leben enttäuscht seien und sich minderwertig fühlten, definieren moralische Ansprüche. Da sie ihnen selbst nicht gerecht werden, lügen sie sich in die eigene Tasche, definieren Feindbilder und die sich daraus ergebende Enttäuschung schafft neue, nicht einzuhaltende Maßstäbe. Abgesehen davon, dass diese Analyse nichts mit Psychologie zu tun hat, macht Kaczynski hier schon einen entscheidenden Fehler: Er individualisiert die gesellschaftliche Notwendigkeit, normative Ansprüche als Leitlinien zu definieren. Später — und das erwähne ich jetzt bereits, weil ich nicht näher darauf eingehen werde — dreht er diese Logik um und beginnt individuelle Eigenschaften auf Institutionen zu übertragen. Er sieht in diesem Konstrukt eine unabdingbare Logik. Normative Ansprüche aber sind immer unerreichbar — eben deswegen sollten wir sie, egal ob Linker oder nicht, jeden Tag anstreben.

Ich halte also Kaczynskis These für völlig falsch. Abstraktionen können nicht als Eigenschaften dediziert werden und Eigenschaften können nicht auf Institutionen oder Gruppen indiziert werden. Wer so etwas tut, ist noch nie mit offenen Augen durch die Welt gelaufen. Die dahinter liegende Kritik ist nachvollziehbar — natürlich gibt es Linke, die so voller überschäumender Moral sind, dass sie jegliche praktische Weltsicht ausgeblendet haben und nicht einmal mehr tolerieren, wenn jemand anderer Meinung ist. Trotzdem bedeutet das nicht, dass die Notwendigkeit moralische Ansprüche an sich infrage gestellt werden sollte. Die Intention von Kaczynski ist klar: Er muss die Moral als Ordnungselement der Gesellschaft entkräften, um seine Opfer zu rechtfertigen.

Der nächste Teil des Manifestes — und da beginnt man dann schon an dem Intellekt von Kaczynski zu zweifeln — ist sein „Power Process“. Menschen seien, pauschal, einem „Power Process“ unterworfen. Jedem Menschen sei es ein Bedürfnis, Macht zu erlangen. Ziel dieses Prozesses sei die Autonomie. Kaczynski vermengt hier Freudsche Psychologie, Bedürfnispyramiden, Sozialdarwinismus und seine eigene innere Logik zu einem abenteuerlichen Konstrukt, das Individualität beschreibt, in dem es sie ausklammert. Der Mensch, in der technologisch, industrielle Tretmühle gefangen, verstehe nicht, dass er sich diese Autonomie in Ersatzhandlungen holt.

Wären alle Menschen dumme einfältige Befehlsempfänger, die nach täglicher Tretmühle als Adressaten von Werbung abends idiotisches Privatfernsehen konsumieren, dann hätte Kaczynski recht. Solche Menschen gibt es — ich lasse diese Analyse auch zum Teil gelten. Was ich aber nicht akzeptieren kann, ist schlicht die Feststellung, dass Kaczynski mit tausenden Menschen aus einem Gefängnis heraus korrespondiert und er selbst, als Ersatzhandlung Bomben bauend in einer 3x4 Meter großen Hütte vegetiert hat — sein eigenes Dasein und die Tatsache, dass sein Bestreben, möglichst vielen Menschen per Publikation seine Gedanken zugänglich zu machen, stehen im Widerspruch zu seinem Manifest. Warum Gedanken über die größten Tageszeitungen der Welt publik machen, damit Millionen willfähriger Idioten sie lesen können?

Richtig übel wird es dann, wenn Kaczynski über Feminismus oder über Geschichte schreibt. Was für eine eklatante Unwissenheit! — Er hätte seinem Vorbild Wittgenstein folgen sollen. Worüber man nichts sagen kann, hat man zu schweigen. Kaczynski aber schweigt nicht. Hier einige Beispiels für seine Dummheit:

„Menschen mit einem schwachen Machttrieb [Anmerkung: Das Manifest ist voll von solchen kombinierten Phrasen!] (…) sind fügsame Typen, die auch als Plantagenneger in den alten Südstaaten glücklich geworden werden.“

Kaczynski spielt hier mit den Argumenten aus den ersten Abschnitten seines Manifestes. Man hört förmlich das linke Aufschreien, das er hier mit dem „Plantagenneger“ provozieren will. Das meine ich nicht mit Dummheit. Dumm ist schlicht, dass der bombenbauende, Mathematiker in der Hütte im Wald hier die Perspektive eines Plantagennegers einnimmt. Was für ein Quatsch.

Richtig lächerlich wird es, als Kaczynski sein rudimentäres Halbwissen über amerikanische Geschichte absondert. An einer Stelle versucht er, die amerikanische Unabhängigkeit und den Geist der Gründerväter zu diskreditieren:

„Schon die britische Gesellschaft, aus der die amerikanische hervorgegangen ist, hatte sich seit langem in die Richtung einer repräsentativen Demokratie entwickelt.“

Die amerikanische Gesellschaft hat sich aus der Britischen entwickelt? Was für ein Unsinn! Aufgrund der gemeinsamen Sprache setzt er hier zwei Gesellschaften gleich, die sich alles andere als gleich entwickelt haben. Dass in Amerika englisch gesprochen wird, ist mit einer Stimme Mehrheit entschieden worden. Iren, Niederländer, Deutsche — sie alle prägen bis heute die breiten Nuancen der multikulturellen amerikanischen Gesellschaft. Nochmal: Worüber man nichts sagen kann, hat man zu schweigen.

Ich könnte noch sehr viel mehr Argumente anbringen, möchte diesen langen Beitrag aber nun abschliessen. Kaczynski hat versucht, mit Logik eine geisteswissenschaftliche Abhandlung zu konstruieren, was an mangelnden sozialen Erfahrungen und schlicht an fehlendem, fundamentalem Wissen scheitert. Die Hälfte seines Konstruktes hätte er sich sparen können, wenn er den Begriff der „Sublimation“ erforscht hätte. Die andere Hälfte ist unbrauchbar — um dies zu erkennen hätte die Lektüre von einfachen Geschichtsbüchern der Primary School ausgereicht. Das alles in ein in sich logisches Gebilde zu verfrachten und es mit selbst erfundenen Begriffen anzureichern („Power Process“, „Machttrieb“, „mentale Gesundheit“ usw.) lässt nur einen Schluss zu: ein dummer Mensch, dessen eigene, selbsteingeredete intellektuelle Überheblichkeit viel zu viel Leid bewirkt hat und mir einige Stunden meiner intellektuellen „Ersatzhandlungen“ abgerungen hat. Mein Artikel ist ein Manifest gegen Zeitverschwendung — jede andere Tätigkeit erweitert den Horizont mehr, als das Lesen dieser zusammengeschusterten Dummheit.