ES GIBT KEIN ENTKOMMEN: DIE GENERATION Y IST ÜBERALL

Als Kunden gefragt, aber als Mitarbeiter verstoßen — die berühmt-berüchtigte Generation Y. Dabei sind das doch dieselben Menschen. Warum haben die Unternehmen Lust darauf, Ihnen Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, aber wollen diese Leute nicht als Mitarbeiter haben?

Ist ja glasklar: Wenn sie den Unternehmen Geld einbringen können, sind sie perfekt. Doch diese Egozentriker sind als Mitarbeiter viel zu unbequem. Denn landläufig hält sich das Mindset, dass diese jungen Wilden den Aufstand gegen die Arbeitswelt proben. Die alten Unternehmerhasen schimpfen daher auf die zwischen 1982 und 1995 Geborenen — so zumindest die allgemeine Definition dieser ominösen Generation — oder sie verleugnen die Existenz dieser Denk- und Arbeitskultur schlichtweg ganz.

Leugnen ist einfacher als umdenken

Warum sollten sich Unternehmen auch auf solchen neuen Firlefanz einlassen? Was soll eigentlich der ganze New-Work-Kram? Old Work hat doch viele Jahrzehnte lang bestens funktioniert. Das Unternehmen ist gesund gewachsen, hat Innovationen auf dem Markt gebracht, sich den Herausforderungen der Digitalisierung erfolgreich gestellt und die Mitarbeiter und Kunden sind zufrieden.

Ah ja … Ich wäre mir da nicht so sicher, ob die Mitarbeiter in Unternehmen mit solch einer Denke wirklich so zufrieden sind.

Es ist doch wohl für niemanden befriedigend, wenn er seine Zeit für Dinge aufwendet, die einfach nur Theater sind und kein Ergebnis produzieren. Wenn auf dem Schreibtisch jede Menge Kundenprobleme auf eine Lösung warten, aber stattdessen an der ausführlichen Projektdokumentation gearbeitet werden muss. Wenn die Kunden in der Warteschleife landen, weil gerade in einer internen Telko die Umsatzplanung für die kommende Monate diskutiert wird. Wenn der Kunde vor verschlossenen Türen steht, weil die Mitarbeiter bei einer internen Betriebsveranstaltung mal wieder dem Tschakka der obersten Heeresleitung lauschen dürfen … ähm müssen. Ich könnte die Beispiele endlos fortführen.

Das ist für die Mitarbeiter nicht befriedigend und für die Kunden schon gleich gar nicht. Daher ist es auch kein Wunder, dass die Stimmen immer zahlreicher und lauter werden, die auf diese Art von Arbeit keine Lust mehr haben.

Der bequeme Ausweg, sich diesen neuen Entwicklungen nicht stellen zu müssen, ist: Die unangenehme naiv-arrogante Generation von Arbeitsscheuen, die keinen Bock hat auf Meetings, Regeln und vor allem Arbeit, wird verteufelt — oder sogar verleugnet — anstatt als Unternehmer und in der Organisation umzudenken.

Haltung ist generationenunabhängig

Jetzt muss ich Sie leider enttäuschen. Sie werden keinesfalls verschont! Auch in Ihrem Unternehmen gibt es sie — die selbstbewussten, flexiblen Mitarbeiter, die quer denken und diese ganzen zeit- und energieraubenden Management-Praktiken insgeheim verfluchen. Wenn Sie ehrlich sind, gehören Sie wahrscheinlich sogar selbst dazu.

Denn sie sind überall. In jeder Branche, unter den Minijobbern genauso wie unter den Akademikern, sie stecken im Körper eines Berufsfrischlings genauso wie in dem eines Routiniers, sie sind unter den »einfachen« Mitarbeitern genau zu finden wie unter den Führungskräften.

Für mich gibt es diese ominöse Generation Y nicht. Dahinter steckt vielmehr eine ganz bestimmte innere Einstellung, die sich nicht auf eine Generation beschränkt. Es ist Set von Werten, Fähigkeiten, persönlichen Zielen und Vorstellungen, wie die Welt funktioniert. Es dreht sich um ein Selbstverständnis — und nicht um das biologische Alter.

Kein Unternehmer kommt also drumherum, sich mit den Überzeugungen über eine neue Arbeitswelt zu beschäftigen. Daher appelliere ich an jeden: Versuchen Sie wenigstens, die neue Denke zu verstehen. Schließlich steckt dahinter jede Menge Erfolgspotenzial für Ihre Organisation. Vergessen Sie die bisherige Interpretation á la »die wollen nicht mitmachen« und lassen Sie sich auf eine andere Erkenntnis ein: »Die wollen erst recht« — und zwar arbeiten.

Problemlösung schafft Mitarbeiterbindung

Warum Sie sich der neuen Vision der Arbeitswelt nicht verschließen sollten?

Weil Ihre Mitarbeiter nicht nur mehr Freude an ihrer Arbeit haben könnten und damit wahrscheinlich länger in Ihrem Unternehmen bleiben, sondern weil die Wertschöpfung im Unternehmen steigen wird.

Glauben Sie nicht? Ist aber so: Mitarbeiter sind per se nicht faul, wie es ihnen aus einem patriarchalen Menschenbild heraus gerne unterstellt und mit strikter Arbeitszeiterfassung auch kontrolliert wird. Die meisten arbeiten gerne — wenn sie denn dürften und nicht vom Management-Theater abgehalten werden. Also richtig arbeiten meine ich: Etwas tun, was dem Kunden nutzt. Denn nur das ist tatsächlich wertschöpfend.

Lassen Sie Ihre Mitarbeiter endlich mal wieder das tun, wofür sie ins Unternehmen gekommen sind. Lassen Sie die Putzfrauen putzen, die Chemiker forschen, die Elektroniker Fernseher reparieren, die Verkäuferinnen verkaufen und Kunden beraten, die Mechatroniker an Anlagen rumschrauben, die Grafiker Flyer und Plakate gestalten und und und. Das ist ihr Job und beim Großteil auch mit viel Leidenschaft verbunden. Die meisten Menschen, die einen Job haben, mögen ihn eigentlich sehr gerne. Sie haben ihn sich schließlich aufgrund ihrer Neigungen und Fähigkeiten ausgesucht. Es wäre doch schon schade — nein, geradezu unternehmerisch unverantwortlich –, wenn diese Fähigkeiten nicht genutzt werden. Aber wegen der vielen Management-Praktiken bleibt den Mitarbeitern häufig gar keine Zeit, diese gewinnbringend einzusetzen.

Der richtige Rahmen für Y-Denkende

Hier sind alle Beteiligten gefragt, einen Rahmen zu schaffen, der die Mitarbeiter wieder arbeiten lässt. Für mich heißt das: Ran an die Regeln und verschwenderischen Tätigkeiten, die Sie bisher nur vorgeschrieben haben, um Sozialhygiene zu betreiben und die Strukturen aufrecht zu erhalten. Streichen, streichen, streichen und auf ein Mindestmaß reduzieren, damit endlich wieder richtig gearbeitet werden kann. Und dann haben die Mitarbeiter wieder Zeit zum Mitdenken und vor allem zum Lösen der Kundenprobleme.

Damit schlagen Sie sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Ihre Mitarbeiter dürfen endlich wieder ihre Fähigkeiten einsetzen und Ihre Kunden werden noch zufriedener. Schließlich bekommen die wieder mehr Aufmerksamkeit.

Meine Bitte: Sehen Sie diese »Y-Denkenden« nicht als Feind, sondern idealen Mitarbeiter. Schaffen Sie einen Rahmen, in dem Ihre kompetenten und willigen Mitarbeitern produktiv sein und etwas Sinnvolles schaffen können.

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