Was Partei-Strategen in Google Trends Daten für den #BTW17 Wahlkampf sehen können.

Welche Ereignisse erzeugen welche Resonanz für die Mobilisierung der eigenen Klientel? Welcher Trend für die Parteien? Was ist die Auswirkung von #tvDuell und #5Kampf?

Wenn Sie mein Medium-Profil besuchen, werden Sie eine Reihe von Beiträgen auf Französisch finden, die sich mit einer innovativen Wahlforschung beschäftigen. Ich habe mich der Frage gestellt, kann die Google-Suche nach Partei-Themen bzw. Kandidaten-Themen ein Vorläufer der Meinungsbildung darstellen? Also kann die Statistik der Google-Suchen die Meinung im Land spiegeln?

Dafür nutze ich Google Trends. Anhand praktischen echten Wahlkämpfen und Wahlgängen in Frankreich seit den Vorwahlen Ende 2016 der Konservativen für die Präsidentschaftswahlen, konnte ich viel experimentieren, Erfolge verbuchen und mir eine blutige Nase holen.

Das Problem war daß ich keine einfache Methode definieren konnte, wonach Wahlergebnisse sich Anhand von Such-intensitäten zuverlässig vorhersagen lassen. Dennoch und bis dato hat sich eine Methode bewährt, die nur Trends ableitet, sowie ein Profiling von Kandidaten in drei Kategorien ermöglicht : “Verlierer”, “Gewinner” und “Sockel-Kandidaten”. Je stärker das “Verlierer” oder “Gewinner” Signal ist, desto besser lassen sich Ergebnisse für den Wahlgang voraussagen.

Zum Beispiel konnte ich früher und teilweise besser als Umfragen analysieren, dass Benoît Hamon seine Vorwahl gewinnen wird und dennoch ein katastrophales Ergebnis für die Parti Socialiste bei der Hauptwahl einfahren wird. Oder sah ich François Fillon Erdrutschsieg bei der Vorwahl der Konservativen voraus. Das gleiche Vorgehen bei den parlamentarischen Wahlen im kleinen Wahlbezirk “Zentral-Europa” der Auslands-Franzosen ermöglichte die Voraussage des Erdrutschsieges vom En-Marche Kandidat Frédéric Petit.

1. Was ist die Methode und was sagt sie heute über die Bundestagswahlen 2017 ?

In meiner Vergangenheit in der Luftfahrt lernte ich die “CUSUM” Methode. Sie half uns, Qualitätsverschiebungen in unseren Produktions-Prozessen frühzeitig zu adressieren, lange bevor aufwendige statistischen Methoden zum gleichen Schluss kommen. Hier finden Sie eine Zusammenfassung auf Wikipedia der CUSUM Methode. Der Vorteil und die Schönheit dieser Methode, ist dass sie einfach ist und Verschiebungen “dramatisiert”, die das Auge ansonsten nicht sieht.

Hier wende ich die Methode einfach auf zeitliche Datenreihen von relativen Such-intensitäten zwischen Parteien an. Zusätzlich normiere ich die Reihen auf dem Mittelwert der jeweiligen Parteien/Kandidaten. Der Mittelwert bildet auch den CUSUM-Erwartungswert (siehe Wikipedia). Was bringt das? Die Steigung einer Partei-Kurve zeigt eine Trendwende sehr gut. Sie kann anschliessend als Resonanz auf der Zeitschiene interpretiert werden.

Und so funktioniert die Interpretation und Lektüre : Links ist die Vergangenheit, rechts die Gegenwart. Eine positive Steigung rechts zeigt einen positiven Trend. Das bedeutet daß Kurven die tendenziell konvex nach unten zeigen, Erfolg und einen positiven Trend veranschaulichen. Und umgekehrt. Die drei folgenden Kurven zeigen Ihnen wie “Gewinner”-, “Verlierer”-, bzw. “Sockel”- Profile aussehen. Je stärker das Profil auf der Y-Achse, desto grösser die Aussage.

Das “Gewinner”Profil von François Fillon bei seiner Vorwahl der Konservativen — Fillon gewan die Vorwahl in einem Erdrutschsieg
Das “Verlierer”-Profil von Benoît Hamon, der von seinem Sieg bei der Vorwahlen der Sozialisten, nie “erholen” konnte.
Das typische“Sokel”Profil in Form von Tal und Hügel von Alain Juppé und Nicolas Sarkozy bei deren Vorwahlen. Hier wird Beständigkeit veranschaulicht. Die Resonanz überschreitet weder Sockel noch Decke. Sieg oder Niederlage sind schwer vorauszusagen.

Interessant für die Analyse von Wahlkämpfen ist auch die Betrachtung der Summe der Such-Intensitäten für die Parteien auf der Zeitachse. Es ermöglicht, die wichtige Ereignisse des Wahlkampfes zu definieren, anhand der gesamten Resonanz. Somit wird zum Beispiel für Frankreich sichtbar, daß gewisse politische Programmen wie “L’Emission Politique” auf dem France 2 Kanal die gleiche Wichtigkeit wie eine Debatte geniessen. Wie sieht es in Deutschland aus?

2. Welche Ereignisse definieren den Deutschen Wahlkampf aufgrund der Resonanz ?

tägliche Summe der Such-Intensitäten für die Parteien im BTW17 — i.e. “Gewicht des Tages”

Daraus ist sichtbar daß der Wahlkampf zwischen den AFD-Petry-Verzicht-Parteitag vom 22 April 2017 und die NRW Wahlen von 14 Mai 2017 seine intensivste Phase hinter sich hat. Dennoch erzeugt der Wahlkampf seit Mitte August wieder mehr Resonanz. Das #TvDuell wie der #5Kampf bilden das zweit wichtigste Ereignis des Wahlkampfes nach der NRW Wahl und vor dem AFD Parteitag am 22 April 2017, den Wahl-O-Mat am 30 August 2017 und Schleswig-Holstein Wahlen am 7 Mai 2017.

Relative Such-Intensitäten zwischen den Parteien seit dem 1 Januar 2017 (bis zum 4 Sept.)

Die gesamte kumulierte Betrachtung der Google-Suchen, zeigt dass die AFD die Google-nutzer am meisten polarisiert (36% von allen Suchen für Parteien sind für die AFD). Wie gesagt, dies ist in keiner Weise eine Indikation für die Ergebnisse am 24 September. Ich habe es versucht, solche Daten zu korrigieren für Wahlen in Frankreich und konnte kein einfaches Modell entwerfen, das zuverlässig funktioniert. Es bleibt dennoch eine interessante Information wenn auch keine beruhigende für Demokraten.

3. Die CUSUM Partei-Kurven zwischen den 1. Januar 2017 und den 5. September 2017 sehen so aus

CUSUM Kurve. Relative Intensität der Google-Suchen für Parteien. Partei-Mittelwert wird als Cusum-Erwartungswert genommen. Der Mittelwert wurde auf 100 für jede Partei normiert.

Ein grosser Unterschied ist mit den Wahlen in Frankreich zu verzeichnen. Keine Partei zeigt klare und starke “Gewinner” oder “Verlierer” Profile. Es herrscht das “Sockel”-Prinzip, der Deutsche Wahlkampf ist ein Grabenkampf.

Nichtsdestoweniger ist sichtbar dass bei AFD und SPD, eher konvexe Kurven nach oben zeigen, was einen negativen Trend aufzeigt. Die AFD ist am nächsten zu einem “Verlierer”-Profil, wenn auch sehr schwach. Die rechtsextreme Partei polarisierte einigermassen durch die angereihte Ereignisse ab dem Abdanken-Parteitag von Frauke Petry am 22 April 2017 hindurch bis zur erfolgreichen NRW Wahl für Schwarz-Gelb am 14 Mai 2017 auf Kosten von allen anderen Parteien. Die NRW Wahl stoppte die AFD-Mania, schicke gleichzeitig aber die Grünen in eine tiefere Krise, ohne den SPD Sockel anzukrazen. Dennoch hat die SPD aktuell den negativsten Trend und zeigt eine deutliche Erosion Ihres Sockels. Sie schafft es nicht, den “Schulz-Zug” was gegen Ende Januar durchstartete, wieder in Gang zu setzen. Der Petry-Parteitag und die NRW-Wahlen sind die wichtigsten Ereignisse für die AFD bzw. die SPD. Es ist fraglich ob sie sich davon erholen werden.

Im Gegenteil, FDP und DIE LINKE zeigen eine klare Konvexität nach unten, was einen klaren positiven Trend bedeutet. Die FDP ist am nächsten zu einem “Gewinner”-Profil, wenn auch auf schwacher Weise. Beide Parteien erfahren die positive Strecke seit deren Parteitage Ende April in Berlin für die FDP bzw. Anfang Juni in Hannover für DIE LINKE.

die CDU zeigt am meisten das “Sockel” Profil. Sie zeigt einen stabilen Trend wie ein Fels in der Brandung.

BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN fangen das Jahr schlecht mit einer ersten Phase bis Mitte Juni an, wo die Kurve eine Konvexität nach oben zeigt. Der Trend ist negativ. Die NRW Wahlen lassen tiefe Spuren hinter sich. Seit Mitte Juni und die Rede von Cem Özdemir bei dem Parteitag, hat sich das Blatt einigermassen für die Grünen gewendet. Seitdem ist der Trend stabil bis leicht positiv.

Im Sinne des “Grabenkampfes”, zeigen weder das #TVDuell noch der #5Kampf am 3. Sept. bzw. am 4 Sept. Einflüße auf diesen Trends. Es ist immer noch möglich dass die Resonanz bis zu 4 Tage nach Ereignisse sich entfaltet. Aufgrund meiner modesten Erfahrung erwarte ich dennoch jetzt nach 24h-48h keine überraschende Wende.

Fazit: Der Deutsche Wahlkampf ist ein Grabenkampf, anders als in Frankreich wo klaren “Gewinner” oder “Verlierer” Profilen eine gewisse Voraussage ermöglichen. Anhand Google Trends lässt sich dennoch der Erfolg des Wahlkampfes aufgrund der erzeugten Resonanz klar und wie folgt einordnen.